whitetree – cloudland

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(Ponderosa music; VÖ: 15.05.09) Zugegeben, “Cloudland” ist nicht der erste Versuch, elektronische Tonerzeuger von heute mit klassischer Musik zu paaren. Carsten Nicolai arbeitete mit Ryuichi Sakamoto, Carl Craig und Moritz von Oswald versahen Maurice Ravels “Bolero” mit einem Techno-Dreh, und auch einige andere Musiker der jungen Generation sind mit dem Laptop genauso vertraut wie mit den Orchesterinstrumenten der europäischen Konzerttradition. Es gab also durchaus schon mutige und bemerkenswerte Anstrengungen in dem Zwischenreich, mit seiner Verspieltheit, Lockerheit und Bandbreite ist “Cloudland” dennoch etwas ganz Besonderes.

Die Gründe dafür sind offensichtlich: Ludovico Einaudi ist kein Durchschnittskomponist klassischer Musik, und Robert und Ronald Lippok sind auch nicht gerade die typischen Elektronikkomponisten. Beider Arbeiten vor dem gemeinsamen Projekt Whitetree waren deutlich anders als das Übliche. So ließ sich etwa Ludovico Einaudi von jeher nicht auf die überlieferten Konventionen des Klassikgenres festlegen. Der in Turin geborene Grenzgänger studierte bei Luciano Berio, komponierte fürs Ballet, Kammerensembles und Orchester, gab Solokonzerte am Piano, die ihn von Philip Glass, Didier Squiban und Erik Satie beeinflusst zeigten, eroberte mit Alben wie “Eden Roc” und “I Giorni” das Pop-Publikum und schrieb Filmmusiken für Kinoerfolge wie “Ein unmögliches Verbrechen”, “Meines Vaters Worte” und “Licht meiner Augen”. Für die Romantik eines Johannes Brahms interessiert sich der Enkel des italienischen Staatspräsidenten Luigi Einaudi genauso wie für Tonbandmanipulationen, präpariertes Klavier oder Popsongs von Björk, Radiohead und Coldplay.

Bei Robert und Ronald Lippok sieht die Sache nicht viel anders aus, sie lassen sich ebenfalls nicht so ohne Weiteres eingrenzen. Erste Erfahrungen als Musiker sammelten die Brüder noch vor dem Mauerfall in Ostberlin. Ronald spielte dort in der Band Rosa Extra, benannt nach einer DDR-Damenbinde, 1982 gründeten die Geschwister die Formation Ornament und Verbrechen, später traten ihre musikalischen Erkundungen architektonischer Räume ein beachtliches Medienecho los. Die größte Publicity bescherte ihnen jedoch To Rococo Rot (der Bandname ist übrigens ein Palindrom, vorwärts wie rückwärts gelesen ergibt sich dieselbe Buchstabenfolge). In dieser Gruppe erschufen die beiden zusammen mit Stefan Schneider einen experimentellen Post-Rock, den man am ehesten als Electronic Listening bezeichnen könnte. An der Nahtstelle von Mensch und Maschine verschmolzen hier handgemachte mit computergenerierten Sounds.

Vor allem die Verbindung von natürlichen und artifiziellen Elementen faszinierte Ludovico Einaudi, als er vor ein paar Jahren einen Auftritt von To Rococo Rot in Mailand besuchte: “Mir gefiel das Konzert sehr, und ich erinnere mich daran, dass mich die Interaktion zwischen dem Live-Drumming von Ronald und Roberts Elektronik besonders anzog. Nach dem Konzert ging ich in die Garderobe, wir unterhielten uns kurz und waren uns schnell einig, dass eine Zusammenarbeit irgendwann in der Zukunft eine feine Sache wäre.” 2006 war es so weit, Einaudi schlug den Lippoks seinerzeit eine gemeinsame Konzertreise vor. Nach nur einer Probenwoche stand das Live-Set des deutsch-italienischen Trios, es folgten zwei Wochen mit ausverkauften Gigs. “Das war eine intensive Clubtournee”, erinnert sich Ronald Lippok, “an kleinen Spielorten, wo manchmal kaum das Piano auf die Bühne passte.”

