Willie Nelson & Wynton Marsalis – Two Men With The Blues

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Willie Nelson & Wynton Marsalis – Two Men With The Blues

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(EMI/ Blue Note; VÖ: 11.07.08) Das Konzertplakat kündigte schlicht und einfach „Willi Nelson Sings the Blues“ an, aber die beiden geschichtsträchtigen Abende des 12. und 13. Januars 2007 im Jazz at Lincoln Center hatten weitaus mehr zu bieten. Es waren Gipfeltreffen zweier amerikanischer Ikonen, Willie Nelson und Wynton Marsalis – was der eine für die Countrymusik ist, ist der andere für den Jazz. Mehr als nur Giganten ihres Fachs, sind der Outlaw Nelson in seinem Südstaatenordinat und der Traditionalist Marsalis in seinem feinen Zwirn zwei eigensinnige Querdenker, die bei ihren Auftritten ihre gemeinsame Liebe zu Jazzstandards und zum Blues entdeckten. Ihre Performance glich einem lockeren Streifzug durch die musikalischen Gefilde von New Orleans, Nashville, Austin und New York, wobei das brillant gestaltete Programm gleichermaßen heimatverbunden und kosmopolitisch wirkte, mit reichlich Swing und einem Hauch Melancholie. Nichts anderes also als eine Sternstunde des Jazz at Lincoln Center, deren schönste Momente nun auf dem Blue-Note-Livealbum „Two Men With The Blues“ für die Nachwelt festgehalten wurden.

Wille Nelsons Auftritt war zweifellos ein absolutes Highlight innerhalb der trefflich benannten Konzertreihe Singers Over Manhattan, die das Jazz at Lincoln Center in den letzten beiden Jahren veranstaltet hatte und der mit der atemberaubenden Kulisse des Allen Room ein würdiger Rahmen verliehen wurde. Das Venue am Columbus Circle in New York hat seine Bühne vor einer zweistöckigen Glaswand, sodass die Musiker vor einem imposanten nächtlichen New York Panorama auftreten: Taxis, die den Columbus Circle umkreisen, die erleuchteten Apartments an der Upper East Side jenseits des Central Parks, und im besten Falle der über allem scheinende Mond. Vor diesem wechselhaften Lichterspiel einer unverwechselbaren Großstadt hatten sich sowohl Nelson als auch sein langjähriger Begleiter, der Harmonikaspieler Mickey Raphael, in Schale geschmissen und boten mit dem stets galant wirkenden Marsalis und seinem Quartett – Dan Nimmer (p), Carlos Henriquez (b), Ali Jackson (dr), Walter Blanding (sax) – trotz ihrer so unterschiedlichen Herkunft ein stimmiges Bild.

Den Albumauftakt bildet ein aufgedrehter Honky-Tonk, „Bright Lights Big City“ mit seinem nahezu cineastischen Flair, den Marsalis wie folgt beschreibt: „Bei uns trifft wirklich die Großstadt auf das Land. Mickey ist wie der Klang eines Zugs…und wir bilden die Autohupen.“ Hier gibt es reichlich Raum für Soli, wo sich jeder mal locker in den Vordergrund spielen kann. So fließt Raphaels klagende Mundharmonika fast nahtlos in das Trompetenspiel von Marsalis, der ein etwas gemäßigteres Tempo anschlägt, bevor sich das Spotlight ganz auf Blanding richtet. Dann plustert sich noch einmal das Boogie-Woogie-Piano auf und der Bass pumpt wie ein Kraftwerk, als wollten sie Platz schaffen für Willie Nelsons Gesangseinsatz. Es war eben eines dieser Konzerte, bei denen man die Klasse eines brillant aufeinander abgestimmten Ensembles spürt und die auch an Spontaneität, Kongenialität und Spaß nichts vermissen lassen. Wenn etwa Marsalis bei „Night Life“ ganz in den Gefühlstaumel einer Bluesballade versinkt und Raphael dazu ein gottverlassenes Harmonikasolo aus der Tasche zaubert, verleiht Nelson dem Songtext kongenial eine nachdenkliche, mit allen Wassern des Lebens gewaschene Note. „Caledonia“, ein Stück, bei dem sich nicht wenige Bands gerne verausgaben, wird von Nelson bewusst ganz cool gehalten und die Band folgt ihm intuitiv, wenn nicht blind, als wollte sie illustrieren, dass ein Arrangement umso aufregender ist, wenn es stets knapp unter dem Siedepunkt bleibt.

