Zuco 103 – After The Carnaval

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Zuco 103 – After The Carnaval

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(World Connection, VÖ: 28.11.08)
Sie sind die Erfinder des Begriffs “Brazilectro” und der gleichnamigen Musikgattung. 1999 veröffentlichten Zuco 103 nicht nur einen Song mit diesem Titel auf ihrem Debütalbum, sie erschufen mit der Kombination aus brasilianischen Rhythmen und elektronischen Klängen auch gleich noch eine neue Stilrichtung. Die trat in der Folgezeit einen unaufhaltsamen Siegeszug um die Welt an, fand immer mehr Anhänger unter den Musikern und wurde in diversen Compilation-Reihen verewigt.
In der Zwischenzeit haben sich Zuco 103, die Paten der Brazilectro-Bewegung, allerdings unüberhörbar weiterentwickelt. “After The Carnaval”, Numero sechs in der laufenden Albumzählung, präsentiert nun sozusagen das Update “Brazilectro 2.0”. Statt Computerbeats und Sampling-Sounds, die die Frühphase des Trios geprägt haben, gibt’s diesmal eine handgemachte, quasi-live eingespielte Musik zu hören. Als Anspieltipps empfehlen wir den CD-Opener “Nunca Mais”, „Beija A Mim (Saudade)“, “Pororoca” (damit ist die Tidenwelle des Amazonas gemeint), das funky groovende, bläserverstärkte “Back Home” und Schlusstrack “Volta” (über das bittere Ende einer Affaire). Besonders erwähnenswert wäre darüber hinaus das Stück “Fulero”, in dem Zuco 103 das Kunststück gelingt, Banjoklänge mit einem Latin-Vibe zu paaren und so eine Art Bluegrass-Samba zu kreieren. Kein Witz!
Zu der Singleauskopplung „Beija A Mim (Sudade)“ wurde ein Videocontest (unter myspace oder zuco103.com) ausgelobt. Kreative Geister können hier ihr eigens Video mit vorgefertigten Hintergründen zusammenstellen.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht weiterhin Lilian Vieira, die Sängerin mit der honigsüßen Stimme. Die Tochter eines Sambaschuldirektors kam im Jahr 1989 aus dem Bundesstaat Rio de Janeiro in die Niederlande, um an Rotterdams Konservatorium Gesang zu studieren. Nebenher stand sie schon bald in lokalen Bands wie Treme Terra und Bacán am Mikrofon. 1998 lernte die Brasilianerin Keyboarder Stefan Schmid (ursprünglich aus München) und Drummer Stefan “Stuv” Kruger (Amsterdam) kennen, als die gerade am SfeQ-Album “United Volume 2” arbeiteten. Die drei merkten schnell, dass sie auf einer Wellenlänge funken. Zunächst nannten sie sich Rec.a, 1999 debütierten sie dann als Zuco 103 mit “Outro Lado”. Der Albumerstling koppelte Brasilianisches, Kubanisches und Afrikanisches funkensprühend mit Electronica, Jazz, Funk sowie Breakbeat und ging allein in den USA mehr als zehntausend Mal über den Ladentisch. Auf “The Other Side Of Outro Lado” (zu Deutsch: Die andere Seite der anderen Seite) wurden 2001 mehrere Tracks der CD-Premiere von Remix-Rastellis wie Bossacucanova, den Funky Lowlives und London Elektricity clubtauglich abgemischt. Prominente Mitstreiter konnte der brasilianisch-holländisch-bayerische Dreier auch 2005 anlässlich der Entstehung von “Whaa!” im Studio begrüßen. Dub-Legende Lee “Scratch” Perry, Mestizo-Meister Dani Macaco aus Barcelona und Bossa-Pionier Roberto Menescal schauten seinerzeit für Gastbeiträge vorbei.

Obwohl Lilian Vieira unter Flugangst leidet, reisten Zuco 103 in den vergangenen Jahren unermüdlich rund um den Globus. Mit zusätzlichen Musikern und gelegentlich einem DJ tourten sie kreuz und quer durch Europa und Amerika. In Japan sind sie ebenfalls Stammgäste, im Blue Note Club in Yokohama etwa traten sie gleich zwölf Abende hintereinander auf. Auch auf den Festivalbühnen fühlen sich Lilian und der doppelte Stefan zu Hause, unter anderem spielten sie auf dem renommierten Pinkpop, dem North Sea Jazz Festival in Den Haag, dem Rock Werchter, der Summerstage im Central Park (gemeinsam mit Nile Rodgers von Chic) und dem Bumbershoot in Seattle.

Im März 2007 jetteten Zuco 103 für eine Promotiontour nach Brasilien. Im Rahmen der Rundfahrt wirkte die Gruppe auch an einem Benefizprojekt mit. In Zusammenarbeit mit der Wohltätigkeitsorganisation Ibiss produzierte man Demoaufnahmen mit mehreren Bands aus Favelas. Ein unvergessliches Erlebnis für die Kids aus den ärmlichen Hüttenvierteln!

Im Studio Toca do Bandido in Rio de Janeiro begannen Zuco 103 ungefähr zur selben Zeit die Arbeit an ihrem jüngsten Album. Angeregt von den neuen Eindrücken entstanden mithilfe von Gitarrist Sergio Cavazzioli (Gilberto Gil) und Perkussionist Marcos Suzano die ersten Rohentwürfe. Lilian Vieira zeigt sich begeistert von der Zeit in ihrer alten Heimat: “Rio ist voller kleiner Welten: Müllkippen, Favelas, schicke wohlhabende Gegenden … Und überall umgibt einen Musik, in jedem Loch, jedem Tropfen, jedem Lächeln. Obwohl wir schon überall auf der Welt waren, hat uns diese Reise bewegt und inspiriert. Da kamen die Songs ganz von selbst, als eine sehr direkte, ehrliche Umwandlung in Musik.”

Zurück in Amsterdam wurden die Soundskizzen dann in eine originelle Songessenz komprimiert. Das fertige Produkt “After The Carnaval” präsentiert Zuco 103 jetzt innovativ wie eh und je, selbst im zehnten Jahr ihres Bestehens erfinden sie sich immer noch neu. Lilian, Stefan und Stuv kennen keinen Stillstand, nehmen nichts als gewiss, nichts als unumstößlich hin. Entsprechend offen integrieren sie auch diesmal wieder alle möglichen Elemente in ihre Musik. Synthiebässe aus den 80’s, Triphoppiges, Dancefloor – hier ist vieles erlaubt. “Ich bin davon überzeugt, dass es uns erneut gelungen ist, die unterschiedlichen Einflüsse in unsere Zuco-Welt einzufügen”, so Stefan Schmid. “Mit dem Sound dieses Albums bin ich sehr zufrieden. Ich freue mich schon darauf, die Musik live zu spielen.”

Wer nicht bis zur nächsten Deutschlandtournee warten will, kann sich die körperaktive Musik von Zuco 103 schon mal mit “After The Carnaval” nach Hause in die gute Stube holen. Clubgänger im Teenalter und ältere Fans der Bossa- und Samba-Sparte werden sich wohl gleichermaßen von dem bewegungsfördernden Sound zum Tanzen verleiten lassen. Doesn’t matter if it’s before or after the carnaval.