{"id":660,"date":"2009-06-05T17:35:50","date_gmt":"2009-06-05T15:35:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.qrious.de\/p\/wp\/?p=660"},"modified":"2009-06-05T17:35:50","modified_gmt":"2009-06-05T15:35:50","slug":"whitetree-cloudland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.qrious.de\/en\/whitetree-cloudland\/","title":{"rendered":"whitetree &#8211; cloudland"},"content":{"rendered":"<p><a href='http:\/\/www.qrious.de\/p\/wp\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/whitetree150.jpg'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.qrious.de\/p\/wp\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/whitetree150.jpg\" alt=\"\" title=\"whitetree150\" width=\"150\" height=\"150\" class=\"alignleft size-medium wp-image-661\" \/><\/a>(Ponderosa music; V\u00c3\u2013: 15.05.09) Zugegeben, &#8220;Cloudland&#8221; ist nicht der erste Versuch, elektronische Tonerzeuger von heute mit klassischer Musik zu paaren. Carsten Nicolai arbeitete mit Ryuichi Sakamoto, Carl Craig und Moritz von Oswald versahen Maurice Ravels &#8220;Bolero&#8221; mit einem Techno-Dreh, und auch einige andere Musiker der jungen Generation sind mit dem Laptop genauso vertraut wie mit den Orchesterinstrumenten der europ\u00c3\u00a4ischen Konzerttradition. Es gab also durchaus schon mutige und bemerkenswerte Anstrengungen in dem Zwischenreich, mit seiner Verspieltheit, Lockerheit und Bandbreite ist &#8220;Cloudland&#8221; dennoch etwas ganz Besonderes.<!--more--><\/p>\n<p>Die Gr\u00c3\u00bcnde daf\u00c3\u00bcr sind offensichtlich: <b>Ludovico Einaudi<\/b> ist kein Durchschnittskomponist klassischer Musik, und <b>Robert und Ronald Lippok<\/b> sind auch nicht gerade die typischen Elektronikkomponisten. Beider Arbeiten vor dem gemeinsamen Projekt Whitetree waren deutlich anders als das \u00c3\u0153bliche. So lie\u00c3\u0178 sich etwa Ludovico Einaudi von jeher nicht auf die \u00c3\u00bcberlieferten Konventionen des Klassikgenres festlegen. Der in Turin geborene Grenzg\u00c3\u00a4nger studierte bei Luciano Berio, komponierte f\u00c3\u00bcrs Ballet, Kammerensembles und Orchester, gab Solokonzerte am Piano, die ihn von Philip Glass, Didier Squiban und Erik Satie beeinflusst zeigten, eroberte mit Alben wie &#8220;Eden Roc&#8221; und &#8220;I Giorni&#8221; das Pop-Publikum und schrieb Filmmusiken f\u00c3\u00bcr Kinoerfolge wie &#8220;Ein unm\u00c3\u00b6gliches Verbrechen&#8221;, &#8220;Meines Vaters Worte&#8221; und &#8220;Licht meiner Augen&#8221;. F\u00c3\u00bcr die Romantik eines Johannes Brahms interessiert sich der Enkel des italienischen Staatspr\u00c3\u00a4sidenten Luigi Einaudi genauso wie f\u00c3\u00bcr Tonbandmanipulationen, pr\u00c3\u00a4pariertes Klavier oder Popsongs von Bj\u00c3\u00b6rk, Radiohead und Coldplay.