Avishai Cohen – Aurora

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Avishai Cohen – Aurora

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(Blue Note; VÖ: 24.04.09). Mit dem Bassisten und Komponisten Avishai Cohen konnte Blue Note einmal mehr ein Schwergewicht der internationalen Jazzszene verpflichten. In jüngster Zeit hatte der israelische Musiker, den DownBeat zu Recht als „Jazzvisionär von globalem Ausmaß“ bezeichnet, vor allem mit seinem Trio für Furore gesorgt. Für sein Blue-Note-Debüt „Aurora“ geht Cohen, der als einer der ersten israelischen Musiker in den USA reüssieren konnte, ganz neue Wege und versucht sich erstmals auch als Sänger, und zwar in Hebräisch, Englisch, Spanisch und Ladino. Für die jegliche Genregrenzen überschreitenden Aufnahmen betritt Cohen eine musikalische Terra incognita und schafft Synergien, wie sie selbst in der World-Music-Szene bis dato kaum zu hören waren. Bei dem in Paris entstandenen Album wurde Cohen, der nach einigen Jahren in den USA mittlerweile wieder in Tel Aviv lebt, von einem kleinen Kreis junger israelischer Musiker begleitet. Neben dem bewährten Pianisten seines Trios, Shai Maestro, sind das der Percussionist Itamar Doari, der Oud-Spieler Amos Hoffman und die junge Soulsängerin Karen Malka. Als Gastmusiker brillieren die französischen Brüder Stephane und Lionel Belmondo an der Trompete respektive Flöte.

Allein diese ungewöhnliche Besetzung ist ein Indiz für ein nicht minder ungewöhnliches Album, auf dem sich der 38-jährige Bassist als Grenzgänger der besonderen Art erweist. Bekannt für sein enorm emotionales Bassspiel, überzeugt Cohen hier mit seiner voluminös warmen Stimme auf ganzer Linie, wobei die Duette mit der nicht minder apart intonierenden Karen Malka den Songs noch mehr Tiefe und Substanz verleihen. Die musikalischen Einflüsse auf dem Album „Aurora“, das einem Streifzug durch diverse Kulturen gleichkommt, könnten kaum vielfältiger sein. Der Opener „Morenika“ ist eine spirituelle Adaption eines Traditional aus dem Ladino (auch Spaniolisch genannt: die traditionelle romanische Sprache der sephardischen Juden). Gemeinsam mit seiner Gesangspartnerin Karen Malka kreiert Cohen, der hier Kontrabass spielt, nahezu spirituellen Folk. Das folgende „Interlude In C Sharp Minor“ lässt kurz Gospel anklingen, bevor Cohen so unkonventionell wie mitreißend „El Hatzipor“ vertont, ein Gedicht des jüdischen Dichters Chaim Nachman Bialik.

„Leolam“ ist World Music des Nahen Ostens, bei dem Cohen am Kontrabass eine seiner komplexen Kompositionen nutzt, um sich mit Itamar Doari an der Percussion und Amos Hoffman an dem Oud ein wahres Gefecht zu liefern. Entspannt und beinahe ätherisch kommt der „Winter Song“ daher, bei dem nicht nur ein weiteres Duett von Malka und Cohen bezaubert, sondern auch die perlenden Pianoläufe von Shai Maestro. „It’s Been So Long“ würde mit seinem wunderbar elegischen Basslauf auf einem Rockalbum der Red Hot Chili Peppers gut Platz finden und „Alon Basela“ ist gar eine fulminante Progressive-Rock-Hybride. Diesem Temperamentsausbruch folgt mit „Still“ eine innige Ode mit gestrichenem Bass und beschwörendem Gesang. Für „Shir Preda“ begibt sich Cohen selbst ans Piano und zugleich auf die Spurensuche nach den eigenen musikalischen Wurzeln.

Auch das Titelstück „Aurora“ ist pure Poesie und es mündet in ein Solo auf dem Kontrabass, das direkt in „Alfonsina Y El Mar“ übergeht, eine Komposition des Argentiniers Ariel Ramirez, bei der Cohen seinen melancholischen Gesang lediglich mit wenigen Akzenten begleitet. Den Abschluss bildet „Noches Noches/La Luz“, wobei „Noches Noches“, ein weiteres Traditional aus dem Ladino, und die sich nahtlos anschließende Cohen-Komposition „La Luz“ vielleicht die perfekteste Symbiose aus Tradition und Moderne, Ahnenforschung und Avantgarde bilden. Eine Symbiose, die dem Album diesen unvergleichlichen Charakter verleiht und es somit jeder schnellen Kategorisierung entzieht.

