Kiran Ahluwalia – Wanderlust

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Kiran Ahluwalia – Wanderlust

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(World Connection) „Als ich in Indien aufwuchs, hatten nur sehr wenige Leute Schallplatten. Aber hin und wieder fanden staatlich geförderte Konzerte statt, zu denen die Menschen von überallher strömten. Die meisten Kinder fanden das langweilig, aber mir gefiel’s.“ Schon im Mädchenalter war Kiran Ahluwalia begeistert von den Klängen um sie herum, ihre Eltern führten sie früh an die klassische und volkstümliche Musik Indiens heran. Mit sieben begann ihre Musikausbildung, dabei nahm die bei uns heute kaum noch bekannte Gattung des Ghasel breiten Raum ein.

Der Stammbaum des Ghasel (von arabisch ghasala) ist weit verzweigt. Im 8. Jahrhundert entstand die romantische, bisweilen erotische Liedform im südasiatischen Raum zwischen Persien und Indien, später verbreitete sie sich vom Nahen Osten über die Türkei bis nach Afghanistan. Im 19. Jahrhundert war das Ghasel dann sogar in Deutschland anzutreffen. Goethe versuchte sich während seiner Arbeit am „West-Östlichen Diwan“ daran, August von Platen („Ghaselen“), Theodor Storm, Friedrich Rückert („Kindertodtenlieder“) und Hugo von Hofmannsthal nutzten Elemente daraus für lyrische Stimmungsbilder oder auch einen Flirt mit der Exotik des Orients.

Heutzutage findet man die poetische Spielart selbst auf dem amerikanischen Kontinent. Die mittlerweile in New York ansässige Kiran Ahluwalia gehört zu einer Hand voll Künstlern in der Neuen Welt, die in unseren Tagen die reiche Tradition des Ghasel mit zeitgemäßen Sound- und Stilmitteln fortführen. Auf ihrem jüngsten Album erlebt das uralte Strophenlied eine faszinierende Weiterentwicklung. „Wanderlust“ ist erfüllt von der Magie unerwarteter Klangkombinationen, mit dem Entdeckergeist einer wahren Kosmopolitin verbindet Ahluwalia hier das Ghasel mit Klängen unterschiedlichster Herkunft. Nordafrikanische Grooves und Jazzakkorde sind ebenso auszumachen wie filmi music in Bollywood-Manier und Zutaten aus der Punjab-Folklore. Das Schönste daran: Während andere Vertreter der Worldmusic die Andersartigkeit fremder Kulturen häufig als exotischen Farbtupfer missbrauchen, geht Ahluwalia sehr respektvoll damit um. „Wanderlust“ kommt ohne billige Showmomente aus, hat absolut nichts Effektheischendes, die Produktion setzt sich stattdessen seriös mit ihrem Material auseinander.

Besonders originell und verblüffend ist im vorliegenden Fall die Begegnung von Ghasel und Fado. Der Grundstein dafür wurde gelegt, als die Sängerin im letzten Jahr bei sich zu Hause vor dem Schlafengehen regelmäßig CDs mit dem „portugiesischen Blues“ auflegte. Kiran Ahluwalia erinnert sich an jene Abende: „Fadosänger sind so dramatisch, ganz anders als bei den Ghasel-Gesangsstilen, denen dieser dramatische Aspekt gänzlich fehlt. Dewegen hatte mich schon bald die Leidenschaft für den Fado gepackt. Ich konnte einfach nicht genug davon kriegen.“