Da sich Einaudi und die Lippok-Brüder on the road bestens verstanden, war der nächste Schritt nur folgerichtig. Die Kooperation klappte so gut, dass man das zuvor live gespielte Material nun unbedingt im Studio festhalten wollte. Dafür wählte man Planet Roc in Berlin, einen wahrlich geschichtsträchtigen Ort. Das ehemalige Zentrum des ostdeutschen Rundfunks stellt die perfekte Akustik bereit, um Orchesterwerke oder Hörspiele möglichst realistisch aufzunehmen. Whitetree genossen die Umgebung und produzierten dort einen wirklichkeitsgetreuen Sound für ihr Album “Cloudland”: “Wir spielten alles als Band ein. Immer live, immer zusammen in einem Raum”, sagt Robert Lippok. “Es gibt nur ganz wenige Overdubs. Wir wollten alles so natürlich wie möglich belassen. Das Abmischen des Albums war abenteuerlich. Wir mussten so viele Takes unsrer Stücke durchgehen! Die gemeinsame Zeit im Studio war was Besonderes. Unsere Tour war ziemlich laut, voll aufgedreht. Bei den Studioaufnahmen nutzten wir dann aber die Gelegenheit, auch ein paar ruhigere Ideen einzubringen.”

Ludovico Einaudi ergänzt: “Von den ersten Sessions im Probenraum an entwickelte sich alles ganz natürlich. Auch wenn ich noch so genau zuhörte und mich auf die Sounds und Loops konzentrierte, die Robert und Ronald kreierten, konnte ich manchmal nicht ausmachen, wer gerade was tat. Ich saß am Piano und schloss die Augen, betrat den Klangraum und überließ mich meiner Fantasie. Es war, als würde ich in abstrakten Gemälden nach Figuren und Formen suchen oder Gefühle aus Wolken herausziehen. Oft spielten wir stundenlang, verloren uns ganz in der Musik, reagierten auf den Input der anderen. Es war wie das Bauen von Sandburgen, ohne Regeln, alles war erlaubt.”

Robert Lippok fügt hinzu: “Ich wollte schon immer mit einem Musiker mit akademischem Background arbeiten, einem, der an die Dinge anders herangeht. Wir arbeiten sonst ja nie mit fein säuberlich aufgeschriebenen Melodien. Zuvor haben wir Melodien eher auf einer Makroebene eingesetzt. Aber Ludovico öffnet den Deckel am Flügel, setzt sich hin, beginnt zu spielen und schon ist sie da: Energie. Unser Album hat einen sehr körperlichen Aspekt. Manchmal laut, manchmal leise, aber immer lebendig, offen, gut gelaunt.”

“Cloudland” ist gekennzeichnet vom harmonischen Zusammenspiel der drei Innovatoren, bei dem Album handelt es sich um ein echtes Gemeinschaftsprojekt. Die unterschiedlichen Ansätze der Künstler verbinden sich hier zu einer grenzüberschreitenden Instrumentalmusik, in ihrem Klangkosmos ist Platz für Klassisches (“The Room”), Poppiges (“Koepenik”), Minimal-Music-Motivketten (“Kyril”), neoromantische Melodien (“Other Nature”), Geräusche (“Derek’s Garden”), digitale Verfremdungen (“Slow Ocean”) und sphärische Sound-Scapes (“Ulysses And The Cats”). Mit Experimentierfreude, Neugier auf alles Neu- und Andersartige und einer ungeheuren Lust am Niederreißen von Grenzbarrieren erschaffen Whitetree eine so noch nicht gehört Fusion aus akustischen und elektronischen Anteilen.

Den Bandnamen verdanken die Neutöner übrigens Amos Tutuola. In seinem Roman “Der Palmweintrinker” bezeichnet der nigerianische Schriftsteller mit Whitetree einen Paradies-ähnlichen Zufluchtsort. Tutuola ist nebenbei bemerkt auch der Verfasser des Romans “My Life In The Bush Of Ghosts”, der wiederum Brian Eno und David Byrne den Titel für ein Meisterwerk des 20. Jahrhunderts lieferte. Aber das ist eine andere Geschichte …