Thomanerchor Leipzig – 800 Jahre

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Thomanerchor Leipzig – 800 Jahre

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Thomaner (Crystal Classics, VÖ: 01.04.2012)
Der Thomanerchor Leipzig wurde auf Initiative des Markgrafs Dietrich von Meißen im Jahr 1212 noch unter Kaiser Otto IV. zusammen mit der Thomasschule und der Thomaskirche gegründet.
Nach Einführung der Reformation in Leipzig (1539) stand die erstmals 1254 erwähnte Thomasschule mit dem Thomanerchor unter dem Patronat des Rates der Stadt, der zugleich Dienstherr des Lehrkörpers und Vorgesetzter des Thomaskantors war.

Die stolze Reihe dieser Kantoren lässt sich exakt bis in die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts zurückverfolgen. Doch erst mit Johann Rhaw und Sethus Calvisius bekleideten Künstler von Rang das Amt des Kantors, der im Dienstrang dem Rektor und Konrektor folgte und auch zum wissenschaftlichen Unterricht verpflichtet war.
Sethus Calvisius (1556 – 1615) hatte als Kantor der Fürstenschule Pforta den hohen musikalischen Ruf dieser Anstalt begründet, bevor er 1594 zum Kantor der Thomaskirche gewählt wurde.
Zum Nachfolger von Calvisius war 1616 mit Johann Hermann Schein (1586 – 1630) einer der großen Meister des 17. Jahrhunderts berufen worden. Sein frühestes geistliches Werk, das nach der Stimmenzahl der Stücke geordnete Cymbalum Sionium, hatte der ehemalige Leipziger Jurastudent und Weimarer Hofkapellmeister schon kurz vor 1615 abgeschlossen. Aus ihm stammt die sechsstimmige Motette O Domine Jesu Christe.
Als Nachfolger Scheins war Tobias Michael (1592 – 1657) im Jahr 1631 in sein neues Amt eingeführt worden. Mit Erfolg hatte sich der gebürtige Dresdner um die Leistungsfähigkeit des Chores bemüht. Schon 1633 mahnte er den Rat der Stadt, den Sängerbedarf bei der Schülerauswahl im Thomasalumnat stärker zu berücksichtigen, da sonst “dieses Werk, darauf doch vornehmlich die Schule fundiret, ganz unterginge”. Der Chorsatz Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben stammt aus Tobias “madrigalischer” Motetten-Sammlung Musicalische Seelenlust (1634).
“Er dichtete keine weltliche, unzüchtige und das Fleisch nur lüstern machende Lieder, sondern er ließ seine Stimmen und Gedichte nur da erschallen, wenn er in denen heiligen Tempeln stund.” So liest man im Nachruf Johann Kuhnaus auf seinen Amtsvorgänger Johann Schelle (1648 – 1701) Der ehemalige Alumne der Thomasschule trat 1677 das Amt des Thomaskantors an. Von seinen Motetten wurde allein die doppelchörige Motette Christus ist des Gesetzes Ende schon zu seinen Lebzeiten gedruckt.
Alternierend in St. Thomas und St. Nikolai hatten zu Bachs Zeit die Alumnen der Thomasschule im mehrstündigen Frühgottesdienst bei Kantatenaufführungen mitzuwirken. Motetten wurden damals zumeist Erhard Bodenschatz’ Florilegium Portense entnommen. Noch 1737 ließ Bach diese Sammlung meist achtstimmiger Vokalsätze des 16. und frühen 17. Jahrhunderts neu anschaffen. Seine eigenen Motetten waren fast durchweg für Begräbnis- oder Gedächtnisgottesdienste bestimmt.