Nachdem sie sich mit dem Fadofieber infiziert hatte, besuchte Ahluwalia so ziemlich jedes Fadokonzert in New York und ihrem früheren Wohnort Toronto. Und als dann ihr Ehemann und Musikpartner Rez Abbasi, gebürtiger Pakistani, das Angebot einer Tournee durch Portugal erhielt, war sie sofort Feuer und Flamme. Sie begleitete die Band ihres Gatten auf die iberische Halbinsel und machte sich umgehend daran, Musiker aufzuspüren, mit denen sie im Verlaufe der Konzertreise für Aufnahmen ins Studio gehen konnte. In Gitarrist José Manuel Neto, Bassist Ricardo Cruz und Akkordeonspieler Enzo d’Aversa (bekannt als Sideman von Dona Rosa, einer blinden Fadista) fand sie vor Ort schließlich geeignete Instrumentalisten für ihr beispielloses interkulturelles Projekt. Das Zusammentreffen mit ihnen brachte die Titel „Jo Dil“, „Haal-e-Dil“ und „Haath Apne“ hervor, die jetzt den Kern des „Wanderlust“-Albums bilden. Ahluwalia gelingt in diesen Songs das Kunststück, Ghasel und Fado stimmig zu vereinen. Die Genres liegen geographisch und musikalisch weit auseinander und doch gibt es eine Parallele: Beide verbindet das zentrale Thema vom Liebesbegehren und gebrochenen Herzen. „Ghasels sind nur schwer zu erklären“, merkt Ahluwalia dazu an. „Die Mehrzahl handelt von romantischer Leidenschaft, und ein wiederkehrendes Thema ist das vom Liebenden und der Geliebten. Der Liebende sehnt sich unablässig nach der Geliebten, die aber ist für immer unerreichbar.“ Fado, obwohl auf einem anderen Kontinent entstanden, teilt in seiner Saudade-Stimmung das romantische Sehnen und die Obsession für tragisch endende Liebesgeschichten. Kiran Ahluwalia hat diese Gemeinsamkeiten instinktiv erfasst. Eine glückliche Eingebung – als hätte das Fatum seine Finger im Spiel gehabt …

Als schicksalhafte Fügung darf man auch das Zusammentreffen mit Shahid Ali Khan bezeichnen. Ihrem Qawwali-Kollegen war die Sängerin zufällig bei einem Auftritt für den Kanadischen Rundfunk (CBC) begegnet. Seine Stimme begeisterte sie derart, dass sie etwas für ihn schreiben wollte. Als sie „Jaag Na Jaag“ nach einem Gedicht des Sufi-Heiligen Sultan Bahu aus dem 17. Jahrhundert verfasste, schwebte ihr eine Kooperation mit Shahid Ali Khan vor. Das Resultat, Kiran Ahluwalias erstes Duett mit einem anderen Sänger vom indischen Subkontinent, ist jetzt auf „Wanderlust“ zu hören.

Ein anderer Song auf dem Album geht auf ein Konzert bei einer Schulveranstaltung zurück. Die Schülerschaft bestand hauptsächlich aus Südasiaten, bei denen Ahluwalias Auftritt sehr gut ankam. Am Rande der Veranstaltung lernte sie einen jungen Schüler und viel versprechenden Sänger kennen, der sie über die Musikindustrie ausfragte. Im Verlaufe des Gesprächs stellte sich heraus, dass der Vater des Jungen Gedichte schreibt. Für „Wanderlust“ hat Ahluwalia nun dessen „Merey Mathay“ nach Art traditioneller Punjabi-Folklore in Töne gesetzt. Zum Songtext fügt sie an: „In Indien lesen einem die Menschen aus der Hand und dem Fuß, um die Zukunft vorauszusagen. Einige besonders Fortgeschrittene behaupten gar, sie könnten die Linien auf der Stirn deuten. In diesem Song nun sagt der Liebende zur Geliebten: ‚Die Linien auf meiner Stirn besagen, dass wir nie zusammen sein werden. Ohne Lampe lässt sich das Öl nun mal nicht anzünden.‘ Diese Zeilen sind jedoch nicht so dramatisch und melancholisch, wie man meinen könnte, nutzt sie der Liebende doch nur als Vorwand, um ein Gespräch anzufangen. Ich sehe richtig vor mir, wie ihm die Geliebte antwortet: ‚Mach dir keine Sorgen, so leicht bin ich nicht zu entflammen‘.“

