JazzNights – Nils Landgren/Viktoria Tolstoy [Tour]

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JazzNights – Nils Landgren/Viktoria Tolstoy [Tour]

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Landgren_0_creditsSebastianSchmitt Nils Landgren Quartet
Wenn Nils Landgren auf der Bühne steht und sein Markenzeichen, die rote Posaune, das richtige Licht bekommt, dann scheint das Instrument zu glühen. Was relativ leicht zu erklären wäre. Weit schwerer erklärbar bleibt, weshalb dort auch der Sound des Horns so klingt, als glühe es. Von den Gesichtern seiner Zuhörer ganz zu schweigen, und das sind beileibe nicht immer wieder dieselben. Mit seiner „Funk Unit“ holt er die Tanzlustigen zu Tausenden in die Hallen, mit diversen Orchestern erfreut Landgren seit Langem gediegene Festivals und wo er mit seinem Nils Landgren Quartet auftritt, versammeln sich die Jazzfreunde. „Ich habe nie eine Notwendigkeit gesehen“, so der Schwede, „mich endgültig und womöglich auch noch früh festzulegen. Wieso sollte ich mich all der schönen Möglichkeiten berauben, die mein Beruf mir wie kein anderer bietet?“

Was der am 15. Februar 1956 in Degerfors, Värmland geborene Musiker alles schon in diesem einen, noch relativ kur-zen Leben gemacht hat, könnte für mindestens zwei lange Leben reichen. Schlagzeug gelernt, klassische Posaune studiert, bei Thad Jones gespielt und mit Herbie Hancock, Eddie Harris, den Crusaders, ABBA Wyclef Jean und Hunderten anderer aufgenommen, „wahrscheinlich so an die 500 Alben“, wie Landgren selbst schätzt. Er wird festes Mitglied der NDR Bigband in Hamburg und wurde nach 2001 auch 2008 wieder zum Leiter des Berliner JazzFests ernannt, diese Vielfalt setzt er auch in immer neue Musik um. Und jetzt also: Wieder einmal das Nils Landgren Quartet.
Mit ihm hat Landgren die ruhigsten, gleichsam aber auch die intensivsten und intimsten Stücke seiner Karriere einge-spielt, in immer neuen Besetzungen. 1993 standen ihm der Pianist Bobo Stenson, Palle Danielsson am Bass und der Schlagzeuger Anders Kjellberg zur Seite, 2002 waren es Anders Widmark (Piano), Lars Danielsson (Bass) und Drummer Wolfgang Haffner. Wenn er nun, im Doppelpack mit Viktoria Tolstoy und ihrer Band, auf Tour geht, sitzt deren Schlagzeuger Rasmus Kihlberg hinter ihm und komplettieren Lars Danielsson am Bass und der Pianist Michael Wollny sein Quartett.
Was von dieser bislang einmaligen Kombination international gepriesener Könner zu erwarten ist, dürfte sich mit zwei Worten eingrenzen lassen: Großartiges und – noch wichtiger – Unerwartetes. Denn dafür wurde der Name Landgren bereits zum Synonym, als er die Songs von ABBA in den Stand von Funk-Preziosen erhob. 1973 habe er „deren Musik natürlich grauenhaft“ gefunden, „ich war ein ernster Mensch, trank schon Kaffee und rauchte schwarze Zigaretten, und dann trällerten die ‚Ring, ring‘ und gewannen Wettbewerbe.“ Heute, grinst Landgren, sehe er das etwas anders, „ich habe längst erkannt, was für bedeutsame Melodien diese Band geschrieben hat“. Vielleicht spielt er ja die eine oder andere davon mittlerweile im Jazz-Gewand. Oder eben doch etwas völlig Anderes. Eines scheint indes sicher: Ganz ohne Groove kommt auch der Jazzer Nils Landgren nicht aus. Und ohne Humor kommt der ganze, wunderbare Mensch Landgren nicht aus.