Avishai Cohen wurde am 20. April 1971 in der israelischen Stadt Naharia geboren und wuchs in einer sehr musikalischen Familie auf. Als Kind lernte er Klavier, stieg aber schon als Jugendlicher auf E-Bass um, nachdem ihm während eines längeren Aufenthalts im amerikanischen St. Louis sein Musiklehrer die Musik der Bassisten Jaco Pastorius und Stanley Clarke nahebrachte. In Tel Aviv gehörte er zwei Jahre lang der Armeeband an und studierte dann an der Music & Arts Academy in Jerusalem Klassik- und Jazzpiano sowie Bass, bevor er 1992 in die USA ging und am Mannes College The New School of Music in New York weiterstudierte. Dort spielte er unter anderem mit dem Pianisten Brad Mehldau. Sein großes Interesse an Latin Music führte ihn in das Trio des aus Panama stammenden Pianisten Danilo Perez, mit dem er das Album „PanaMonk“ aufnahm.

Sein nächster Karriereschritt war 1996 der Einstieg in Chick Coreas frisch gegründetes Sextett Origin. Der legendäre Pianist, mit dem Cohen jahrelang spielte, ermöglichte dem Bassisten auch die Veröffentlichung erster eigener Alben auf Coreas Label Stretch. Cohens Debüt als Bandleader, „Adama“, erschien 1998 und demonstrierte sein Talent als Musiker und Komponist, dem es immer wieder gelingt, seine Jazzkenntnisse mit ethnischen Einflüssen sowie mit Elementen aus Klassik und Latin Music kongenial zu verbinden. Das Ausnahmetalent des Bassisten führte im Laufe der Zeit zu bemerkenswerten Kollaborationen: So spielte er mit Jazzgrößen wie Bobby McFerrin, Roy Hargrove, Wynton Marsalis, Herbie Hancock und Paquito D’Rivera. Im Jahr 2003 gründete Cohen, der mittlerweile zum erfolgreichsten israelischen Musiker in den USA avanciert war, sein eigenes Label Razdaz und gastierte bei Studioaufnahmen der Soulsängerin Alicia Keys.

Mittlerweile hat Avishai Cohen zehn Alben unterschiedlichster Natur als Bandleader veröffentlicht, zu deren bekanntesten „Lyla“ (2004), „At Home“ (2005), „Continuo“ (2006) und „Gently Disturbed“ (2008) gehören. Sein Livealbum „As Is…Live At The Blue Note“ wurde vom Rolling Stone 2007 unter die besten Jazzalben des Jahres gewählt. Cohen ist in den letzten Jahren so ziemlich auf jedem wichtigen Jazzfestival der Welt aufgetreten und erweist sich zunehmend als Förderer junger Talente, was er auch mit seinem Blue-Note-Debüt einmal mehr unterstreicht. In diesem Jahr ist er zudem erstmals mit der künstlerischen Leitung des renommierten Red Sea Jazz Festivals im israelischen Eilat betraut worden.

„Aurora“ ist vielleicht das bis dato emotionalste Werk von Avishai Cohen, was sicherlich auch daran liegt, dass er hier auf überraschende Art und Weise seinen ganz persönlichen Wurzeln nachspürt, wie etwa der Musik seiner sephardischen Vorfahren mütterlicherseits. Mag der Kern seines Schaffens Jazz sein, setzt der Bassist, der seinem Schaffen mit dem Gesang eine weitere Dimension hinzugefügt hat, mit „Aurora“ ein deutliches Ausrufezeichen für einen Aufbruch in ganz neue Gefilde. Sein Gespür für kongeniale und außergewöhnliche Synergien ist so ausgeprägt, dass man ihn durchaus als Avantgardisten bezeichnen darf, dessen intellektueller Horizont sich immer weiter auszudehnen scheint und dessen Aura emotional nachhaltig berührt. This is World Jazz at its most adventurous and best.