Nate Chinen, Kritiker der New York Times, hob in seiner Rezension den „verspielten Ton“ hervor, der zwischen Nelson und Marsalis herrschte, und schrieb: „Marsalis spielte seine Trompete mit prägnant zwangloser Autorität…und, als bemühte er sich um eine vokale Qualität, sang er geradezu durch sein Instrument. Mr. Marsalis sang auch mit seiner Stimme, eine Version von ‘Ain’t Nobody’s Business‘, die sich schnell zu einem Duett unter Kumpanen mauserte. ‘Ich hör‘ Dich‘, bemerkte Mr. Nelson wohlwollend während einer schelmischen Strophe von Mr. Marsalis. Es war ein Moment, der Erinnerungen an die Possen zwischen Jack Teagarden und Louis Armstrong wachrief.“ Allerdings, fügte Chinen hinzu, „waren die alles überragenden Momente der Konzerte von eher ruhigerer Natur, und zwar waren dies ‘Stardust‘ und ‘Georgia On My Mind‘, zwei Standards von Hoagy Carmichael, die sich Mr. Nelson schon vor langer Zeit zu eigen gemacht hat. Er sang sie beide mit unverblümter Intimität, ganz so, als würde er liebgewonnene Gutenachtgeschichten erzählen. Und die Band war dabei ganz bei ihm, als würde sie betonen wollen, dass der Blues ebenso gut ein Gefühl ist wie eine Gattung.“

Nelson selbst ist von der ungewöhnlichen künstlerischen Liaison nicht minder beeindruckt. „Diese Songs auf diese Art und Weise mit dieser Band zu hören – das hat es so noch nicht gegeben. Was immer ich mache, wenn Wynton und seine Jungs mit von der Partie sind, hebt das die Songs auf ein ganz anderes Level.“ Dazu zählen auch der von Nelson komponierte „Rainy Day Blues“ sowie feine Interpretationen von Spencer Williams‘ „Basin Street Blues“ und Clarence Williams‘ „My Bucket’s Got A Hole In It“. Letztgenannte glänzt durch ein superbes Arrangement im Stile einer New Orleans Brass Band, einen längeren Percussion Break und einen gewitzten Schlagabtausch zwischen Marsalis und Nelson am Gesangsmikrophon. Zum abschließenden Höhepunkt des Sets setzt die Band zu einem berauschenden Gospel an. „That’s All“ hat einen so mitreißenden Groove, dass auch bei dem ausgelassenen Jubeln und Johlen der Zuschauer offenbar wird, was für eine beseelte, geradezu ansteckende Atmosphäre herrscht.

Im letzten Herbst, als der 74-jährige Nelson während der jährlichen Country Awards mit dem BMI Icon Award ausgezeichnet wurde, hielt Kris Kristofferson die Laudatio. „Als Bühnenkünstler wird es so einen wie ihn nicht mehr geben. Wie Muhammad Ali, wie Johnny Cash, ist er über die Kunstform hinausgewachsen, die ihn berühmt gemacht hat.“ Marsalis würde dem mit Sicherheit beipflichten. Während der Proben zu dem Konzert mit Nelson bemerkte er: „Das Erste, was einem bei Willie auffällt, ist seine Integrität. Er hat all die Jahre in seinem Bus richtig Meilen gemacht, war stets unterwegs. Er ist einer der Letzten dieser eigenwilligen Sorte Musiker.“

Mit seiner unvergleichlichen Aura eines Outlaw hat Nelson tatsächlich das Angesicht der Countrymusik geprägt und hat weit darüber hinaus ein generationenübergreifendes Publikum erreicht, das sonst eher bei Jam Bands, im klassischen Rock, Blues oder Jazz beheimatet ist. Nelson, der mit dem Legends Award und dem Lifetime Achievement Award zwei der bedeutsamsten Grammys auf sich vereint, hat da so seine eigene Betrachtungsweise: „Labels hat man erfunden, um Musik zu verkaufen, wobei man schon wissen musste, wie man was nennt, bevor man es verkauft. So nannte man Blues den Blues, Jazz den Jazz, dasselbe mit Bluegrass, Gospel, was auch immer…und es gibt halt Musik, die das alles umfasst, aber wie nennt man die? Ich weiß nur, es ist genau diese Musik, die ich gerne spiele.“

Der virtuose Marsalis wiederum, der ebenso belesen wie beliebt ist, hat seine bemerkenswerte Karriere um Jazz und Klassik aufgebaut. Der Pulitzerpreisträger und mehrfache Grammygewinner ist derzeit künstlerischer Leiter des Jazz at Lincoln Center. Als Jazzhistoriker, Lehrbeauftragter und Mentor hat er junge Musiker zuhauf gefördert und sich zudem ein ums andere Mal um die musikalischen Traditionen seiner Heimatstadt New Orleans verdient gemacht. Aber wie Nelson pflegt er die Traditionen nicht bloß, er baut sie aus respektive setzt sie in modernen Kontext. Die Konzerte mit Nelson wurden von Marsalis‘ Überzeugung bestärkt, dass der Blues die eigentliche Nationalhymne seines Landes ist. „Two Men With The Blues“ ist fürwahr der klingende Beweis eines Genres der unbegrenzten Möglichkeiten.