Paul Brody – For The Moment

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Paul Brody – For The Moment

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For The Moment.jpg Der Trompeter Paul Brody stammt ursprünglich aus San Francisco, wo er in einer jüdischen Musikerfamilie aufwuchs. Von seinem Vater, der von russischen Einwanderern abstammte, wurde ihm die Begeisterung für die Klarinette nahegebracht; seine Mutter hingegen, die vor den Nazis aus Österreich in die U.S.A. geflohen war, führte ihren Sohn an die Klassik heran. So erhielt Brody schon in Kindheit und Jugend einen umfangreichen Kenntnishintergrund in Sachen Musik, der ihn nach seiner Schulzeit die Entscheidung für ein Studium am New England Conservatory in Boston fällen ließ. Hier studierte er nicht nur klassische Trompete, sondern u.a. auch Komposition und Arrangement im Sinne des vom amerikanischen Komponisten Gunther Schuler entwickelten Konzeptes der ‚Third Stream Music‘, einer Art Synthese aus Neuer Musik und Jazz.

Ebenso umfassend wie vielseitig gerüstet beendete Brody also sein Studium Mitte der 1990er Jahre; und es dauerte nicht lang, dass ihn das erste Engagement nach Europa führte. Mit der Duke Ellington Revue tourte er 9 Monate lang kreuz und quer durch die Alte Welt, die ihm während dieser Zeit offenbar so lieb und teuer wurde, dass er sie schon bald nach seiner Rückkehr in die Staaten schmerzlich vermisste. Diese Empfindung verdichtete sich bald zum Entschluss, dass er irgendwo in Europa leben wollte; und Berlin bot ihm letzten Endes die besten Möglichkeiten. Also schnürte er kurz entschlossen sein Bündel und verlegte sein Lebenszentrum in die Bundeshauptstadt, wo er bis heute lebt und arbeitet.

Hier hat er sich mit einheimischen Musikern zu diversen Projekten zusammengetan, u.a. dem DetoNation Orchestra, dem Quartett Tango Toy, und einem eigenen Oktett. Allen Formationen, in denen Paul Brody gestaltend mitwirkt/e, ist zueigen, dass sie sich zwischen die Stile setzen, Elemente verschiedenster Herkunft zu neuen, ungewohnten Kontexten verbinden – vor allem aber verbinden sie stets höchste Kunstfertigkeit mit sprühendem Witz. Selbes gilt auch für sein Quintett Sadawi, das ebenso spielerisch wie gekonnt mit der traditionellen Musik der osteuropäischen Juden, der Klezmer, umgeht.

Zwar wurde deren Bandbreite Brody schon früh durch seinen familiären Hintergrund vermittelt, doch hatte er lange Zeit zu viel Respekt vor diesem altehrwürdigen Stück Kulturerbe, um selbst damit herumzuexperimentieren. Erst durch seine Begegnung mit Hankus Netsky, in dessen Band er während seiner Zeit am New England Conservatory einige Zeit spielte, fand Brody seinen persönlichen Schaffenszugang zu dieser Musik, einen Ansatz der ihn inspirierte und zur Weiterverfolgung animierte.

Vielleicht tat der Umzug in seine aktuelle Wahlheimat Berlin, die deutsche Umgebung, das ihrige noch dazu, dass die musikalische Auseinandersetzung mit seiner jüdischen Herkunft nach und nach immer weiter ins Zentrum seiner kreativen Aktivitäten rückte. Allerdings betreibt Brody diese erfrischenderweise weder krampfig-progressiv noch nostalgie-verklärt, sondern ganz im Sinne der „Radical Jewish Culture“ New Yorker Prägung, wie sie vor allem von Ikone John Zorn und seinem Label Tzadik repräsentiert wird. Entsprechend wenig verwunderlich, dass Zorn und sein Label Paul Brody’s Sadawi von Anfang an begleitet und unterstützt haben; doch selbst vor diesem Hintergrund kommt der nun auch in Deutschland erscheinenden, neuesten Veröffentlichung „For The Moment“ eine gewisse Sonderstellung zu.

Denn John Zorn fungiert/e diesmal nicht nur als Co-Produzent, sondern tritt auch als Mit-Musiker in Erscheinung. Überdies sind mit dem in der in der Klezmer-Szene Star-Status geniessenden Trompeter Frank London (Klezmatics, u.v.a.) und dem Sänger des amibitionierten Brave Old WorldProjekts, Michael Alpert, zwei weitere der bekanntesten Exponenten moderner jüdischer Kultur mit von der Partie. „For The Moment“ darf also schon aus Besetzunggründen als wahres Gipfeltreffen gelten, das durchaus das Zeug hat, dem vielbeachteten Debut „Kabbalah Dream“ und dem gefeierten zweiten Album „Beyond Babylon“ den Rang abzulaufen.

Sadawi wurden schon vor „For The Moment“ mit führenden Acts des Genres wie dem New Klezmer Trio oder den Klezmatics in einem Atemzug genannt (obwohl sie weder wie die einen noch wie die anderen klingen); das LineUp des vorliegenden Albums erhebt die ohnehin famose Formation gewissermaßen zu Sadawi „DeLuxe“, einer weiteren Ausbaustufe des Brückenschlags von den experimentierfreudig(er)en Gestaden des Jazz zur emotionalen Landschaft des jiddischen Naturells – jenem speziellen Charakter zwischen unbändiger Lebensfreude und tiefer Melancholie, der die Klezmer so beliebt gemacht hat. Hinzu kommt auch diesmal ein kaum in allen Einzelheiten zu entwirrendes Sammelsurium zahlreicher Einflüsse, darunter einiges an rockigen Raubeinigkeiten. Mag sein, dass es vor allem das Maß der Wildheit ist, dass die/se jüngste Produktion von seinen Vorgängern unterscheidet. In jedem Falle ist, wie auch nicht anders zu erwarten, „For The Moment“ einmal mehr ein sprühendes musikalisches Feuerwerk voller Überraschungen, das sowohl Traditionalisten als auch Modernisten reichhaltige Erlebnisse zu bieten hat. Ein Meilenstein der zeitgenössischen (nicht nur) jüdischen Musik; abenteuerlicher und aufregender als je zuvor.

VÖ: 18.01.2008