V.A. – La Notte della Taranta 2010

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V.A. – La Notte della Taranta 2010

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Cover_LaNotte (Ponderosa, VÖ: 18.11.2011)
Wenn es nach dem überlieferten Volksglauben geht, hilft beim Biss einer Tarantel nur eine Gegenmaßnahme: Tanzen. Trägt man das Gift der Spinne erst mal in sich, sollen einzig und allein wilde Bewegungen zur Musik, am besten über Stunden hinweg, Heilung bringen. Die Redensart “wie von der Tarantel gestochen” erinnert an diese in früheren Jahrhunderten gängige Behandlungsmethode, an deren Wirkung inzwischen freilich niemand mehr glaubt. Als Heilverfahren wird die Tanzkur den Opfern von Spinnenbissen schon lange nicht mehr verordnet, als kulturelles Phänomen hat sie sich in der Tarantella jedoch bis heute erhalten.

Vor allem im südlichen Italien erfreut sich die Tarantella (Verkleinerungsform von “Taranta”) nach wie vor großer Beliebtheit, sogar ein eigenes Festival hat man zur Traditionspflege des Volkstanzes ins Leben gerufen: “La Notte della Taranta”. 1998 fand die von der Gemeinde Grecìa Salentina und dem Institut “Diego Carpitella” begründete Open-Air-Veranstaltung zum ersten Mal statt, damals dauerte sie nicht länger als zwei Tage. Mittlerweile ist “La Notte della Taranta” das größte Sommerfest der Region Apulien, alljährlich kommen im August vierzehn Tage lang unzählige Besucher aus nah und fern, um in einem Dutzend Orten der Gegend zu feiern, singen und tanzen. Standen anfangs ausschließlich lokale Musikgrößen auf der Bühne, so wurden in den letzten Jahren regelmäßig auch international angesehene Landsleute wie Lucio Dalla, Franco Battiato und Gianna Nannini eingeladen.

Mit der musikalischen Leitung des Festivalorchesters hat man unter anderem schon Police-Drummer Stewart Copeland (2003) und Joe Zawinul (2000) betraut. Im letzten Jahr dann wurde Ludovico Einaudi die Ehre zuteil, das Amt des “Maestro Concertare” zu bekleiden. Am Dirigentenpult trieb der gefeierte Pianist/Komponist das vielköpfige Musikerensemble zur Höchstleistung an. Beim Abschlusskonzert im 2.000-Seelen-Dorf Melpignano, das 100.000 angereiste Zuschauer auf dem Marktplatz dicht an dicht gedrängt verfolgten, gesellten sich dann noch das auf Dancehall-Reggae spezialisierte Sud Sound System, der Kora-Spieler Ballaké Sissoko aus Mali und die griechische Sängerin Savina Yannatou hinzu. Mercan Dede aus der Türkei brachte seine elektrifizierte Sufimusik in der Nachfolge der Tanzenden Derwische mit, und die rumänische Roma-Gruppe Taraf de Haïdouks schließlich hatte die Balkanfolklore ihrer Heimat im Gepäck.

Ursprünglich bestand das erklärte Ziel von “La Notte della Taranta” darin, das reiche Erbe der Musikform Tarantella unverändert zu bewahren. Insbesondere die in der Provinz Lecce angesiedelte Tarantella-Variante mit der Bezeichnung “Pizzica” (von “pizzicare” = zwicken, beißen, stechen) sollte mithilfe des Freiluft-Festivals am Leben erhalten werden. Nach und nach haben die Veranstalter jedoch erkannt, dass Traditionspflege nicht heißt, Altes endlos nachzubeten. Vielmehr geht es darum, das Alte mit neuen Ideen weiterzuführen und es so auch für junge Hörer interessant zu machen. Deswegen bringt “La Notte della Taranta” die farbenfrohe Spielart der Pizzica mittlerweile mit zeitgemäßen Sounds aus allen möglichen Musikgenres zusammen und sorgt mit solchen Anregungen von außen dafür, dass sie eine höchst lebendige Angelegenheit bleibt. Praktizierte Regionalkultur ohne Scheuklappen.