Carminho – Alma

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Carminho – Alma

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alma_250 (EMI, VÖ: 02.11.2012)
Sie singt den Fado mit Leib und Seele, lädt diesen schwermütigen folkloristischen Musikstil, der ursprünglich aus den Armenvierteln Lissabons stammt, zum Symbol eines ganzen Landes geworden ist und sich längst weltweiter Beliebtheit erfreut, mit neuer Energie und Leidenschaft auf, verleiht ihm Eleganz und Würde. Carminho wird frenetisch gefeiert, wo immer sie auch auftritt. Ihre noch junge Karriere zeitigt überwältigende internationale Erfolge. Die 28-jährige Sängerin ist mehr als nur der amtierende Star eines Musikgenres, das die UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt hat. Längst ziert die grazile und ausdrucksvolle Künstlerin in ihrer Heimat die Titelseiten von Fashionmagazinen wie Vogue, Elle und Woman. Mit ihrem neuen Album „Alma“ („Seele“), das bei uns in diesen Tagen erscheint, ist Carminho im Begriff, auch hierzulande für Schlagzeilen zu sorgen. Im November und Dezember stehen zudem eine Reihe Konzerte in Deutschland an, bei denen die herbe Schönheit mit ihrer exzeptionell über Oktaven schwebenden Stimme die Menschen verzaubern wird.
Vor etwas mehr als drei Jahren veröffentlichte Carminho ihr Debütalbum mit dem schlichten Titel „Fado“. Mit dieser Musik war Carmo Rebelo de Andrade, wie sie vollständig heißt, schon von Kindesbeinen an vertraut, zumal ihre Mutter, Teresa Siqueira, selbst eine bekannte Fado-Sängerin ist. So hörte Carminho zuhause all die Alben mit Fado-Klassikern, die ihre Eltern besaßen, begleitete ihre Mutter zu Fado-Abenden und stand als Teenager dann schon selbst auf der Bühne, wo ihr eine große Zukunft als Sängerin prophezeit wurde. Erste eigene Aufnahmen veröffentlichte sie im Jahr 2003, gerade mal 19 Jahre alt, auf einem Album der Fado-Formation Tertúlia de Fado Tradicional. Erste Konzerte führten sie in dieser Zeit sogar bis in die Schweiz und nach Argentinien. Die Stiftung Amália Rodriguez zeichnete sie bereits 2005 als beste weibliche Neuentdeckung aus.
Doch Carminho wollte sich erst einmal Zeit lassen, ihre Persönlichkeit zu entwickeln und reichlich Lebenserfahrung jenseits künstlerischer Ambitionen zu gewinnen. Nach dem Abschluss eines Marketing-Studiums arbeitete sie deshalb ein Jahr lang für eine Hilfsorganisation in so unterschiedlichen Ländern wie Kambodscha, Indien und Peru. Gleichwohl wusste sie, dass im Fado ihre Zukunft liegen würde. 2007 stieg sie wieder ins Musikgeschäft ein und wurde von dem renommierten Regisseur Carlos Saura in dessen Musikfilm „Fados“ neben etlichen Größen des Genres porträtiert. Einen ihrer bemerkenswertesten Auftritte absolvierte Carminho damals im Rahmen der EXPO 2008 in Saragossa.
Das von langer Hand vorbereitete Debütalbum „Fado“ avancierte zu dem von der Künstlerin gewünschten Erfolg. Fast 40 Wochen hielt sich das Erstlingswerk, das neben traditionellen Fados auch zwei ihrer eigenen Stücke enthielt, in den portugiesischen Charts und wurde schließlich mit Platin ausgezeichnet. Mit der Zeit zog das bemerkenswerte Debüt immer größere Kreise. Das britische World-Music-Magazin Songlines kürte „Fado“ 2011 zu einem der besten Alben des Jahres, während die Künstlerin in vielen europäischen Ländern ihre Aufwartung machte. So trat sie 2011 bei der Womex in Kopenhagen auf und im selben Jahr bei einer Großveranstaltung der UNESCO in Paris. Ein weiterer Katalysator ihrer steil ansteigenden Karriere war die Single „Perdóname“, ein Duett, zu dem sie der spanische Shootingstar Pablo Alborán eingeladen hatte. Wochenlang führte die Single in Spanien und Portugal die Charts an und gehört in allen Latino-Ländern zu den populärsten Songs des Jahres überhaupt.
