Tab Two – Two Thumbs Up

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Tab Two – Two Thumbs Up

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TABTWO_1729CreditLena Semmelroggen (36music; VÖ: 27.04.2012)
Intro
Es sind ein paar Jahre vergangen seit dem letzten „Zziipp“. Zwölf, um genau zu sein: 1999 standen Joo Kraus und Hellmut Hattler zum letzten Mal als Tab Two auf der Bühne – eine Trompete, ein Bass, ein Computer und unendliche musikalische Energie, die zuweilen als rhythmisch zischender „Ziipp“-Laut Dampf abließ.
Danach war zwar Schluss mit Tab Two. Doch was Joo und Hellmut seither getrennt voneinander an Klangwelten erschaffen haben, war ein mehr als nobles Trostpflaster für den Verlust. Jetzt aber heißt es „Two Thumbs Up“: Am 27. April veröffentlichen Tab Two ein Best-Of-Album, das viel mehr ist als eine schlichte Compilation: Zwei CDs mit 25 von Jürgen Schlachter remasterten Songs, quer durch den Werkkatalog (vom Frühwerk „Mind Movie“ bis zu den Hits “No Flagman Ahead”, „Belle Affaire” und “Let It Flow”) und eine CD mit 10 Bonustracks – bislang unveröffentlichte Titel und Remixes zum Beispiel von And.Ypsilon und Rainer Trüby. Plus, und jetzt kommt’s: Mit „The Patient“ ist auch ein gänzlich neuer Song dabei. Als sei das alles nicht genug der guten Nachrichten, feiern Joo und Hellmut das neue Album mit einer temporären Bühnen-Reunion: Fünf bis zehn Gigs stehen 2012 auf der Agenda.

Strophe eins: Tab Two, damals
Tab Two waren ein Phänomen, das ohne Vorbild war – und ohne Nachahmer. Ist ja auch eine ziemlich abenteuerliche Idee: Ein etablierter E-Bassist mit glorreicher Jazz- und Krautrockvergangenheit und ein junger, hochbegabter Jazztrompeter finden Anfang der 90er zusammen und holen als einziges weiteres Bandmitglied einen Computer dazu. Die Konsequenz der Konstellation destilliert im Namen „Tab Two“: Trumpet and Bass, nur wir zwei. Daraus hätte leicht ziemlich zauselige E-Musik für kinnbärtige Oberstudienräte werden können.
Tatsächlich aber passierte etwas ganz Unerwartbares: Joo und Hellmut scherten sich einen Dreck um Genregrenzen und noch weniger um drohende Crossoverfallen – sie spielten einfach. Komponierten Songs, die ebenso klug wie beseelt waren, die ihre Wurzeln im Jazz hatten und ihre Äste locker im Wind der gerade angesagten Hypes grooven ließen. Gemäß dem Titel ihres ´94er-Albums beschrieben sie ihren Stil gerne mit dem Begriff „Hip Jazz“. Sie gaben ihrem Computer Hip-Hop- und Jungle-Beats zu fressen, lehrten ihn Trip-Hop-Sounds und Acid Jazz – und triumphierten über all diese so lustigen wie meist kurzlebigen Modeklänge mit leuchtenden Melodiebögen, unangreifbaren Soli und einem Groove, der richtig Eier hatte.
Was ein Grund sein mag, warum Tab Two nicht nur mehr als ordentlich Platten verkauften – übrigens zum Beispiel auch in Japan und den USA – sondern gerade live zum Ereignis wurden. Wer einmal erlebt hatte, wie Joo und Hellmut auf der Bühne abgingen, wollte so oft wie möglich wieder dabei sein. Die Quote der Wiederholungstäter bei Tab Two-Konzerten ist legendär.
Acht Jahre ging das so: In dieser Zeit produzierten Joo und Hellmut acht Alben von „Mind Movie“ 1991 bis „Between Us“ 1999, sie spielten rund 700 Gigs in aller Welt, waren Lieblingskinder sämtlicher Musikkritiker vom Provinzblättle bis zum Jazz-Fachmagazin und gewannen sogar das Herz von Tina Turner, die sich von ihnen eigens den Titel „Thief Of Hearts“ komponieren ließ. Kurzum: Es hätte nicht besser laufen können.
Und dann plötzlich – Notbremsung bei voller Fahrt. Schluss, Aus, Joo konnte und wollte nicht mehr. Eine damals lebensnotwendige Entscheidung, der man heute vielleicht das Ettikett „Burn Out“ umhängen würde. Der plötzliche Ausstieg ließ den Kompagnon ratlos zurück. Beide brauchten Jahre, um diesen Schnitt, jeder für sich, ausheilen zu lassen.

