Brad Mehldau – After Bach (Releasedate: 09.03.2018)

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Brad Mehldau – After Bach (Releasedate: 09.03.2018)

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Brad Mehldau’s – After Bach

Das „Wohltemperierte Klavier“ wird von Pianisten gerne als Zyklus gesehen und als
Ganzes interpretiert. Johann Sebastian Bach hingegen verstand die beiden „Bücher“, die
er 1722 und 1740/42 fertig stellte, eher als Sammlungen von Stücken, die er, wie im
Langtitel zum ersten Teil angemerkt, „zum Nutzen und Gebrauch der Lehrbegierigen
musicalischen Jugend, als auch derer in diesem Studio habil Seyenden besonderem
Zeitvertreib auffgesetzet und verfertigt“ habe. Jedenfalls entwickelten sich die aus je 12
paarweise angeordneten Präludien und Fugen bestehenden Zusammenstellungen zu den
bekanntesten Werken des Komponisten, die Zeitgenossen und Nachgeborene selbst
dann noch faszinierten, als Bachs übriges Schaffen in Vergessenheit zur geraten drohte.
Mozart kannte sie, Beethoven schätzte sie, Czerny bearbeitete sie, andere Komponisten
von Chopin bis Schostakowitsch orientierten eigene Zyklen an der Bauform der die
Tonarten entlang laufenden Einzelstücke. Bis heute hält die Begeisterung für das
„Wohltemperierte Klavier“ an, bis hinein in die Jazzwelt, wo sich bereits Pianisten von
Friedrich Gulda bis Keith Jarrett seiner angenommen haben.
Kein Wunder also, dass auch Brad Mehldau sich von dem Oeuvre in den Bann ziehen
lässt. Selbst ein erklärter Fan der klassischen und romantischen Klaviermusik, der
deutschen Literatur und stil- und gattungsübergreifenden Spielkultur, hat er bereits
eigene Solo-Zyklen wie „Elegiac Cycle“ (1999), „Love Sublime“ (2006) mit der
Sopranistin Renée Fleming oder „Love Songs“ (2010) mit der Mezzosopranistin Anne
Sofie von Otter gestaltet. So sehr er mit seinem Trio die Welt der musikalischen
Festlegungen hinter sich lassen kann, um mit dem Bassisten Larry Grenadier und dem
Schlagzeuger Jeff Ballard in gemeinsame Höhen kreativer Entrückung zu gelangen, so
sehr er geerdete Töne im Duo mit dem Schlagzeuger Mark Guiliana („Mehliana: Taming
The Dragon“, 2014) oder dem Mandolinen-Meister Chris Thile („Chris Thile & Brad
Mehldau“, 2017) liebt, so nah ist er auf der anderen Seite den klassischen Grundlagen
seines Instruments, die er immer wieder aus sich verändernden Perspektiven erforscht.
„After Bach“ ist nun Brad Mehldaus neues Meisterstück als Solo-Künstler. Den Ansporn
für die Beschäftigung mit dem Klavierwerk des barocken Meisters im Allgemeinen und
dem „Wohltemperierten Klavier“ im Speziellen, gab ein Kompositionsauftrag durch die
Carnegie Hall, das Royal Conservatory of Music, die National Concert Hall und die
Wigmore Hall, für die Mehlau 2015 erstmals „Three Pieces After Bach“ aufführte. Für
Hörer und Rezensenten war es durchaus eine Provokation, dass sich ein Jazzmusiker
daran machte, die Werke Bachs aus seiner Perspektive fortzuführen und in ungewohnte
Klangzusammenhänge zu stellen. Doch am Ende war es ein Triumph, wie John Fordham
in The Guardian feststellte: „Mehldau kann hart bis zur Unbarmherzigkeit sein, aber auch
wenn es solche Momente gegeben hat, traf er doch die Balance von Raum und Intensität
nahezu perfekt in seinem kraftvollen und die Gedanken herausfordernden Auftritt“.
Seit diesen Versuchsballons der Gattungsüberschreitung hat Brad Mehldau das „After
Bach“-Programm weltweit vorgestellt und so lange weiter verfeinert, bis er sich bereit
fühlte, das Experiment auch unter Studiobedingung festzuhalten. Den Kern bilden drei
Präludien aus dem ersten Buch, außerdem ein Präludium und eine Fuge aus Buch 2 des
„Wohltemperierten Klaviers“. „Before Bach: Benediction“ führt als Einleitung an das
Zentrum heran, die Conclusio „After Bach: Ostinato“ und ein „Prayer For Healing“ am
Ende darüber hinaus. Die improvisierend wirkenden, zugleich aber formal klar sich an
den barocken Vorlagen orientierenden „After-Bach“-Variationen wechseln sich mit den
Notentexten ab. Es ist ein raffiniert konzipiertes und bis in die Tonnuance präzises
kommunikatives Wechselspiel zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Historizität und
Persönlichkeit. Dabei gelingt es Mehldau, die Übergänge der Energien so fließend zu
gestalten, dass Strenge und Offenheit ineinanderfließen, wobei es ihm hilft, dass seine
Anschlag- und Interpretationskultur selbst manchem klassischen Kollegen noch Wege
weist. „After Bach“ wird daher Aufsehen erregen. Denn selten sonst wurde so
konsequent und inspiriert die Gleichwertigkeit von Musikkulturen demonstriert wie mit
diesem herausragenden Recital des Klavier-Genius Brad Mehldau.