<\/p>\n<p>Bei Robert und Ronald Lippok sieht die Sache nicht viel anders aus, sie lassen sich ebenfalls nicht so ohne Weiteres eingrenzen. Erste Erfahrungen als Musiker sammelten die Br\u00c3\u00bcder noch vor dem Mauerfall in Ostberlin. Ronald spielte dort in der Band Rosa Extra, benannt nach einer DDR-Damenbinde, 1982 gr\u00c3\u00bcndeten die Geschwister die Formation Ornament und Verbrechen, sp\u00c3\u00a4ter traten ihre musikalischen Erkundungen architektonischer R\u00c3\u00a4ume ein beachtliches Medienecho los. Die gr\u00c3\u00b6\u00c3\u0178te Publicity bescherte ihnen jedoch To Rococo Rot (der Bandname ist \u00c3\u00bcbrigens ein Palindrom, vorw\u00c3\u00a4rts wie r\u00c3\u00bcckw\u00c3\u00a4rts gelesen ergibt sich dieselbe Buchstabenfolge). In dieser Gruppe erschufen die beiden zusammen mit Stefan Schneider einen experimentellen Post-Rock, den man am ehesten als Electronic Listening bezeichnen k\u00c3\u00b6nnte. An der Nahtstelle von Mensch und Maschine verschmolzen hier handgemachte mit computergenerierten Sounds.<\/p>\n<p>Vor allem die Verbindung von nat\u00c3\u00bcrlichen und artifiziellen Elementen faszinierte Ludovico Einaudi, als er vor ein paar Jahren einen Auftritt von To Rococo Rot in Mailand besuchte: &#8220;Mir gefiel das Konzert sehr, und ich erinnere mich daran, dass mich die Interaktion zwischen dem Live-Drumming von Ronald und Roberts Elektronik besonders anzog. Nach dem Konzert ging ich in die Garderobe, wir unterhielten uns kurz und waren uns schnell einig, dass eine Zusammenarbeit irgendwann in der Zukunft eine feine Sache w\u00c3\u00a4re.&#8221; 2006 war es so weit, Einaudi schlug den Lippoks seinerzeit eine gemeinsame Konzertreise vor. Nach nur einer Probenwoche stand das Live-Set des deutsch-italienischen Trios, es folgten zwei Wochen mit ausverkauften Gigs. &#8220;Das war eine intensive Clubtournee&#8221;, erinnert sich Ronald Lippok, &#8220;an kleinen Spielorten, wo manchmal kaum das Piano auf die B\u00c3\u00bchne passte.&#8221;<\/p>\n<p>Da sich Einaudi und die Lippok-Br\u00c3\u00bcder on the road bestens verstanden, war der n\u00c3\u00a4chste Schritt nur folgerichtig. Die Kooperation klappte so gut, dass man das zuvor live gespielte Material nun unbedingt im Studio festhalten wollte. Daf\u00c3\u00bcr w\u00c3\u00a4hlte man Planet Roc in Berlin, einen wahrlich geschichtstr\u00c3\u00a4chtigen Ort. Das ehemalige Zentrum des ostdeutschen Rundfunks stellt die perfekte Akustik bereit, um Orchesterwerke oder H\u00c3\u00b6rspiele m\u00c3\u00b6glichst realistisch aufzunehmen. Whitetree genossen die Umgebung und produzierten dort einen wirklichkeitsgetreuen Sound f\u00c3\u00bcr ihr Album &#8220;Cloudland&#8221;: &#8220;Wir spielten alles als Band ein. Immer live, immer zusammen in einem Raum&#8221;, sagt Robert Lippok. &#8220;Es gibt nur ganz wenige Overdubs. Wir wollten alles so nat\u00c3\u00bcrlich wie m\u00c3\u00b6glich belassen. Das Abmischen des Albums war abenteuerlich. Wir mussten so viele Takes unsrer St\u00c3\u00bccke durchgehen! Die gemeinsame Zeit im Studio war was Besonderes. Unsere Tour war ziemlich laut, voll aufgedreht. Bei den Studioaufnahmen nutzten wir dann aber die Gelegenheit, auch ein paar ruhigere Ideen einzubringen.