Bridge: Zwölf Jahre dazwischen
Seit der Trennung ist viel passiert, bei Joo wie bei Hellmut. „Jeder von uns hat viel Musik und viele Kinder gemacht“, bringt es Joo auf den Punkt. Hellmut erzählt über seine musikalische Entwicklung: „Bei meinem Projekt HATTLER habe ich auf die Tab Two-Erfahrungen aufgebaut, wollte aber zusätzlich Sachen machen, die ich bis dahin noch nicht geschafft hatte – nämlich nicht nur gute Texte, sondern auch richtige Gesangslines zu schreiben. Außerdem spiele ich mit meinen alten Weggefährten KRAAN wieder zusammen, was mich alles zusammen richtig glücklich macht.“ Die neueste Errungenschaft im Hattler’schen Musikkosmos ist „Siyou’n’Hell“ – ein Duo mit der Gospel-Sängerin Siyou.
Joo Kraus hat sich in den vergangenen Jahren frei geschwommen: „Ich bin buchstäblich um die Welt gereist, im musikalischen wie im wörtlichen Sinn,“ erzählt er. Er spielte fünf Solo-Alben ein, alle gemeinsam mit dem Pianisten Ralf Schmid und wechselnden Band-Besetzungen, und erfüllte sich Träume „wie mit Paula Morelenbaum und Omar Sosa zu spielen“. Zuletzt bewies er mit der Hommage an Michael Jackson „Songs From Neverland“, dass ein Coveralbum tatsächlich Tiefe, Substanz und Seele haben kann. Joos Resümee der letzten zwölf Jahre: „Ich bin sehr froh, damals Tab Two beendet zu haben: Ich fühle mich um einiges reifer, freier und reicher.“

Strophe zwei: Tab Two, heute
Fans mögen dennoch bis heute gehofft haben, dass Tab Two irgendwann ein Lebenszeichen von sich geben würden. Auch wenn niemand, der recht bei Verstand ist, darauf gewettet hätte.
Wahrscheinlich wäre auch nie etwas passiert – wenn nicht der gemeinsame Freund, Studio- und Labelbetreiber Jürgen Schlachter wäre. Als der nämlich Re-Releases alter KRAAN-Alben unter seinem Label 36music plante, kamen ihm auch die Tab Two-Alben in den Sinn. Die Veröffentlichungsrechte waren gerade frei geworden – eine prima Gelegenheit, fanden er und Hellmut, auch diesen Backkatalog wieder verfügbar zu machen. „Und dann hatte ich die Idee eines Best-Of-Albums“, erzählt er. Hellmut und Joo waren sofort einverstanden – auch damit, unveröffentlichte Stücke mit auf die Trackliste zu nehmen. Das bedeutete Schwerstarbeit: Jeder wühlte in seinen Archiven, und „Hellmut und ich haben einen ganzen Tag damit verbracht, circa eine Milliarde DAT-Cassetten durchzuhören“, erinnert sich Jürgen. Nachdem alles gehört, überspielt und nochmal gehört war, standen die Songs für die Bonus-CD fest: Sechs Remixe – etwa von And.Ypsilon und Rainer Trüby – und drei bisher unveröffentlichte Stücke.
Auf den zwei Best-Of-CDs landeten 25 handverlesene und von Jürgen remasterte Tab Two-Songs quer durch den Werkkatalog – vom Frühwerk „Mind Movie“ bis zu den Hits “No Flagman Ahead”, „Belle Affaire” und “Let It Flow” sowie Stücken aus der Endphase wie „No Way No War“.
Und dann passierte bei einem Treffen von Hellmut und Joo etwas, womit niemand gerechnet hatte: „Wir haben relativ rasch einen ganz neuen Song gemacht“, erzählt Joo. „The Patient“ hat nun als Track Nummer eins einen Ehrenplatz auf der Bonus-CD erhalten.
Irgendwie scheint also doch wieder etwas zu gehen zwischen den Ex-Partnern Kraus und Hattler. Trotz der langen Jahre, in denen die beiden fast keinen Kontakt hatten, fanden sie erstaunlich schnell wieder eine gemeinsame Ebene – menschlich wie musikalisch: „Die Zusammenkünfte waren unglaublich konstruktiv und auch produktiv. Es war ein bisschen wie Heimkommen“, erzählt Hellmut. Joo ergänzt: „Natürlich spüre ich mit Hellmut die viele gemeinsame Vergangenheit die uns verbindet, obwohl ein kompletter Lebensabschnitt zwischen damals und heute liegt.“
Trotzdem war es für alle Beteiligten ein aufregender Moment, als plötzlich sogar die Möglichkeit einiger Live-Gigs im Raum stand: „Dass wir die Veröffentlichung dieses Albums mit ein paar Konzerten unterstützen werden, ist weit mehr, als ich mir je hätte träumen lassen“, freut sich Hellmut. Walter Holzbaur, Chef der Wintrup Musikverlage und früherer Manager der Tab Two, fand die Aussicht auf Tab Two-Konzerte nachgerade sensationell: „Das sind ja gewaltige News“, befand er, als Jürgen Schlachter ihm die Nachricht überbrachte.
Soviel steht also bislang fest: Die Triplet-CD „Two Thumbs Up“ wird am 27.04.2012 veröffentlicht, und irgendwann nach diesem Zeitpunkt wird es einige Tab Two-Gigs in großen Städten geben.
Fest steht bislang allerdings auch etwas anderes: Die Reunion ist streng limitiert und wird nach den festgelegten Auftritten enden – das werden Hellmut und Joo nicht müde, zu beteuern. Joo erklärt: „Für mich ist das eine schöne Möglichkeit, das jähe Ende von damals abzurunden. Irgendwie ist es auch ein Abschluss.“

Outro
Die Tab Two Triplet-CD „Two Thumbs Up“ wird am 27.04.2012 veröffentlicht. Label: 36music /Jürgen Schlachter, Verlag: Wintrup Musikverlag/Walter Holzbaur, Vertrieb: Broken Silence.