Raul Midón – Synthesis

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Raul Midón – Synthesis

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Wenn man beim Video-Portal YouTube nach “Raul Midón” sucht, stößt man auf einen 2006 entstandenen Clip, der den in New York lebenden Sänger, Gitarristen und Songwriter bei einem Auftritt in der “Late Show With David Letterman” zeigt. Zu hören ist er mit “State Of Mind”, dem Titelstück seines dritten Albums, mit dem ihm 2005 der Durchbruch gelang. Nachdem man den Clip gesehen hat, weiß man nicht, was beeindruckender ist: Midóns elegante, soulige Tenorstimme, sein betont perkussives Gitarrenspiel oder die originellen, beboppigen “Trompeten”improvisationen, die er mit seinem Mund nachahmt und sein Markenzeichen geworden sind. Das Publikum bedenkt ihn jedenfalls schon vor Ende des Stücks mit begeistertem Applaus. Seine virtuose und doch schlichte Performance lässt einen erahnen, weshalb Raul Midón schon seit ein paar Jahren unter Musikerkollegen einen so exzellenten Ruf genießt. Und jetzt wird er mit seinem neuen Album “Synthesis” dafür sorgen, dass auch der Rest der Welt seine vielen Talente kennen lernt.

Auf “Synthesis” kanalisierte der aus New Mexico stammende Raul Midón all seine Kreativität und Leidenschaft. Das Album nahm er im Juni 2009 in Los Angeles mit dem legendären Produzenten und Bassisten Larry Klein auf, der in seiner langen Karriere schon mit Koryphäen wie Joni Mitchell, Herbie Hancock und Peter Gabriel zusammengearbeitet hat. Mit seiner brillanten Mixtur aus Soul-, Pop-, Jazz-, Folk- und Latin-Elementen, die es einem unmöglich macht, Raul Midón in eine Schublade zu stecken, beweist “Synthesis” die Evolution des Künstlers. Anders als auf seinen vorausgegangenen Alben spricht Midón hier Themen wie Enttäuschung, Angst, Verlust und den amerikanischen Traum mit einem gewissen Biss an, den er wiederum raffiniert mit lebhaften swingenden und groovenden Rhythmen, sowie umwerfend ohrwurmigen Melodien kaschiert. Während er in den Texten von “Never Really Gave”, “Don’t Take It That Way” und “Invisible Chains” mit scharfen Beobachtungen aufwartet, schlägt er in Songs wie “Next Generation”, “Call My Name” und “Moment To Moment” optimistischere Töne an.
“Larry ermunterte mich dazu, meine Songs einmal aus einer anderen Perspektive zu schreiben als ich es sonst mache”, erklärt Midón die etwas bissigeren Texte von “Synthesis”. “Ich habe bisher viele Lieder über Hoffnung und Inspiration und solche Sachen geschrieben, aber im Leben gibt es natürlich auch noch andere Dinge. Jetzt habe ich versucht, mein Repertoire ein bisschen zu erweitern. Sinn und Zweck ist aber nicht etwa den Leuten die Ohren voll zu jammern oder Mitleid bei ihnen zu erheischen. Es geht vielmehr darum, etwas mehr in die Tiefe zu gehen und zu zeigen, wie es ist, das Leben zu leben, und dass nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen ist. Das Leben ist nicht nur schwarz und weiß. Es ist komplexer. Man kann beispielsweise sehr verärgert über jemanden sein, diese Person aber trotzdem noch lieben. Oder man lernt Leute kennen, die einem eine Menge beibringen können – aber man möchte trotzdem nicht wie sie sein. Ich bringe auch zur Sprache, was ich von der Welt halte und wie ich in sie hinein passe.”
