Alexa Rodrian – One Hour To Midnight (Releasedate: 26.06.2020)

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Alexa Rodrian – One Hour To Midnight (Releasedate: 26.06.2020)

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Mit „I am what I am/talk a little too much/laugh a little too loud/think a little too much“
hat Alexa Rodrian auf ihrem vorletzten Album Mothersday (2013) ein Statement in
Sachen klanggewordenes Selbstportrait gesetzt. Ihre letzte Veröffentlichung Mother
Unplugged (2015) setzt sich gleichfalls mit ihrer Rolle als Frau und Mutter
auseinander. Familiensinn beweist auch ihr drittes auf dem Liebhaberlabel Enja
Records erschienenes Werk One Hour To Midnight, das die Sängerin selbst als ihr
Opus Magnum bezeichnet: Das Cover zeigt den alten Dual-Plattenspieler von
Rodrians Mutter. Mehr aber noch bezeugt es, dass die routinierte Jazz-Röhre auch
die ganz, ganz leisen (Zwischen-)Töne draufhat.

 

In dreizehn Songwriter-Jazz-Stücken – darunter acht Eigenkompositionen, eine
Kollaboration mit ihrem Partner Jens Fischer Rodrian und vier überraschende
Interpretationen, die der Idee eines Duo-Albums folgend jeweils einen anderen
musikalischen Partner mit Rodrian interagieren lassen – setzt die in New York
ausgebildete Künstlerin, die ihre Songs zum ersten Mal nicht nur selbst geschrieben,
sondern zum Großteil auch selbst arrangiert hat, ein Zeichen für mehr Empathie und
Miteinander, gegen Ausgrenzung und Hass. Eine Platte aus einer starken femininen
Position, die Männer ausdrücklich willkommen heißt. Konsequent gehen 20% der
Einnahmen an die entwicklungspolitische Non-Profit-Wasserinitiative Viva con Agua
de St. Pauli e. V., die beispielsweise Quelleinfassungen fördert, damit sauberes
Trinkwasser geschöpft werden kann – in Entwicklungsländern traditionell
Frauenarbeit.

 

Aufgenommen in der Kirche Zum Guten Hirten in Berlin-Friedenau, wohnt den
Stücken eine intime, spirituelle, nahezu mystische Atmosphäre inne. Den Auftakt
macht das durch Billie Holiday bekannt gewordene „Strange Fruit“, das hier durch
Drummer Florian Holoubek zunächst lediglich perkussiv begleitet wird, bis sich
seine fernen Bass-Echos dazugesellen. Die spärliche Instrumentierung lässt
Rodrians Stimme, die hier eher rezitiert denn singt, umso dringlicher wirken, während
peitschende Schlagzeughiebe die dem Song inhärente Schmerzerfülltheit bis zum
Kaumnochaushalten steigern. Nachgerade zart dagegen tastet sich „Mörtels Song“
mithilfe der perlenden Harfenklänge Julia Beckers heran, die den Hörer immer dann
wieder aufzufangen verstehen, wenn der besungene Verlust allzu traurig zu stimmen
droht.

 

Und dann ist es auch schon Zeit für den titelgebenden Waltz „One Hour To Midnight“,
der einmal mehr verdeutlicht, dass Rodrian zur erfahrenen Storytellerin gereift ist, die
sich kein X für ein U vormachen lässt. Umspielt wird ihre Rezitation von soghaftsuggestiven
Cellotönen, die Noah Hoffeld, ein klassisch ausgebildeter New Yorker
mit Faible für Rock, via Datentransfer beigesteuert hat. Zuletzt war Hoffeld auf Brad
Mehldaus Grammy-prämierten Album Finding Gabriel (2019) zu hören. Zu Recht
muss diese Female Empowerment-Hymne als Schlüsselstück des Albums gelten.
„Asamba“ dann wartet mit traumhaften Gitarrenklängen aus den Fingern von Jens
Fischer Rodrian auf – ein Zwiegesang der Eheleute, so zart, so innig, wie es zuletzt
nur auf „Fisher’s Song“ vom Album All Done and Dusted (2008) zu hören war,
derweil der rotschwarze Text an Rodrians mithin legendären Gastauftritt auf der
Trondheym-Platte Stay Tuned (2009) erinnert.

 

Mit Whitney Houstons „I Wanna Dance With Somebody“ folgt das erste Coverstück
des Albums. Begleitet vom vorsichtigen Spiel des Vibraphonisten Franz Bauer legt
Rodrians nahezu quälend sehnsuchtsvolles Arrangement, zu dem sie sich nach dem
Anschauen einer Dokumentation über Houston inspiriert fühlte, die der beschwingten
Dance-Nummer von Anbeginn innewohnende Melancholie offen. „Ich habe“, so
Alexa Rodrian, „das Lied immer als Walzer gehört und gedacht: Es ist so traurig wie
ihr Leben.“ Die Walzerzählzeit dominiert auch auf „Love in Three Four“, wo Rodrians
weiter oben erwähnter Trondheym-Partner Gerhard Schmitt ihr mit seiner so
versiert wie zurückhaltend gerührten Pedal-Steel-Gitarre so viel Raum gibt, dass man
den Song stellenweise als a cappella-Nummer zu bezeichnen versucht ist: Die
Stimme der Sängerin kommt dem Hörer so nah, als säße er ihr in einem eleganten
Wohnsalon hingebungsvoll lauschend zu Füßen.