&#8221;<\/p>\n<p>Ludovico Einaudi erg\u00c3\u00a4nzt: &#8220;Von den ersten Sessions im Probenraum an entwickelte sich alles ganz nat\u00c3\u00bcrlich. Auch wenn ich noch so genau zuh\u00c3\u00b6rte und mich auf die Sounds und Loops konzentrierte, die Robert und Ronald kreierten, konnte ich manchmal nicht ausmachen, wer gerade was tat. Ich sa\u00c3\u0178 am Piano und schloss die Augen, betrat den Klangraum und \u00c3\u00bcberlie\u00c3\u0178 mich meiner Fantasie. Es war, als w\u00c3\u00bcrde ich in abstrakten Gem\u00c3\u00a4lden nach Figuren und Formen suchen oder Gef\u00c3\u00bchle aus Wolken herausziehen. Oft spielten wir stundenlang, verloren uns ganz in der Musik, reagierten auf den Input der anderen. Es war wie das Bauen von Sandburgen, ohne Regeln, alles war erlaubt.&#8221;<\/p>\n<p>Robert Lippok f\u00c3\u00bcgt hinzu: &#8220;Ich wollte schon immer mit einem Musiker mit akademischem Background arbeiten, einem, der an die Dinge anders herangeht. Wir arbeiten sonst ja nie mit fein s\u00c3\u00a4uberlich aufgeschriebenen Melodien. Zuvor haben wir Melodien eher auf einer Makroebene eingesetzt. Aber Ludovico \u00c3\u00b6ffnet den Deckel am Fl\u00c3\u00bcgel, setzt sich hin, beginnt zu spielen und schon ist sie da: Energie. Unser Album hat einen sehr k\u00c3\u00b6rperlichen Aspekt. Manchmal laut, manchmal leise, aber immer lebendig, offen, gut gelaunt.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Cloudland&#8221; ist gekennzeichnet vom harmonischen Zusammenspiel der drei Innovatoren, bei dem Album handelt es sich um ein echtes Gemeinschaftsprojekt. Die unterschiedlichen Ans\u00c3\u00a4tze der K\u00c3\u00bcnstler verbinden sich hier zu einer grenz\u00c3\u00bcberschreitenden Instrumentalmusik, in ihrem Klangkosmos ist Platz f\u00c3\u00bcr Klassisches (&#8220;The Room&#8221;), Poppiges (&#8220;Koepenik&#8221;), Minimal-Music-Motivketten (&#8220;Kyril&#8221;), neoromantische Melodien (&#8220;Other Nature&#8221;), Ger\u00c3\u00a4usche (&#8220;Derek&#8217;s Garden&#8221;), digitale Verfremdungen (&#8220;Slow Ocean&#8221;) und sph\u00c3\u00a4rische Sound-Scapes (&#8220;Ulysses And The Cats&#8221;). Mit Experimentierfreude, Neugier auf alles Neu- und Andersartige und einer ungeheuren Lust am Niederrei\u00c3\u0178en von Grenzbarrieren erschaffen Whitetree eine so noch nicht geh\u00c3\u00b6rt Fusion aus akustischen und elektronischen Anteilen.<\/p>\n<p>Den Bandnamen verdanken die Neut\u00c3\u00b6ner \u00c3\u00bcbrigens Amos Tutuola. In seinem Roman &#8220;Der Palmweintrinker&#8221; bezeichnet der nigerianische Schriftsteller mit Whitetree einen Paradies-\u00c3\u00a4hnlichen Zufluchtsort. Tutuola ist nebenbei bemerkt auch der Verfasser des Romans &#8220;My Life In The Bush Of Ghosts&#8221;, der wiederum Brian Eno und David Byrne den Titel f\u00c3\u00bcr ein Meisterwerk des 20. Jahrhunderts lieferte. Aber das ist eine andere Geschichte \u00e2\u20ac\u00a6<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Ponderosa music; V\u00c3\u2013: 15.05.09) Zugegeben, &#8220;Cloudland&#8221; ist nicht der erste Versuch, elektronische Tonerzeuger von heute mit klassischer Musik zu paaren. 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