{"id":558,"date":"2008-06-12T12:01:56","date_gmt":"2008-06-12T10:01:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.qrious.de\/p\/wp\/?p=558"},"modified":"2008-06-12T12:08:07","modified_gmt":"2008-06-12T10:08:07","slug":"willie-nelson-wynton-marsalis-two-men-with-the-blues","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.qrious.de\/en\/willie-nelson-wynton-marsalis-two-men-with-the-blues\/","title":{"rendered":"Willie Nelson &#038; Wynton Marsalis &#8211; Two Men With The Blues"},"content":{"rendered":"<p><a href='http:\/\/www.qrious.de\/p\/wp\/wp-content\/uploads\/2008\/06\/nelsonweb.jpg'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.qrious.de\/p\/wp\/wp-content\/uploads\/2008\/06\/nelsonweb.jpg\" alt=\"\" title=\"nelsonweb\" width=\"125\" height=\"125\" class=\"alignleft size-medium wp-image-560\" \/><\/a>(EMI\/ Blue Note; V\u00c3\u2013: 11.07.08) Das Konzertplakat k\u00c3\u00bcndigte schlicht und einfach <strong>\u00e2\u20ac\u017eWilli Nelson Sings the Blues\u00e2\u20ac\u0153<\/strong> an, aber die beiden geschichtstr\u00c3\u00a4chtigen Abende des 12. und 13. Januars 2007 im Jazz at Lincoln Center hatten weitaus mehr zu bieten. Es waren Gipfeltreffen zweier amerikanischer Ikonen, Willie Nelson und Wynton Marsalis \u00e2\u20ac\u201c was der eine f\u00c3\u00bcr die Countrymusik ist, ist der andere f\u00c3\u00bcr den Jazz. Mehr als nur Giganten ihres Fachs, sind der Outlaw Nelson in seinem S\u00c3\u00bcdstaatenordinat und der Traditionalist Marsalis in seinem feinen Zwirn zwei eigensinnige Querdenker, die bei ihren Auftritten ihre gemeinsame Liebe zu Jazzstandards und zum Blues entdeckten. Ihre Performance glich einem lockeren Streifzug durch die musikalischen Gefilde von New Orleans, Nashville, Austin und New York, wobei das brillant gestaltete Programm gleicherma\u00c3\u0178en heimatverbunden und kosmopolitisch wirkte, mit reichlich Swing und einem Hauch Melancholie. Nichts anderes also als eine Sternstunde des Jazz at Lincoln Center, deren sch\u00c3\u00b6nste Momente nun auf dem <strong>Blue-Note-Livealbum \u00e2\u20ac\u017eTwo Men With The Blues\u00e2\u20ac\u0153 <\/strong>f\u00c3\u00bcr die Nachwelt festgehalten wurden.<!--more--><\/p>\n<p>Wille Nelsons Auftritt war zweifellos ein absolutes Highlight innerhalb der trefflich benannten Konzertreihe Singers Over Manhattan, die das Jazz at Lincoln Center in den letzten beiden Jahren veranstaltet hatte und der mit der atemberaubenden Kulisse des Allen Room ein w\u00c3\u00bcrdiger Rahmen verliehen wurde. Das Venue am Columbus Circle in New York hat seine B\u00c3\u00bchne vor einer zweist\u00c3\u00b6ckigen Glaswand, sodass die Musiker vor einem imposanten n\u00c3\u00a4chtlichen New York Panorama auftreten: Taxis, die den Columbus Circle umkreisen, die erleuchteten Apartments an der Upper East Side jenseits des Central Parks, und im besten Falle der \u00c3\u00bcber allem scheinende Mond. Vor diesem wechselhaften Lichterspiel einer unverwechselbaren Gro\u00c3\u0178stadt hatten sich sowohl Nelson als auch sein langj\u00c3\u00a4hriger Begleiter, der Harmonikaspieler Mickey Raphael, in Schale geschmissen und boten mit dem stets galant wirkenden Marsalis und seinem Quartett \u00e2\u20ac\u201c Dan Nimmer (p), Carlos Henriquez (b), Ali Jackson (dr), Walter Blanding (sax) \u00e2\u20ac\u201c trotz ihrer so unterschiedlichen Herkunft ein stimmiges Bild. <\/p>\n<p>Den Albumauftakt bildet ein aufgedrehter Honky-Tonk, \u00e2\u20ac\u017eBright Lights Big City\u00e2\u20ac\u0153 mit seinem nahezu cineastischen Flair, den Marsalis wie folgt beschreibt: \u00e2\u20ac\u017eBei uns trifft wirklich die Gro\u00c3\u0178stadt auf das Land. Mickey ist wie der Klang eines Zugs\u00e2\u20ac\u00a6und wir bilden die Autohupen.