Jasper van’t Hof – Œuvre

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Jasper van’t Hof – Œuvre

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QM211_JVH_v1.0_Digipak_RZ_FINAL.indd (Q-rious Music, VÖ: 20.04.2012)
Pianist Jasper van’t Hof hat die gemeinsame Studiozeit mit Saxophonist Harry Sokal, Bassist Stefan Neldner und Drummer Fredy Studer in bester Erinnerung und ist zu Recht begeistert von der Arbeit am jüngsten Album “Œuvre”, denn als er vor ein paar Mona-ten im Maarwegstudio2 in Köln mit den Kollegen zusammenkam, traf er auf Topcracks der aktuellen europäischen Jazzszene. Jede Note des vorliegenden Klangresultats belegt die Qualitäten der beteiligten Instrumentalisten: eine absolute Traumbesetzung!

Das bestens aufeinander abgestimmte Bündnis von Gleichgesinnten präsentiert auf “Œuvre” zeitgemäßen Jazz vom Feinsten. Gleich im eröffnenden Title-Track werfen sich van’t Hof, Sokal, Neldner und Studer die Spielbälle zu und reagieren mit einem blinden Verständnis aufeinander; die lyrische Saxophonmelodie wird hier überaus reizvoll von clusterartigen Pianoakkorden kontrastiert. Das anschließende “Likewise” begeistert mit seiner vertrackten Rhythmik ebenso wie mit den parallel geführten Motivlinien von Sax und E-Bass. Im Post-Bop-Stück “The Apollonians” nehmen sich van’t Hof und Sokal dann die Freiheit, mit wilden, atonal anmutenden Improvisationsteilen aus dem Begleitkontext auszubrechen. Ganz anders dagegen das darauf folgende “Dulcinea”. In der balladesken Komposition, deren Titel einen unweigerlich an die gleichnamige Frauenfigur aus Cervan-tes’ “Don Quijote” denken lässt, nehmen sich alle Musiker zurück und zeigen sich von ihrer empfindsam-leisen Seite.
In “Mr. Sowieso” zieht das Quartett das Tempo dann noch einmal merklich an, die höl-lisch swingende Nummer reißt einen mit ihrem vorwärts drängenden walking bass un-aufhaltsam mit. Eine Gelegenheit zum Durchatmen kommt bei “Yes But”, mit seiner be-schaulichen Stimmung ist der Track prädestiniert für die späten Nachtstunden. Zum Ab-schluss bieten dann noch zwei Titel Bassmann Stefan Neldner eine Plattform, auf der er seine virtuose Saitenkunst ausbreiten kann. Während er in “Elusive” mit fingerflinken Sprints über das Griffbrett glänzt, öffnet er in “Nebula” mit seinem warmen, singenden Sound am fretless bass die Herzen der Zuhörer.
Nach zirka 70 Alben lässt Jasper van’t Hof in “Œuvre” den gesammelten Erfahrungs-schatz seiner Karriere einfließen. Seit viereinhalb Dekaden zählt der Mann aus Enschede nun schon zu den stilbildenden Jazzern auf europäischer Bühne. In den 1970er Jahren war er einer der ersten Jazzpianisten, die sich der Rockmusik annäherten und neben dem Flügel auch das E-Piano und frühe Synthesizermodelle ins Instrumentarium auf-nahmen. Seit 1984 frönt der Keyboarder mit Pili Pili darüber hinaus der Liebe zur afrika-nischen Musik. Neben Kooperationen mit Kollegen wie Charlie Mariano, Angélique Kidjo, Wolfgang Dauner, Jean-Luc Ponty und Archie Shepp umfasst der Werkkatalog des Nie-derländers auch mehrere Einspielungen am Solopiano (z.B. “Face To Face”, “Axioma”) und sogar Aufnahmen an einer Kirchenorgel (“Un Incontro Illusorio”).
Harry Sokal mag Musik mit “viel Erde”, wie er einmal sagte, und die fand der Österrei-cher im Verlaufe seiner bewegten Karriere in Pop-Produktionen mit seinen Landsleuten Wolfgang Ambros, Rainhard Fendrich und Falco ebenso wie in der Heurigenmusik seiner Geburtsstadt Wien, in Jazzformationen wie dem Art Farmer Quintet und dem Vienna Art Orchestra ebenso wie in den von ihm selbst geleiteten Projekten Full Circle, Roots Ahead, Voices of Time und Depart. Das stilistische Chamäleon mag es bunt: “Ich versuche, so viele Farben wie möglich in meiner Musik zu präsentieren und ein großes Spektrum an Ausdruck und Stilrichtungen zu vereinigen, um gleichzeitig auch viele Menschen damit zu erreichen.” Sokals Post-Coltrane-Saxophonton ist geprägt von einem tiefen lyrischen Empfinden, von einem unwiderstehlichen Groove und der Fähigkeit, ein musikalisches Motiv auf den Punkt genau zu phrasieren.
Der 1966 geborene Stefan Neldner hat unter anderem mit dem Voice’n’Bass-Duo Two-doit (mit Sängerin Gaby Borgardts) und dem Soloprogramm “Basszeit” von sich reden gemacht. In seinen Solokonzerten verblüfft der Essener immer wieder mit neuartigen Spieltechniken am bundlosen Bass, sein Bühnenrepertoire enthält Cello-Suiten von Bach, Jazzstandards und Eigenkompositionen. Welche Wertschätzung der Fretless-Spezialist in Kollegenkreisen genießt, wird deutlich, wenn man weiß, dass ihn kein Geringerer als Stargitarrist Dominic Miller (Sting) für seine Band verpflichtete.
Fredy Studer schließlich ist “ohne Zweifel einer der innovativsten Drummer Europas” (Drums & Percussion). Das Spektrum des gebürtigen Schweizers umschließt alles von Marschmusik über Rock und Blues bis zum Free Jazz. Er wirkte an einem Tribute zu Eh-ren von Jimi Hendrix mit, interpretierte mit dem Robyn Schulkowsky Ensemble Werke der Neuen E-Musik von Charles Ives, Steve Reich, John Cage etc. und trommelte in rei-nen Schlagzeuggruppen wie Singing Drums und Four in Time an der Seite von Paul Moti-an, Pierre Favre, Daniel Humair und Nana Vasconcelos. Die Weltwoche hält den Eidge-nossen völlig zu Recht für einen “der vitalsten europäischen Schlagzeuger, eine inner-schweizerische Kraftwurzel”. Wer Fredy Studer einmal live erlebt hat, wird jedes Wort davon unterschreiben.