Mit ihrem zweiten Album „Alma“ hat Carminho ihren Siegeszug beeindruckend fortgesetzt. Produziert von Diogo Clemente, hatte sie die 15 Songs mit den gleichen Musikern aufgenommen, die sie schon bei ihrem Debüt begleiteteten, darunter Meister der portugiesischen Gitarre wie Bernardo Couto und José Manuel Neto sowie Bassist Marino de Freitas. Hinzu kamen diesmal Pianist Ruben Alves und ein Streichquartett, die das Soundspektrum der neuen Aufnahmen facettenreich erweitern. Einmal mehr glänzt Carminho mit einer ausgewogenen Mischung aus traditionellen und neu komponierten Fados. Neben Klassikern, die schon von berühmten Fadistas wie Amália Rodriguez, Maria Amélia Proença und Fernanda Maria interpretiert wurden, sind hier auch Songs von dem brasilianischen Songwriter Chico Buarque („Meu namorado“) und dem Bossa-Nova-Godfather Vinicius de Moraes („Saudades do Brasil em Portugal“) vertreten. Unter den exklusiv für „Alma“ geschriebenen Songs, die den Fado neu ausloten, ist nicht nur eine Textdichtung von Carminho zu finden, sondern auch eine des Lyrikers António Gedeão. Die Symbiose aus Vergangenheit und Gegenwart, aus Klassischem und Neuem, öffnet dem Genre Tür und Tor, was sich auch in dem überragenden internationalen Erfolg des Albums widerspiegelt.
Seit der Veröffentlichung von „Alma“ (Veröffentlichung in Deutschland am 02.11.2012) im Frühjahr dieses Jahres, als es in Windeseile an die Spitze der portugiesischen Charts schoss, hat es dort die Top-Regionen der Hitlisten nicht mehr verlassen und ist selbstredend schon mit Platin ausgezeichnet worden. In Spanien (Top 5 bei iTunes!), Schweden (# 32) und Finnland (# 27) hat sich das Album mehr als beachtlich durchgesetzt. Und Carminho erfreut sich auch bei anderen Künstlern immer zunehmender Beliebtheit: Neben dem schon erwähnten Duett mit Pablo Alborán hat sie jüngst Duettaufnahmen mit der brasilianischen Gesangslegende Nana Caymmi sowie mit Milton Nascimento gemacht. Und neben Konzerten mit Nascimento wurde sie in letzter Zeit auch von so unterschiedlichen Künstlern wie José Carreras und dem amerkanischen Electronic-Wonderkid Nicolas Jaar zu Gastauftritten eingeladen.
Zweifellos ist Carminho eine Bühnenkünstlerin von sensationeller Präsenz. Sie versteht es, bei all seiner Melancholie und Schwermut, der sogenannten saudade, dem Fado eine ebenso zeitlose wie zukunftsträchtige poetische Kraft zu verleihen. Die FAZ schwärmte von einem ihrer ersten Auftritte in Deutschland im Sommer dieses Jahres in höchsten Tönen: „Carminho vermittelt auf der Bühne einen individuellen Zauber. Ihr glockiger Alt wandelt durch epische Melodien und verliert auch bei Oktavsprüngen nie sein warmes Timbre. Eindringlich zieht Carminho einzelne Buchstaben über mehrere Noten in hohe Register, erlaubt sich in wenigen zugespitzten Passagen sogar ein paar raue Töne. Dabei entwickelt sie eine bemerkenswerte Dynamik, die von Hauchen bis zu energischen Expressionen reicht.“
All ihren Charme, all ihr Charisma hat Carminho perfekt für ihr Album „Alma“ kultiviert. Hier hat man wie bei den Konzerten das Gefühl, eine Sängerin zu erleben, die in sich ruht und genau weiß, was sie tut und was sie bewirkt. „Alma“ ist ein Album mit Tiefenwirkung, bei dem es schwerfällt, einzelne Highlights zu benennen, auch wenn als Anspieltipps „Lágrimas do céu“, „Bom dia, amor“ und „Fado das Queixas“ genannt seien. Vielleicht ist es am besten, sich ganz dem Fluss ihrer Lieder hinzugeben und so dem Alltag und seinen Bürden für ein paar wunderbare Momente zu entfliehen. Unberührt bleiben wird niemand, der Carminho und ihre hohe Kunst des Fado einmal erlebt hat – ganz gleich, ob konserviert in berückenden Studioaufnahmen oder unmittelbar live bei einem ihrer Konzerte.