In ihren Kompositionen vertont Kiran Ahluwalia sowohl zeitgenössische Poeme als auch uralte Texte. „Ich lese regelmäßig Gedichte in Urdu und Punjabi“, stellt sie dazu fest. „Das gehört einfach zu meinem Leben.“ Bei der Lektüre überlieferter Werke stieß die Musikerin auch auf „Teray Darsan“, eines der ersten Ghasels in Urdu. Dieses Stück stammt aus dem 15. Jahrhundert und geht auf Sultan Muhammad Quli Qutb Shah zurück. „Weil sich die Urdu-Sprache dieses Ghasels von unserem heutigen Dialekt stark unterscheidet, nahm ich mir die Freiheit, vom Original abzuweichen und ein wenig zu experimentieren.“

Zu Ahluwalias bevorzugten Dichtern unserer Tage zählt der reisefreudige Rafi Raza. In „Yakeenan“ („Ohne Zweifel“) schreibt der: „Meine Wanderschaft ist noch unvollkommen, weil ich noch zu oft nach Hause komme.“ Worte, die Ahluwalia aus der Seele sprechen, zieht sich das Thema der Wanderschaft doch wie ein roter Faden auch durch ihr Leben. „Ich weiß nicht, was ihn [Rafi Raza] immer wieder aufs Neue in die Welt hinauszieht, aber mir geht’s genauso“, sagt sie mit einem Lächeln.

Geboren ist Kiran im nordindischen Bundesstaat Bihar, die ersten vier Lebensjahre verbrachte sie jedoch in Neuseeland. Danach ging’s für fünf Jahre zurück in die Heimat, bevor ihre Familie sich dann in Kanada niederließ. Dort, in Toronto, machte die Tochter von Punjabi-Eltern den akademischen Grad eines MBA (Master of Business Administration). Nach dem Studium hatte sie hoch dotierte Jobs im Wertpapierhandel und war als leitende Angestellte beim renommierten Weltmusik-Label Putumayo tätig. Eigentlich hätte sie mit dem beruflichen Erfolg zufrieden sein sollen, doch irgendetwas fehlte: Die Liebe zur Musik ließ die junge Frau einfach nicht los. Nach reiflicher Überlegung beschloss sie 1990, ihren Traum vom (finanziell unsicheren) Musikerleben wahr werden zu lassen. Als sie die Festanstellung aufgab, wurden „Türen geschlagen und viele Tränen vergossen“, weil ihre Eltern mit der Entscheidung zunächst nicht einverstanden waren. „Sie merkten aber schnell, dass es mir ernst war und ich nicht anders konnte.“

In den darauf folgenden Jahren unternahm Kiran Ahluwalia mehrere Studienreisen nach Mumbai (ehemals Bombay). Außerdem wurde sie in Hyderabad Schülerin von Vithal Rao, einem der letzten noch lebenden Meister der Ghasel-Gattung. Bei dem ehemaligen Musiker am Hofe des Nizam (König) vervollkommnete sie ihre Sangeskunst. 2001 erschien dann das Debütalbum „Kashish Attraction“, zwei Jahre später folgte das programmatisch betitelte „Beyond Boundaries“, das die Vokalistin mit der seidig-sinnlichen Stimme fest in der Tradition verwurzelt und gleichzeitig offen für Neuerungen zeigte. Für die erste internationale Veröffentlichung „Kiran Ahluwalia“ wurde die Künstlerin 2005 mit einem Juno ausgezeichnet. Mit „Wanderlust“ ist sie nun erneut für diesen Preis, Kanadas Pendant zum Grammy, nominiert. Völlig zu Recht, möchte man meinen, eröffnet die abenteuerlustige Weltbürgerin der Ghasel-Gattung hier doch visionär neue Wege. Mit Weitblick ins 21. Jahrhundert!

VÖ: 20.06.08