V.A. – “Heute hier, morgen dort – Salut an Hannes Wader”

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V.A. – “Heute hier, morgen dort – Salut an Hannes Wader”

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Heute hier, morgen dort_Cover(Universal Music, VÖ: 25.05.2012)
Es gibt sicher wenige Musiker, die sich und ihren Stil hierzulande beharrlicher der Vereinnahmung durch den Pop widersetzen als die Liedermacher. Was wäre einander auch wesensfremder als der deutsche Liedermacher und die herkunftslose Popkultur? Reinhard Mey elektronisch? Degenhardt-Dub? Wecker ohne Piano? Ziemlich undenkbar!

Das galt zumindest, bis sich kürzlich ein gutes Dutzend ziemlich junger Künstlerinnen und Künstler in die Studios begab, um einem Mann zu huldigen, der nicht nur ihr Großvater sein könnte, sondern von allen deutschen Liedermachern auch sonst am puristischsten wirkt: Hannes Wader. Pünktlich zu seinem 70. Geburtstag am 23. Juni widmen vierzehn alte, neue Fans dem Bielefelder Barden eine ganze Platte voller Interpretationen seiner Werke aus fast fünf Jahrzehnten Bühnenleben. Es ist ein Jubiläumsgruß voller Wertschätzung und Hingabe, der mehr will, als bloß ein paar verschiedene Künstler zum Ständchen zu bitten. Das Ergebnis heißt dementsprechend „Salut an Hannes Wader“, zusätzlich betitelt mit seinem größten Hit „Heute hier, morgen dort“. Das Ganze jedoch unterm Label Tribute-Album zu verkaufen, griffe deutlich zu kurz. Das Projekt ist schließlich mehr als eine reine Ehrerbietung, mehr auch als bloß Bewunderung eines bewundernswerten Kollegen. Es ist eine Respektsbekundung in vierzehn Akten, fast schon eine Liebeserklärung.
Dass es am Ende aber auch ein Stück weit Pop ist, liegt an den Gratulanten. Denn Hannes Wader, dieser lässig ergraute Überzeugungsmusiker mit der markanten Adlernase, er wird von seinen Epigonen nicht nur nachgespielt, geschweige denn schlicht kopiert, er wird vielmehr vom Nachwuchs (und einigen Platzhirschen) der deutschsprachigen Indie-Szene förmlich neu justiert. „Salut an Hannes Wader“ ist die Anpassung gut gereiften Liedguts aus bürgerbewegten, friedensbewegten, studentenbewegten Aufbruchszeiten an die multioptionale Gegenwart mit ihren neuen Kommunikationsmitteln, Netzwerken und technischen Spielereien. Vorgetragen von Liedermachern 2.0, wie man heute sagen würde: frischen Musikern, die dem Alten seinen Platz zuweisen, ohne es in die Ecke des Überflüssigen zu setzen.
Sie heißen Philipp Poisel, Tiemo Hauer oder Max Prosa, sind zwar oft gar nicht so lange runter von der Schulbank, aber bereits Vollblutmusiker mit Herz und Hirn. Sie nennen sich Bosse, finn., Das Bierbeben und sind trotz längeren Überlebenskampfs im Popgeschäft noch immer nicht so abgebrüht, alle Ideale abseits der Verwertbarkeitskriterien vollends zu verdrängen. Es sind gediegene Akustikformationen wie die Weimar-Hamburg-Leipziger Alin Coen Band, die Hannes Waders optimistische Weiter-geht’s-trotzdem-Ballade „Abschied“ mit Cello, Besen und Coens loungiger Stimme zu Jazzpop modernisieren. Es sind zottelig-coole Beardos wie (Ingo) Pohlmann, der aus Waders vierzig Jahre alter Kiez-Prosa „Charley“ eine Art klingendes Roadmovie mit Westernstaub auf den Stiefeln zaubert.
Es sind aber auch Jungstars mit Poster-Potenzial wie Revolverheld-Sänger Johannes Strate, der den ebenso zornigen wie innerlich verletzten Fluchtsong „Unterwegs nach Süden“, von Wader einst im Licht der RAF-Hysterie verfasst, die auch ihn von der Bühne weg verhaftet hatte, zum getragenen Orchesterpop anschwellen lässt. Oder eingängige Elektro-Formationen wie Glasperlenspiel, die der melancholischen Wendezeitselbsterkenntnis „Traumtänzer“ eine Spielart digitalisierten Deutschrocks verpassen. Oder wesensverwandte Liedermacherinnen wie Anna Depenbusch, die dem Spaßfolk „Nach Hamburg“ mit fröhlichem Pfeifen die anarchistische Unbeschwertheit der Hafenstraßen-Tage zurückgibt.
