Roland Tchakounté – Blues Menessen

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Roland Tchakounté – Blues Menessen

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RolandTchakounte_blues-mennesen (World Connection, VÖ: 26.08.2011)
Wenn man ihn zum Lachen bringen möchte, muss man Roland Tchakounté – geboren in den 1960ern in Douala, Kameruns größter Stadt – nur sagen, dass er ein junger Mann ist. “Ein junger Mann? Noch nicht”, kichert er dann mit der für ihn charakteristischen Ironie. “In Afrika neigen wir dazu, die Dinge rückwärts zu tun und deswegen glauben wir auch, dass es ein Leben lang braucht, jung zu werden.”
Manche Puristen halten es für abwegig, dass sich der Kameruner selbst als “Bluesman” bezeichnet, wo er doch so weit vom Mississippi-Delta entfernt lebt. Vom geographischen Standpunkt aus betrachtet, stimmt das wohl. Der Blues ist insofern eine uramerikanische Musikform, andererseits war er von Anfang an recht reiselustig.

Schon kurz nach der Geburt in den Südstaaten der USA drang er in den Mittleren Westen und bis zur Pazifikküste vor, um kurz danach den gesamten Planeten im Sturm zu nehmen. In Afrika fand er ebenfalls Anklang, aus leicht ersichtlichen Gründen, wenn man sich seine Entstehungsgeschichte ansieht. “Im Prinzip erzählen meine Songs dieselben Geschichten, wie sie einst die Blues-Pioniere erzählten”, resümiert Tchakounté denn auch, “Songs zu schreiben und zu singen, ist meine Art, mit dem Leben fertig zu werden.” Dem jüngsten Album “Blues Menessen” gelingt genau das. Indem er eigene Enttäuschungen musikalisch verarbeitet, tritt Tchakounté in die Fußstapfen der frühesten Bluesmen, die ihre Sorgen heilten, indem sie sie in Songs ausdrückten. Dabei war ihnen stets bewusst, dass man paradoxerweise den Blues haben muss, um den Blues in sich zu bezwingen.
Roland Tchakounté ist in bescheidenen Familienverhältnissen aufgewachsen, als ältestes von acht Kindern und einziger Sohn. Seine Eltern waren dem ärmlichen Landleben entflohen und suchten ihr Glück in der Stadt Douala. Dort verkauften sie in einem provisorischen Laden Stoffe als Meterware. Eines Nachts fing nicht nur das Tuch Feuer, sondern auch der in einem Geheimversteck liegende Barbesitz. Die Existenzgrundlage der Familie war somit auf einen Schlag vernichtet. Dieses traumatische Erlebnis verfolgte Roland die ganze Kindheit und Jugend hindurch, als junger Mann versuchte er dann, wie so viele Afrikaner seiner Generation, der wirtschaftlichen Misere zu entrinnen. Ein erster Fluchtversuch nach Europa in einem völlig überfüllten Boot scheiterte, 1989 konnte der Kameruner dann endlich legal, d.h. mit einem Visum in Frankreich einreisen. Dort fand er auch seine musikalische Identität.
Bis dahin war es freilich ein weiter Weg. Als Kind hat Roland neben den Wiegenliedern, die ihm seine Tanten vorsangen, besonders gern die Klagegesänge des Peul-Volkes, eines Nomadenstammes in der Sahel, gehört. Im Teenageralter begann er mit dem Gitarrespielen und nach einem Jahr war er gut genug, um in New Bell, einem Arbeiterbezirk in Douala, der für seine hohe Kriminalitätsrate berüchtigt ist, eine eigene Band zu leiten. Neben Jimi Hendrix, dessen “Hey Joe” ihn die drei Basisakkorde des Blues lehrte, eiferte er seinerzeit den Soulgrößen James Brown und Wilson Pickett nach. Als er 1989 nach Paris übersiedelte, spielte er eine Mischung aus Soul und Rock, die mehr mit Bruce Springsteen als mit Son House zu tun hatte (nachzuhören auf dem Debütalbum “Bred Bouh Shuga Blues” von 1990). Damals suchte Tchakounté noch nach einem eigenen Sound, zu dem fand er dann 2002, als er ausgerechnet in der CD-Abteilung eines Vorstadt-Supermarkts “Crawling King Snake” von John Lee Hooker hörte. Das Stück erinnerte ihn an die Peul-Klagelieder seiner Jugend. “Zum ersten Mal John Lee Hooker zu hören, war eine echte Offenbarung für mich. Anfangs dachte ich, er sei ein afrikanischer Künstler, der seinen Namen amerikanisiert hat. Die Spontaneität, das offensichtliche Fehlen von Strukturen, das Feuer und die rohe Energie, die Ehrlichkeit – all das veränderte meine Wahrnehmung von Musik. Ich wusste an Ort und Stelle, welche Richtung ich mit meiner Musik von da an einschlagen wollte.”
Roland Tchakounté begann damit, raue Bluesmusik mit Afro-Rhythmen und dem Bamiléké-Dialekt seiner Heimat zu verbinden. “Bamiléké ist meine Muttersprache, ihre Wörter kommen mir ganz natürlich in den Sinn, wenn ich meine Erfahrungen und meine Lebenssicht in Songtexte übertragen möchte.” Die Veröffentlichung von “Abango” 2005 brachte schließlich den Ball ins Rollen. Barry Dollins, Koordinator des renommierten Chicago Blues Festival, lud Roland und seine Band zu einem Kurzauftritt von 30 Minuten ein. Der wurde vom Publikum so überwältigend aufgenommen, dass sie am nächsten Tag zu einem nicht geplanten Auftritt auf die Hauptbühne durften. “Nach dem Konzert standen die Leute Schlange, um unsere CD zu kaufen, da hatte ich Tränen in den Augen. Das war genau der Auftrieb, den ich damals brauchte, er zeigte mir, dass ich auf dem richtigen Weg war. Der herzliche Empfang im Blues-Mekka befreite mich von meinen Komplexen, die ich dem Unverständnis der Blues-Ayatollahs verdankte.”
Auf “Blues Menessen” erreicht das Talent des Roland Tchakounté nun die nächst höhere Stufe. Während er in den neuen Albumsongs die dunklen Korridore seiner Gedanken und Ängste durchstreift, hinterfragt er die menschliche Seele: “Ich werde nie verstehen, warum die Menschen ihren Nachbarn so viel Leid zufügen. Ich kann einfach nicht akzeptieren, dass Glück für so viele Menschen auf eine Hand voll flüchtiger Momente beschränkt sein soll.” Wenn Tchakounté in seinen Songs die Verbitterung bekämpft, die ihn nachts oft wach liegen lässt, liefert er eindrucksvoll den Beweis, dass er – unabhängig von seiner afrikanischen Herkunft – durch und durch ein echter Bluesman ist. Nur die puristischen, verknöcherten Blues-Ayatollahs werden das nie begreifen.