Midón hat die Welt immer schon anders erlebt als die meisten von uns. Als Sohn eines Argentiniers und einer Afroamerikanerin (Midóns Mutter starb, als er noch jung war) kamen Raul und sein Zwillingsbruder Marco 1966 in einem ländlichen Krankenhaus in Embudo/New Mexico als Frühgeborene zur Welt. Da sie ohne angemessenen Augenschutz einige Wochen in Inkubatoren verbringen mussten, erblindeten beide schon kurz nach der Geburt. “Damals wusste man noch nicht, dass man die Augen in Inkubatoren vor dem hochkonzentrierten Sauerstoff schützen muss”, erzählt Midón. “Und so verlor eine ganze Generation von Frühgeborenen auf diese Weise das Augenlicht.” Während sein Bruder Marco heute als Elektroingenieur bei der NASA arbeitet, schlug Raul eine künstlerische Laufbahn ein. Angestiftet hat ihn dazu sein Vater, der ein professioneller Folkloretänzer ist und eine umfangreiche Plattensammlung von erstaunlicher stilistischer Bandbreite besitzt: neben Musik von klassischen Komponisten wie Mozart und Beethoven gibt es dort Aufnahmen von Avantgardisten wie John Cage und Karlheinz Stockhausen sowie von Jazzgrößen wie Charlie Parker, Miles Davis und Sonny Rollins.
“Wenn wir bei uns zu Hause eine Platte auflegten, dann setzen wir uns alle hin und lauschten gebannt. Musik diente uns nicht als Klangkulisse im Hintergrund oder zur Untermalung anderer Beschäftigungen”, erzählt Raul Midón. “Es war jedes mal ein Ereignis, wenn wir Musik hörten!” Von seinem Vater lernte er bereits als Vierjähriger, wie man Handtrommeln spielt. Zwischen seinem fünften und fünfzehnten Lebensjahr besuchte er zusammen mit seinem Zwillingsbruder Marco eine Blindenschule. In dieser Zeit wandt er sich auch der Gitarre zu. “Ich glaube nicht, dass einen Blindheit zu einem besseren Musiker macht”, sagt Midón. “Aber ich denke, dass sie dazu beiträgt, dass man sich auf eine sehr pragmatische Art besser konzentrieren kann. Ich wusste, dass meine Jobaussichten begrenzt waren, aber die Midóns glauben nicht an Notfallpläne. Wir denken nicht: ‘Mach Musik, aber absolvier auch eine Lehrerausbildung für den Fall, dass es mit der Musik nicht klappt.’ Das ist nie unser Modus operandi gewesen. Ich wusste, dass ich ein gewisses Talent hatte, und so half mir die Blindheit dabei, mich darauf zu konzentrieren, dieses Talent zu entwickeln. Aber ich glaube nicht, dass ich deswegen besser spiele. Die überwiegende Mehrheit der großartigen Musiker, die ich kenne, kann sehen.”
Nach zwei Univorbereitungsjahren in Santa Fe besuchte Midón die University of Miami, für die er sich wegen ihres bekanntermaßen exzellenten Jazz-Curriculums entschieden hatte. Nachdem er sein Studium abgeschlossen hatte, blieb er in Miami und verdingte sich als Background-Sänger. Da er dank seines argentinischen Vaters von klein auf auch Spanisch sprach, fiel es Midón leicht, in der florierenden Latin-Pop-Szene von Miami Fuß zu fassen. Schon bald begleitete er auf Platten und Konzerten Superstars wie Julio und Enrique Iglesias, Shakira, Ricky Martin und Alejandro Sanz. Nebenher trat er in lokalen Clubs auf, wobei er vom Publikum gewünschte Coverversionen unter die eigenen Songs mischte, die er zu schreiben begonnen hatte. Fast zehn Jahre lang verdiente er sich so seine Sporen. Dann gab er 2002 die durchaus lukrative Tätigkeit als Background-Sänger auf, um endlich in New York sein Glück als Solokünstler zu versuchen.
