Dimitri Grechi Espinoza “ReCreatio” VÖ-Datum: 15.12.2017

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EAN: 8030482001990

Label: Ponderosa

LabelCode: LC13477

Vertrieb: edel kultur

Im Westen der Toskana, nahe des Mittelmeers, verläuft über 18 Kilometer der Leopoldino-Aquädukt. Er leitete einst Wasser von einer Quelle in Colognole nach Livorno. Auf dem Weg, in den Hügeln vor der 158.000-Einwohner-Stadt versteckt, liegt das Cisternino Pian di Rota, eine Zisterne, die früher als Sammel- und Reinigungsbecken diente, inzwischen jedoch leer steht. Geplant wurde das Gebäude von Architekt Pasquale Poccianti in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, fertiggestellt dann 1851. Mit seinem reckteckigen Grundriss, einer Portico-Fassade und halbkreisförmigen Exedra-Nischen ist es im neoklassischen Baustil gehalten. Zwei Säulenreihen stützen im Inneren eine Reihe von Rippengewölben und unterteilen den gewaltigen Raum.

Seitdem der ehemalige Wasserspeicher nicht mehr für den eigentlichen Zweck genutzt wird, ist er eher bekannt für seine besondere Akustik. Vor allem die lockte Dimitri Grechi Espinoza an. Als der Saxophonist und sein Produzent Titti Santini den Ort zum ersten Mal besuchten, waren sie geflasht von dessen schier endlosem Hall. Sie testeten ausführlich, ob dieser für Musikaufnahmen geeignet ist und wählten schließlich mögliche Positionen für Mikrofone aus. Bei der Produktion kamen letztlich acht Mikrofone zum Einsatz, einige direkt vor Espinozas Saxophon, die anderen weiter entfernt und an klanglich besonders interessanten Stellen im Raum verteilt.

Auf dem fertigen Album “ReCreatio” können die Zuhörer jetzt erleben, wie sich Espinoza auf die räumlichen Begebenheiten einstellt, wie er sie für Klanggebilde voller Spiritualität nutzt. Der Saxophonist tritt in Beziehung zum ihn umgebenden Raum und dessen ungewöhnlichem Klangcharakter, er bläst kleine und kleinste Melodiemotive, die sich im sekundenlangen Nachhall zu Akkorden bzw. zu hochkomplexen Strukturen verdichten. Obwohl es sich beim Saxophon (im Gegensatz zu Tasteninstrumenten oder der Gitarre) um einen monophonen Tonerzeuger handelt, der also nur Einzeltöne produziert, entsteht hier eine eigentümliche Polyphonie. Und das ohne Overdubs oder andere Studiotricks. Denn im Cisternino Pian di Rota verklingen die von Espinoza stetig wiederholten und variierten Tonfolgen ja nicht gleich wieder, sie addieren sich zu einer geradezu sphärischen Soundimpression. Als würde ein ganzes Orchester aus Saxophonen spielen.

Espinozas Solostücke auf “ReCreatio”, bei denen die Grenze zwischen Komposition und Improvisation immer wieder verschwimmt, basieren auf seinem jahrelangen Studium des Jazz, westlicher Klassik und anderer Musikkulturen auf unserem Planeten. “Jedes Stück handelt von einem Aspekt der Natur und von dessen Schöpfung”, sagt der Künstler über seine Intention hinter der Musik. An Titeln wie “Life into the Sea”, “The Mountain” oder auch “Rattlesnake and the Animals” lässt sich das jeweilige Thema leicht ablesen.

Mit “ReCreatio” führt Espinoza seine Projektreihe mit Aufnahmen am Solosaxophon höchst eindrucksvoll fort. Vorausgegangen war 2015 das Album “Angel’s Blows”, das im Battistero di San Giovanni, einer christlichen Taufkirche in Pisa, entstand. In dem Rundbau aus dem 12. Jahrhundert breitet sich der Schall ungehindert aus, dessen Architektur und die damit einhergehende Akustik inspirierten Espinoza zu Stücken zwischen Jazz und Kirchenmusik. Mutterseelenallein, ganz auf sich selbst zurückgeworfen, zog er an dem Ort seine Bahnen, stellte minimalistische Tonfolgen in den kathedralenartigen Hallraum.

Der spirituelle Aspekt von Musik beschäftigt den 1965 in Moskau geborenen Künstler schon seit rund fünfzehn Jahren, davor durchlief er freilich erst einmal die üblichen Stationen einer Jazzerkarriere. Zunächst schaffte sich Espinoza das spieltechnische Rüstzeug am Saxophon drauf, danach verfeinerte er sein Können unter anderem in Seminaren an der Accademia Nazionale del Jazz in Siena sowie in Meisterkursen an New Yorks Musikinstitution Jazz Mobile. 1998 gründete er in Italien die Experimentalgruppe Dinamitri Jazz Folklore, mit der er seither regelmäßig alte Kulturtraditionen erkundet und zeitgemäß fortführt. Seine Offenheit für fremde Kulturen mündete außerdem in Gastspielen beim panafrikanischen Fespam-Festival in Brazzaville (Hauptstadt der Republik Kongo), dem Festival au Désert in Mali und dem Festival Taragalte in der marokkanischen Oasenstadt M’Hamid El Ghizlane.

Seit 2004 gibt Espinoza unter der Überschrift “Oreb” Solokonzerte am Saxophon. Oreb ist abgeleitet von der hebräischen Bezeichnung für den Berg Horeb, der im Allgemeinen mit dem Berg Sinai gleichgesetzt wird. Auf dem sagenumwobenen “Gottesberg” erhielt Moses von Gott die Gesetzestafeln mit den Zehn Geboten, der Prophet Elijas floh vor der rachsüchtigen Königin Isebel dorthin und hatte eine Gottesoffenbarung in Form einer leisen, kaum wahrnehmbaren Stimme, die quasi aus ihm selbst heraus zu ihm sprach.

Diese Erfahrung der “inneren Stimme” (die Einen nennen sie Gott, die Anderen spirituelles Einssein mit dem Universum) will Dimitri Grechi Espinoza vermitteln. Wie er in den Liner Notes zu “Angel’s Blows” ausführte, sieht er seine Aufgabe als Künstler darin, die Musik zu ihrer ursprünglichen Funktion eines “Dialogs mit dem Heiligen” zurückzuführen. Ihm geht es um “das Bewusstsein von sich selbst und anderen in der Gegenwart jener Einheit, die die kosmische Ordnung zusammenhält”.

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