 

Auf „Rabahs Call“ hat das zuletzt auf Matthi Kleins „Soul Trio“ gehörte
Baritonsaxophon von Lars Zander der selbstbewussten I Wanna Dance With You
Aufforderung einiges entgegenzusetzen – ganz wie der Bruder oder Vater einer ihren
Hijab zum Tanze abstreifenden Frau, der irgendwann gar nicht mehr anders kann,
als sich von dieser heimlichen Revolution Stück für Stück mitreißen zu lassen. Man
denke hier nur an My Stealthy Freedom. Danach begleitet Doro Gehr am Flügel ein
Stück über die Sprachlosigkeit, die langjährige Paare mitunter befällt, und die stille
Akzeptanz, mittels welcher sie sich ihr ergeben haben: „Same Old“. Die Interpretation
von „House of the Rising Sun“ dagegen röhrt dank Friedrich Milz‘ Posaune wie eine
ganze Bigband, die einen zackigen New-Orleans-March bläst.

 

Mit „Sunday“, einem zweiten Duett mit Jens Fischer Rodrian, wühlt sich die
Musikerin durch die eigene komplizierte Herkunftsgeschichte, weiß sie dabei aber
derart poetisch zu verbrämen, dass man nie das unangenehme Gefühl hat, Zeuge
einer Selbsttherapiesitzung zu werden, wovon sich so manch vollbärtiger
Befindlichkeitsbarde eine Scheibe abschneiden könnte. Auch Lars Zander hat,
diesmal an der Bassklarinette, einen zweiten Auftritt: „I Love This Harlot“ ist die
kongenial ins Englische übertragene Version des Konstantin-Wecker-Klassikers „Ich
liebe diese Hure“, mit der sich die Sängerin vor dem Liedermacher verbeugt, der sie
2001 für sein Album Vaterland zum Duett gebeten hatte. Auch mit ihrem Mitstreiter
auf „Back Up the Hill“, Le Bang Bang-Bassist Sven Faller, verbindet Rodrian eine
lange Geschichte: Zur Jahrtausendwende spielte sie mit ihm im Duo. Kein Wunder,
dass Rodrian die wohl weltschönste musikalische Konstellation von Frauenstimme
und Kontrabass souverän meistert, noch dazu mit einem Song, den man mit seinen
Anklängen an „Fever“ für einen langverschollenen Evergreen aus dem All American
Songbook halten könnte, voller Liebesglut und Leidenschaft.

 

Aufgenommen, gemischt und produziert wurde One Hour To Midnight von dem
freischaffenden Toningenieur und diplomierten Bassisten Friedrich Störmer
(u.a. Nils Frahm, Peter Ewald), der Rodrians Soundvision geteilt und letztendlich
umgesetzt hat. Apropos letztendlich: Im Gegensatz zum Märchen, wo die zuletzt zur
Feier eintreffende Fee leer ausgeht, legt One Hour To Midnight mit „Hexenstunde“
noch ein dreizehntes Gedeck auf. Eingeladen: Jazzpoetin Esther Kaiser, deren
sanfte Loops im Background einer Rodrian huldigen, die hier ihre große Stunde als
Spoken-Word-Priesterin hat. Es ist die deutsche Entsprechung zum Titeltrack, die
hier, nicht zuletzt durch Hoffelds Cello, reprisenartig den Reigen schließt. Dabei
haben die beiden ihren Zaubertrank köchelnden Berlinerinnen nichts Geringeres im
Sinn, als „stolz und frei von Neid“ schwesterliche Bande zu knüpfen zwischen
Frauen, die sich oft genug gegenseitig nicht über den Weg trauen: Hexenstunde, das
sind wir. Wissen woll’n wir’s jetzt ganz genau/warum das oft nicht so gut geht/von
Frau zu Frau. Hexenstunde. Kommt doch zu uns in die Runde! Denn nur so wird’s
uns gelingen, Patriarchales zu bezwingen. Die Zeit dafür wäre überreif – nicht fünf
vor zwölf, sondern One Hour to Midnight.

 

Ich fühle mich von Rodrians Rezitation an die Hexenszene aus Shakespeares
Macbeth – Wann kommen wir uns wieder entgegen? In Donner, in Blitzen, oder in
Regen? – erinnert und sage ihr das auch. „Or maybe that“, sagt sie in ihrem
charmanten Denglisch und lässt dabei ein über mehrere Oktaven arpeggierendes
Lachen hören, wie immer ein bisschen zu laut.

 

Berlin, im März 2020
Victoriah Szirmai

 

 

Tourtermine:

25.06.2020 Berlin – Gemeindesaal zum guten Hirten (“Streamingkonzert” ohne Publikum)

16.09.2020 Lübeck – Tonfink

17.09.2020 Lüneburg – Mosaique

18.09.2020 Hamburg – Komm Du

19.09.2020 Rendsburg – Mitten Drin

20.09.2020 Jesteburg – Cafe Book

07.10.2020 Augsburg – Cafe Neruda

08.10.2020 München – Bar Garbani

09.10.2020 Dachau – Cafe Gramsci

10.10.2020 Peiting – Grüner Salon

11.10.2020 Nürnberg – Tante Betty

30.10.2020 Prenzlau – Alte Mühle (Gollwitz)

02.11.2020 Görlitz – Cafe Kugel

11.11.2020 Stuttgart – BIX

12.11.2020 Freiburg – Das Jos

13.11.2020 Zürich – Freiraum

14.11.2020 Frankfurt – Denkbar

15.11.2020 Saarbrücken – Rohrbacher Mühle