Als Thomaskantor Johann Gottfried Schicht (1753 – 1823) Bachs Motetten 1803 bei Breitkopf & Härtel im Druck vorlegte, nahm er auch die Motette Ich lasse dich nicht in seine Sammlung auf. Später jedoch kamen Zweifel an der Authentizität auf. Fast unser ganzes Jahrhundert hindurch wurde das achtstimmige Chorwerk Johann Christoph Bach, dem in Eisenach wirkenden Sohn von Johann Sebastian Bachs Großonkel Heinrich, zugeschrieben. Erst die neueste Bach-Forschung weist die Motette wieder Johann Sebastian Bach zu.
Der neue Geist der Aufklärung und Toleranz zog mit Johann Adam Hiller, dem Singspielkomponisten und Begründer der sogenannten “Gewandhauskonzerte”, in das Thomasalumnat ein. Kritiken über die unter Hiller geduldeten Zustände (z. B. die Erlaubnis zum Besuch der Komödie) sind in diesem Sinn aufschlussreiche Zeitdokumente. JohannAdam Hiller war es auch, der lateinische Motetten (den “lateinischen Singsang, den Meister Bodenschatz zusammengeschleppt hat”) durch zumeist deutsche geistliche Musik wie seine Motette Der Friede Gottes ersetzte.
Johann Gottfried Schicht (1753 – 1823), der 1802 mit der Leipziger Singakademie den ersten gemischten Laienchor gegründet hatte, wurde acht Jahre später ins Thomaskantorat berufen, wo dank seiner Initiative die Sonnabend-Vespern ihr heutiges Gepräge erhielten. Auch wenn er – hierin ganz ein Kind seiner Zeit – bei seiner Ausgabe von Bach-Motetten “kosmetische” Veränderungen am Text vornahm, hatte er sich doch ein unbestrittenes Verdienst um die Bach-Renaissance des frühen 19. Jahrhunderts erworben.
Mit einem Empfehlungsschreiben Carl Maria von Webers war Christian Theodor Weinlig (1780 – 1842), der spätere Lehrer Richard Wagners, als Nachfolger Schichts 1823 zum Thomaskantor berufen worden. In Weinligs Leipziger Amtszeit fällt die Abschaffung der Kurrende, die mit dem “Umsingen” auf der Straße für minderbemittelte Alumnen (die Thomasschule war von jeher eine schola pauperum, keine privilegierte Standesschule) eine nicht zu unterschätzende Einnahmequelle gewesen war. Regelmäßige Oratorienaufführungen sollten fortan für den notwendigen finanziellen Ausgleich sorgen.
Als Autor in mehrere Sprachen übersetzter musiktheoretischer Lehrbücher hat sich Ernst Friedrich Richter (1808 – 1879) einen Namen machen können. Der ehemalige Theorielehrer am Leipziger Konservatorium wurde 1868 als Nachfolger Moritz Hauptmanns Thomaskantor.
Das Verdienst, Chorsätze alter Meister wie Johann Schelle und Johann Kuhnau wieder veröffentlicht und die traditionellen Motetten der Thomaner mit der Aufführung dieser Kompositionen bereichert zu haben, kommt Gustav Schreck (1849 – 1918) zu. Aus der Zeit, in der der geschätzte Musikpädagoge das Amt des Thomaskantors antrat (1892), stammt seine Psalmvertonung Herr sei mir gnädig.
Nach dem Tod Gustav Schrecks hatte 1918 Karl Straube (1873 – 1950) das Thomaskantorat übernommen. Auf zahlreichen Auslandsreisen begründete der nicht zuletzt um das Werk seines Freundes Max Reger hoch verdiente Organist und Chorleiter den internationalen Ruf des Chors.
Karl Straubes Nachfolger im Thomaskantorat waren Günter Ramin (1898 – 1956) und Kurt Thomas (1904 – 1973), dessen Lehrbuch der Chorleitung einer ganzen Dirigentengeneration als Leitfaden diente. Erhard Mauersberger (1903 – 1982), der jüngere Bruder des Dresdener Kreuzkantors Rudolf Mauersberger, bekleidete 1961 – 1972 als unmittelbarer Vorgänger von Hans-Joachim Rotzsch das Amt des Thomaskantors. Seit 1992 leitet Georg Christoph Biller den Chor, als 16. Thomaskantor nach Bach.

Dr. Hans Christoph Worbs