\u00e2\u20ac\u0153 Hier gibt es reichlich Raum f\u00c3\u00bcr Soli, wo sich jeder mal locker in den Vordergrund spielen kann. So flie\u00c3\u0178t Raphaels klagende Mundharmonika fast nahtlos in das Trompetenspiel von Marsalis, der ein etwas gem\u00c3\u00a4\u00c3\u0178igteres Tempo anschl\u00c3\u00a4gt, bevor sich das Spotlight ganz auf Blanding richtet. Dann plustert sich noch einmal das Boogie-Woogie-Piano auf und der Bass pumpt wie ein Kraftwerk, als wollten sie Platz schaffen f\u00c3\u00bcr Willie Nelsons Gesangseinsatz. Es war eben eines dieser Konzerte, bei denen man die Klasse eines brillant aufeinander abgestimmten Ensembles sp\u00c3\u00bcrt und die auch an Spontaneit\u00c3\u00a4t, Kongenialit\u00c3\u00a4t und Spa\u00c3\u0178 nichts vermissen lassen. Wenn etwa Marsalis bei \u00e2\u20ac\u017eNight Life\u00e2\u20ac\u0153 ganz in den Gef\u00c3\u00bchlstaumel einer Bluesballade versinkt und Raphael dazu ein gottverlassenes Harmonikasolo aus der Tasche zaubert, verleiht Nelson dem Songtext kongenial eine nachdenkliche, mit allen Wassern des Lebens gewaschene Note. \u00e2\u20ac\u017eCaledonia\u00e2\u20ac\u0153, ein St\u00c3\u00bcck, bei dem sich nicht wenige Bands gerne verausgaben, wird von Nelson bewusst ganz cool gehalten und die Band folgt ihm intuitiv, wenn nicht blind, als wollte sie illustrieren, dass ein Arrangement umso aufregender ist, wenn es stets knapp unter dem Siedepunkt bleibt. <\/p>\n<p>Nate Chinen, Kritiker der New York Times, hob in seiner Rezension den \u00e2\u20ac\u017everspielten Ton\u00e2\u20ac\u0153 hervor, der zwischen Nelson und Marsalis herrschte, und schrieb: \u00e2\u20ac\u017eMarsalis spielte seine Trompete mit pr\u00c3\u00a4gnant zwangloser Autorit\u00c3\u00a4t\u00e2\u20ac\u00a6und, als bem\u00c3\u00bchte er sich um eine vokale Qualit\u00c3\u00a4t, sang er geradezu durch sein Instrument. Mr. Marsalis sang auch mit seiner Stimme, eine Version von \u00e2\u20ac\u02dcAin\u00e2\u20ac\u2122t Nobody\u00e2\u20ac\u2122s Business\u00e2\u20ac\u02dc, die sich schnell zu einem Duett unter Kumpanen mauserte. \u00e2\u20ac\u02dcIch h\u00c3\u00b6r\u00e2\u20ac\u02dc Dich\u00e2\u20ac\u02dc, bemerkte Mr. Nelson wohlwollend w\u00c3\u00a4hrend einer schelmischen Strophe von Mr. Marsalis. Es war ein Moment, der Erinnerungen an die Possen zwischen Jack Teagarden und Louis Armstrong wachrief.\u00e2\u20ac\u0153 Allerdings, f\u00c3\u00bcgte Chinen hinzu, \u00e2\u20ac\u017ewaren die alles \u00c3\u00bcberragenden Momente der Konzerte von eher ruhigerer Natur, und zwar waren dies \u00e2\u20ac\u02dcStardust\u00e2\u20ac\u02dc und \u00e2\u20ac\u02dcGeorgia On My Mind\u00e2\u20ac\u02dc, zwei Standards von Hoagy Carmichael, die sich Mr. Nelson schon vor langer Zeit zu eigen gemacht hat. Er sang sie beide mit unverbl\u00c3\u00bcmter Intimit\u00c3\u00a4t, ganz so, als w\u00c3\u00bcrde er liebgewonnene Gutenachtgeschichten erz\u00c3\u00a4hlen. Und die Band war dabei ganz bei ihm, als w\u00c3\u00bcrde sie betonen wollen, dass der Blues ebenso gut ein Gef\u00c3\u00bchl ist wie eine Gattung.\u00e2\u20ac\u0153  <\/p>\n<p>Nelson selbst ist von der ungew\u00c3\u00b6hnlichen k\u00c3\u00bcnstlerischen Liaison nicht minder beeindruckt. \u00e2\u20ac\u017eDiese Songs auf diese Art und Weise mit dieser Band zu h\u00c3\u00b6ren \u00e2\u20ac\u201c das hat es so noch nicht gegeben. Was immer ich mache, wenn Wynton und seine Jungs mit von der Partie sind, hebt das die Songs auf ein ganz anderes Level.