V.A. – Friedrich der Große

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V.A. – Friedrich der Große

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Friedrich der Große_N 67-087 (Crystal Classics, VÖ: 01.01.2012)
“In vorigen Zeiten wurde die Setzkunst nicht so gering geachtet, wie in gegenwärtigen Zeiten… Die Alten glaubten nicht, dass man die Setzkunst ohne Unterweisung lernen konnte… Heut zu Tage aber will fast ein jeder, der nur etwas mittelmäßiges auf einem Instrument zu spielen weis, zu gleicher Zeit auch die Komposition erlernt haben.”
Als Johann Joachim Quantz (1697-1773) um die Mitte des 18. Jahrhunderts diese Zeilen in Berlin für die Einleitung seines Lehrwerkes Versuch einer Anleitung die Flöte traversière zu spielen niederschrieb, meinte er gewiss nicht die “Lehrlinge” seines früheren Schülerkreises und schon gar nicht seinen berühmtesten musikalischen Zögling, Friedrich II. von Preußen, dem er in “tiefster Untertänigkeit” eben jene “gegenwärtigen Blätter” widmete.

Friedrich hatte sich als 16-jähriger 1728 den berühmten Flötisten als Lehrer ausgewählt. Noch an die Dresdner Hofkapelle gebunden konnte Quantz vorerst seine Lektionen nur vereinzelt geben – auch zwischen 1732 und 1740 in Ruppin und Rheinsberg, wo Friedrich seinen musischen und wissenschaftlichen Neigungen nachging und ein Kammerorchester unterhielt. Der hierfür 1735 als Dirigent aus Braunschweig verpflichtete Komponist Carl Heinrich Graun (1703/04 bis 1759) dürfte dem Kronprinzen den ersten Kompositionsunterricht erteilt haben.
Als Friedrich Il. 1740 die Regierungsgeschäfte Preußens übernahm, zeigte sich bald, dass er sich in dem Kronprinzen-Idyll von Ruppin und Rheinsberg nicht nur mit Musik und der bildenden Kunst, mit der Literatur und der Philosophie beschäftigt hatte, sondern dass dort auch die Pläne für kommende militärische Aktionen geschmiedet worden waren. Noch bevor 1742 das neu erbaute Opernhaus Unter den Linden eröffnet werden konnte, war der 1. Schlesische Krieg schon vorbei – ein Krieg, der weitere nach sich zog. Voltaire, das prominenteste Mitglied der von Friedrich neu gegründeten Akademie der Wissenschaften in Berlin, spottete enttäuscht “Der Fürst wirft seinen Philosophenmantel ab und greift zum Degen, sobald er eine Provinz erblickt, die ihm gefällt.” Während seiner Feldzüge pflegte Friedrich stets eine seiner Flöten und ein Reiseclavichord mit sich zu führen. Schlachtenlärm vertrug sich offenbar recht gut mit Flötenklang im Ohr des Königs.
Die Musikbegeisterung Friedrichs II. ließ ein “musicalisches S(a)eculum nunmehr in Berlin angehen” (Johann Elias Bach). Die aus Rheinsberg übernommenen oder neu verpflichteten Musiker, wie die Brüder Graun und Benda, J. J. Quantz, C. Ph. E. Bach, Chr. Nichelmann, C. Fr. Fasch und J. Fr. Agricola, J. Ph. Kirnberger und Fr. W. Marpurg, genossen als Komponisten und Musiktheoretiker über die Grenzen Preußens hinaus hohes Ansehen. Berlin wurde durch ihr Wirken ein schulebildendes Musikzentrum. Die schöpferische Begabung seiner Musiker vermochte Friedrich freilich weniger zu erkennen, vor allem nicht die Bedeutung des Bach-Sohnes Carl Philipp Emanuel (1714-1788), der als 1. Hofcembalist zu seinen engsten “Capellbedienten” gehörte und als solcher – so vermerkte er in seiner Autobiographie – des Königs erstes “Flötensolo in Charlottenburg mit dem Flügel ganz allein begleitete.” Mit einseitig-konservativer Musikanschauung bestimmte der König das Repertoire von Hofoper und Hofmusik. In dem Opernhaus Unter den Linden wurden Opern Hasses und vor allem Grauns gespielt, deren Textbücher Friedrich zum Teil selbst verfasst hatte (darunter das zu “Montezuma”). In den Hofkonzerten bevorzugte er eigene Kompositionen und die seines Flötenmeisters Quantz, den er sich von Anfang an als musikalisches Idol erkoren hatte und der ihm auch in kompositionstechnischen Fragen der vertraute Berater war. Das Streben nach dem “vermischten Geschmack”, d. h. nach der Verschmelzung von Stileigenheiten italienischer, französischer und deutscher Musik hinderte Quantz nicht daran, von italienischen Vorbildern auszugehen, um – ganz im Sinne Friedrichs – den Weg zu einem sich der deutschen Vorklassik annähernden empfindsam geplanten Stil zu finden. Als Berliner Eigenart schließt er die Kunst improvisierter Verzierung von melodischen Linien, Themen und Motiven ein, aber auch ein beseeltes Adagiospiel, das die rhetorische Kraft der Musik dokumentieren soll, den “die Musik” so notierte Friedrich schon als Kronprinz in Rheinsberg, “kommt der gewaltigsten und leidenschaftlichsten Beredsamkeit gleich, sie spricht zum Gemüt, und wer davon Gebrauch zu machen weiß, der vermag sein Gefühl dem Hörer mitzuteilen”.
Kompositionen für Flöte dominieren unter den Werken Friedrichs II.
121 Sonaten und 4 Konzerte sind erhalten, dazu noch 2 Sinfonien (in der Art kleiner dreiteiliger Opernsinfonien), einige als Einlage zu Graunschen Opern gedachte Arien, die Serenade “II Ré pastore” und 3 Märsche. Besonders in den beiden größer angelegten Konzerten zeigen sich deutlich sowohl Begabung als auch Grenzen des komponierenden Königs. Seine Kompositionen schrieb er nur für sich und seine Hofkonzerte. An eine Veröffentlichung dachte er nicht – wohl wissend, dass er als Komponist nicht zu den Großen zählte.

Horst Richter