Aktuelles Album: THE MOON, THE STARS AND YOU (VÖ: 26.08.2011)

Tolstoy_1_creditsGrosse-Geldermann Viktoria Tolstoy Group
Klischees sind unausrottbar, weil stets Realität sie nährt. Das Einzige, was ihnen gefährlich werden kann, ist das Aufein-andertreffen mit anderen Klischees. Davon kann Viktoria Tolstoy viele Lieder singen, und als sie einige davon vor drei Jahren auf dem Album „My Russian Soul“ versammelte, hat das Resultat aufs Angenehmste verstört. Eine Schwedin, die schon von weitem aussieht wie eine solche, die sich Jahre lang zu fügen schien in den unendlich weiten Horizont skandinavischer Jazz-Talente und die nun auf einmal ihrer Vergangenheit auch musikalisch nachspürt. Ihr Nachname ist nämlich nicht ihr eigener, sie hat ihn sich von ihrem Ur-Urgroßvater Lew Nikolajewitsch, hier besser bekannt als Leo ausgeliehen.
Und so fahndeten sie dann auf einmal, all die Experten, nach dem was russisch klang auf dieser Platte und auch nach dem, was nach wie vor in Schweden verwurzelt blieb. Ein großer Spaß vermutlich in erster Linie für Viktoria selbst, deren Lust am Experiment in bald 20 Karrierejahren nicht erlosch, auch wenn ihr klarer Gesang, ihre meist sanften Arrangements und nicht zuletzt ihre damenhaften Auftritte an das Experimentelle gar nicht schnell denken ließen. Tatsächlich typisch schwedisch waren und sind die fast unerschöpflichen Möglichkeiten, die einer Newcomerin in der gesunden und an Könnern reichen Szene des Landes geboten werden. Als Viktoria Tolstoy 1997 unter der Ägide ihres Mentors Esbjörn Svensson das Album „White Russian“ aufnahm, wurde sie damit zur ersten schwedischen Sängerin, die es zu einem Plattenvertrag mit dem Label „Blue Note“ brachte – fast so etwas wie eine heilige Salbung.
Seither choreographiert Viktoria Tolstoy ihr musikalisches Leben mit Raffinesse, Sorgfalt und nordischer Gelassenheit. Sie umgibt sich nur mit den besten, ihre Stimme kongenial unterstützenden Musikern, sie trifft eine kluge wie auch latent überraschende Songauswahl und arbeitet nicht erst nach dem tragischen Tod Svenssons mit Koryphäen wie Nils Landgren zusammen. Fein nuanciert führt Tolstoy ihre klare Stimme durch oft frühlingshaft heitere Verse, vergisst nie, wie eng der Jazz mit dem Swing verbunden sein sollte, wenn er seine Zuhörer nicht langweilen will und hat sich so ein Repertoire geschaffen, angesichts dessen kein Jazzpurist die Nase rümpft, aber auch kein Pop-affiner Laie weghören möchte.
Im Doppel-Konzert mit dem Nils Landgren Quartet können nun bald zwei der herausragenden Jazzmusiker Schwedens ihr deutsches Publikum von einem im Norden sorgsam herangezogenes Verständnis überzeugen, dem Jazz wirklich eine europäische Klangfarbe zu schenken. „Vielleicht“, mutmaßt Viktoria Tolstoy, „ist es seine Nähe zur Volksmusik des Landes, die den schwedischen Jazz so robust und überlebensfähig macht.“ Viktoria Tolstoy lacht, „ich glaube allerdings eher, dass uns der große Abstand zum Mainstream davor bewahrt hat, alle Freude an der Musik zu verlieren.“

Aktuelles Album: LETTERS TO HERBIE (VÖ: 26.08.2011)

Tourtermine 2011

05.10.11 Frankfurt – Alte Oper
06.10.11 Düsseldorf – Robert-Schumann-Saal
07.10.11 Hamburg – Laeiszhalle
08.10.11 Dortmund – Konzerthaus
10.10.11 Berlin – Kammermusiksaal
11.10.11 Bremen – Glocke
13.10.11 Lübeck – Musik- und Kongreßhalle
14.10.11 Kiel – Kieler Schloss
25.10.11 Friedrichshafen – Graf-Zeppelin-Haus
26.10.11 Baden-Baden – Festspielhaus
27.10.11 Villingen-Schwenningen – Stadthalle
28.10.11 Zürich [CH] – Theaterhaus Gessnerallee