Hinzu kommen noch abstruser scheinende Übersetzer des Waderschen Liedguts: Die unverwüstlichen Slime etwa, vor deren rustikalem Punkrock nicht mal der Evergreen „Heute hier, morgen dort“ sicher ist. Und zuletzt, als Bonustrack, der Kastrierte Philosophen-Gründer und Delay-Produzent Matthias Arfmann alias Apfel S, der Waders zweiten Gassenhauer „Kokain“ szenegemäß ein paar technoide Break Beats unterjubelt.
Es ist, in einem Wort, ein buntes Sammelsurium, das nicht bloß Einzelteile kompiliert, sondern zu einem Ganzen verbindet. Mit mal werkgetreuen, mal umwälzenden Adaptionen, die bis auf wenige Ausnahmen wie Dota und die Stadtpiraten („Im Garten“) allesamt Samples, Sounds und Rechnertöne untermischen, um Hannes Wader, diesem streng akustischen Gitarrenvirtuosen mit der barocken Stimme, die Ankunft im digitalen Zeitalter ein bisschen zu erleichtern. Trotzdem sind die 14 Stücke keine feindlichen Übernahmen zur Aufmerksamkeitssteigerung wie im Pop oft üblich, sondern tatsächlich Hommagen an einen Unbeugsamen der Liedermacherei.
Sie würdigen allerdings noch etwas anderes als einen Einzelnen: die überquellende, oft altertümliche, aber seltsam zeitlose Poesie des einzelgängerischen Troubadours mit kommunistischer Grundhaltung. Vielleicht haben sich deshalb so viele nicht die sarkastischen Werke à la „Tankerkönig“ oder „Frau Klotzke“ ausgewählt, sondern die zartere Lyrik bis zurück zum blumigen „Lied vom kleinen Mädchen“ aus dem Debütalbum „Hannes Wader singt…“, 43 Jahre nach der Veröffentlichung umgesetzt von Max Prosa, dessen eigene Eltern damals womöglich so alt waren wie der 90er-Jahrgang heute. Dass dennoch viel Wut und Energie, viel Unzufriedenheit, Renitenz und Realismus durch das „Salut an Hannes Wader“ weht, zeigt indes, dass seine Epigonen den alten Volkssänger, wie sich der Geehrte ironisch-trotzig selber nennt, wirklich verstanden haben.
Zum runden Geburtstag erinnern somit neue Liedermacher in angemessener Form an einen alten, dessen Lieder zwischen Erdverbundenheit und Fernweh, Rastlosigkeit und Heimatliebe pendeln. Der bis heute rebelliert, milder im Ton zwar, doch unverdrossen. Der eine Haltung hat, noch immer. „Ich danke Ihnen für die Unruhe“, so gratuliert der kaum mehr als halb so alte Ingo Pohlmann dem Urheber des eigenen Beitrags zu „Salut an Hannes Wader“. Denn der Mann, fügt er hinzu, „ist nicht zu faul für Schnauze voll…“. Und schon gar nicht zu alt. Für nichts und niemanden.
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Die Künstler
Alin Coen Band
Die Musik der Alin Coen Band bewegt sich zwischen Folk, Pop und Jazz. Gegründet 2007, hat sie sich mittlerweile einige Bekanntheit erspielt, erhielt 2011 sogar den Deutschen Musikautorenpreis. Überregional bekannt wurde die Band 2011 durch ihren Auftritt beim Bundesvision Song Contest. Frontfrau Alin Coen stammt aus Hamburg.

Max Prosa
Bereits mit seinem Debütalbum schaffte der Berliner Max Prosa 2012 den Sprung in die Charts, belegte dort Platz 20. Mitunter wird er bereits mit dem frühen Bob Dylan verglichen. Im Frühjahr 2012 begann seine erste deutschlandweite Solotournee.

Dota & die Stadtpiraten
Musikalisch bewegt sich die Band um Frontfrau Dota Kehr zwischen Jazz und Bossa Nova. Dota & die Stadtpiraten sind auf Unabhängigkeit bedacht und verweigern bislang eine feste Bindung an Plattenfirmen. 2008 erhielt die Band den Förderpreis der Liederbestenliste.