\u00e2\u20ac\u0153 Dazu z\u00c3\u00a4hlen auch der von Nelson komponierte \u00e2\u20ac\u017eRainy Day Blues\u00e2\u20ac\u0153 sowie feine Interpretationen von Spencer Williams\u00e2\u20ac\u02dc \u00e2\u20ac\u017eBasin Street Blues\u00e2\u20ac\u0153 und Clarence Williams\u00e2\u20ac\u02dc \u00e2\u20ac\u017eMy Bucket\u00e2\u20ac\u2122s Got A Hole In It\u00e2\u20ac\u0153. Letztgenannte gl\u00c3\u00a4nzt durch ein superbes Arrangement im Stile einer New Orleans Brass Band, einen l\u00c3\u00a4ngeren Percussion Break und einen gewitzten Schlagabtausch zwischen Marsalis und Nelson am Gesangsmikrophon. Zum abschlie\u00c3\u0178enden H\u00c3\u00b6hepunkt des Sets setzt die Band zu einem berauschenden Gospel an. \u00e2\u20ac\u017eThat\u00e2\u20ac\u2122s All\u00e2\u20ac\u0153 hat einen so mitrei\u00c3\u0178enden Groove, dass auch bei dem ausgelassenen Jubeln und Johlen der Zuschauer offenbar wird, was f\u00c3\u00bcr eine beseelte, geradezu ansteckende Atmosph\u00c3\u00a4re herrscht.<\/p>\n<p>Im letzten Herbst, als der 74-j\u00c3\u00a4hrige Nelson w\u00c3\u00a4hrend der j\u00c3\u00a4hrlichen Country Awards mit dem BMI Icon Award ausgezeichnet wurde, hielt Kris Kristofferson die Laudatio. \u00e2\u20ac\u017eAls B\u00c3\u00bchnenk\u00c3\u00bcnstler wird es so einen wie ihn nicht mehr geben. Wie Muhammad Ali, wie Johnny Cash, ist er \u00c3\u00bcber die Kunstform hinausgewachsen, die ihn ber\u00c3\u00bchmt gemacht hat.\u00e2\u20ac\u0153 Marsalis w\u00c3\u00bcrde dem mit Sicherheit beipflichten. W\u00c3\u00a4hrend der Proben zu dem Konzert mit Nelson bemerkte er: \u00e2\u20ac\u017eDas Erste, was einem bei Willie auff\u00c3\u00a4llt, ist seine Integrit\u00c3\u00a4t. Er hat all die Jahre in seinem Bus richtig Meilen gemacht, war stets unterwegs. Er ist einer der Letzten dieser eigenwilligen Sorte Musiker.\u00e2\u20ac\u0153<\/p>\n<p>Mit seiner unvergleichlichen Aura eines Outlaw hat Nelson tats\u00c3\u00a4chlich das Angesicht der Countrymusik gepr\u00c3\u00a4gt und hat weit dar\u00c3\u00bcber hinaus ein generationen\u00c3\u00bcbergreifendes Publikum erreicht, das sonst eher bei Jam Bands, im klassischen Rock, Blues oder Jazz beheimatet ist. Nelson, der mit dem Legends Award und dem Lifetime Achievement Award zwei der bedeutsamsten Grammys auf sich vereint, hat da so seine eigene Betrachtungsweise: \u00e2\u20ac\u017eLabels hat man erfunden, um Musik zu verkaufen, wobei man schon wissen musste, wie man was nennt, bevor man es verkauft. So nannte man Blues den Blues, Jazz den Jazz, dasselbe mit Bluegrass, Gospel, was auch immer\u00e2\u20ac\u00a6und es gibt halt Musik, die das alles umfasst, aber wie nennt man die? Ich wei\u00c3\u0178 nur, es ist genau diese Musik, die ich gerne spiele.\u00e2\u20ac\u0153<\/p>\n<p>Der virtuose Marsalis wiederum, der ebenso belesen wie beliebt ist, hat seine bemerkenswerte Karriere um Jazz und Klassik aufgebaut. Der Pulitzerpreistr\u00c3\u00a4ger und mehrfache Grammygewinner ist derzeit k\u00c3\u00bcnstlerischer Leiter des Jazz at Lincoln Center. Als Jazzhistoriker, Lehrbeauftragter und Mentor hat er junge Musiker zuhauf gef\u00c3\u00b6rdert und sich zudem ein ums andere Mal um die musikalischen Traditionen seiner Heimatstadt New Orleans verdient gemacht. Aber wie Nelson pflegt er die Traditionen nicht blo\u00c3\u0178, er baut sie aus respektive setzt sie in modernen Kontext. Die Konzerte mit Nelson wurden von Marsalis\u00e2\u20ac\u02dc \u00c3\u0153berzeugung best\u00c3\u00a4rkt, dass der Blues die eigentliche Nationalhymne seines Landes ist. \u00e2\u20ac\u017eTwo Men With The Blues\u00e2\u20ac\u0153 ist f\u00c3\u00bcrwahr der klingende Beweis eines Genres der unbegrenzten M\u00c3\u00b6glichkeiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(EMI\/ Blue Note; V\u00c3\u2013: 11.07.08) Das Konzertplakat k\u00c3\u00bcndigte schlicht und einfach \u00e2\u20ac\u017eWilli Nelson Sings the Blues\u00e2\u20ac\u0153 an, aber die beiden geschichtstr\u00c3\u00a4chtigen Abende des 12. und 13. Januars 2007 im Jazz at Lincoln Center hatten weitaus mehr zu bieten. 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