Anna Depenbusch
Die Musik von Anna Depenbusch vereint Elemente von Jazz, Chanson und Pop. Die Texte und Aufnahmen entstehen jeweils in Eigenregie. Mit dem Album Die Mathematik der Anna Depenbusch gelang ihr eine hohe Platzierung in den Charts.

Johannes Strate
Der Bremer Sänger und Gitarrist Johannes Strate war Mitbegründer der Band Revolverheld. Sein erstes Soloalbum Die Zeichen stehen auf Sturm wurde 2011 veröffentlicht und platzierte sich gleich in den Charts. Strate ist zudem Mitinitiator der Music-And-Reading-Serie, für die weltweit Liedermacher nach Deutschland eingeladen werden.

Pohlmann
Viele werden sich noch an die Single Wenn jetzt Sommer wär aus der heißen Jahreszeit 2006 erinnern, einen luftigen Popsong zu Zeiten des damals grassierenden Sommermärchens. Der Song brachte Pohlmann nicht nur in die Dauerschleifen der Radios, sondern auch auf die Bühnen Deutschlands. Zur Zeit arbeitet er an seinem vierten Studioalbum.

Philipp Poisel
Bereits mit der Debütsingle seines Albums Wo fängt dein Himmel an?, veröffentlicht auf Herbert Grönemeyers Grönland-Label, gelang Philipp Poisel 2008 der Einzug in die Charts. Poisel spielte unter anderem im Vorprogramm von Suzanne Vega und Herbert Grönemeyer. Seine aktuelle Single Eiserner Steg erreichte im Januar 2012 den vierten Platz der Charts.

Tiemo Hauer
Seit der Stuttgarter 2009 mit seiner ersten Single Ehrlich Glücklich durchstartete, ist viel passiert. Erste Albumveröffentlichung (Losgelassen) auf eigenem Label, drei, zum Teil ausverkaufte, Tourneen im Jahr 2011. Im Juni 2012 erscheint sein zweites Album Für den Moment. Der Rolling Stone bringt es auf den Punkt: „… so sehen wohl diese gesund wachsenden Karrieren aus, von denen alle immer reden.“

finn.
Hinter dem Künstlernamen finn. verbirgt sich Sänger und Komponist Patrick Siegfried Zimmer. Er veröffentlichte bereits zahlreiche Alben und Singles, darunter auch u.a. mit Dirk von Lowtzow (Tocotronic).

Glasperlenspiel
Das Elektro-Pop-Duo wurde durch seinen viel beachteten Auftritt beim Bundesvision Song Contest im Jahr 2011 deutschlandweit bekannt. Bereits dem ersten Album Beweg dich mit mir gelang eine Top-Chartplatzierung, die Single Echt wurde mit „Gold” ausgezeichnet.

Bosse
Der Braunschweiger Songwriter, Sänger und Gitarrist Axel Bosse hat bereits vier Alben produziert. Seit 2003 tritt er als Frontmann der eigenen Band auf. Mit dem 2011 veröffentlichten Album Wartesaal gelang ihm der direkte Sprung auf Platz sechzehn der deutschen Charts. Im selben Jahr stand Bosse auch beim Bundesvision Song Contest auf der Bühne.

Das Bierbeben
Das Kollektiv Das Bierbeben bezeichnet seine Kunst als „Musik“. In der Band spielen renovierte, jedoch nicht reparierte Musiker, darunter auch der Tocotronic-Bassist Jan Müller. Das Bierbeben legen keinen Wert auf politische Texte und beziehen sich dabei unter anderem auch auf Franz-Josef Degenhardt.

Slime
Slime sind eine Ikone des deutschen Punkrock. Seit über dreißig Jahren steht die Band auf der Bühne und ist bekannt für provokante, politische, unangepasste Texte. Am Im Juni 2012 erscheint Sich fügen heißt lügen – Slimes erstes Album nach 18 Jahren.

Apfel S
Apfel S ist ein Hamburger Elektroduo, bestehend aus Matthias Arfmann und Milan Meyer. Bekanntheit erlangten sie vor allem auch durch Remixe renommierter Künstler, etwa von Herbert Grönemeyer.

Tourdaten siehe: hanneswader.de