“Ich verdiente meinen Lebensunterhalt als professioneller Musiker, aber ich war kein Künstler”, meint Midón rückblickend. “In Miami spielte ich meine Songs in Restaurants, ich lieferte die akustische Beilage zu den servierten Meeresfrüchten. Irgendwann war ich es einfach satt, für die Gäste immer wieder ‘Margaritaville’ zu spielen. Es ist etwas ganz anderes in New York vor Leuten aufzutreten, die kommen, um deine Musik zu hören.” Aber sein erstes Jahr in Manhattan verlief anders als er erhofft hatte (über diese Zeit sang er auf dem Album “State Of Mind”). Seine Erfahrungen als Background-Sänger auf zahllosen Latin-Pop-Platten garantierten ihm nicht automatisch Jobs. Aber er erhielt in einem Club im West Village immerhin die Chance zwischen Top-40-Bands aufzutreten. In dieser Zeit legte er sich den Performance-Stil zu, der ihn heute so auszeichnet.
“Ich ging wie ein Krieger an das Gitarrespielen heran”, erzählt er amüsiert. “Ich spielte nach dem Motto: ‘Leute, ihr müsst euch das einfach anhören, denn so etwas habt ihr noch nie zuvor gehört oder gesehen.’” Seine Methode hatte Erfolg. Er zog immer mehr Leute in seinen Bann und schaffte es schließlich, ein einmonatiges Engagement im renommierten Downtown-Club Joe’s Pub zu ergattern. 2003 sprach ihn jemand hinter der Bühne an und fragte ihn, ob er Interesse hätte bei einem Programm mit dem Titel “The Movie Music of Spike Lee” mitzuwirken. Es sollte in der Carnegie Hall aufgeführt werden und zu den weiteren Mitwirkenden gehörten der Trompeter Terence Blanchard, die Sängerinnen Angie Stone und Cassandra Wilson, sowie der Pianist und Sänger Bruce Hornsby. Raul Midón musste über das Angebot nicht zweimal nachdenken. Die Show wurde ein Erfolg und Midón erntete stehende Ovationen, sowie eine hymnische Besprechung in der New York Times. Im Publikum saß bei einer Vorstellung auch der (mittlerweile verstorbene) legendäre Produzent und Arrangeur Arif Mardin, der ihn stante pede unter Vertrag nahm und “State Of Mind” koproduzierte. Dieses Album, das eine clevere Mischung aus Old-School-Soul, Latin, Jazz und zeitlosem Singer/Songwriter-Folk-Pop enthielt, brachte ihm reihenweise glänzende Kritiken ein. Zusätzliche Aufmerksamkeit erregte “State Of Mind” dadurch, dass Stevie Wonder und Jason Mraz als Gäste auftraten.

In den folgenden Jahren tourte Raul Midón ganz allein durch die USA, Europa und Japan, um ein eigenes Publikum zu erobern. Dann brachte er 2007 sein nächstes Album “A World Within A World” heraus, welches bewies, dass “State Of Mind” keine Eintagsfliege war. Der amerikanische “Guitar Player” nannte Midón “eine jener seltenen musikalischen Kräfte, die einen daran erinnern, wie stark und tief die Verbindungen zwischen einem Mann und seiner Musik manchmal sein können.”
Jetzt folgt mit “Synthesis” Raul Midóns fünftes Album. Die Demoversionen seiner Songs stellte der Musiker im vergangenen Sommer mit Hilfe einer PC-Software namens Sonar in seinem eigenen Heimstudio fertig. Das Programm erlaubt es Blinden unter Windows zu arbeiten. “Die Firma, die das Programm entwickelt hat, heißt Dancing Dots”, führt Midón aus, “und das Programm ermöglicht einem, Audiodateien zu editieren und auf alles zuzugreifen, was man für eine Aufnahme braucht… Dinge wie Kompressoren, Nachhall, Effekte, MIDI – und alles auf professionellem Niveau. Jede Demoaufnahme, die ich machte, diente mir so auch dazu, herauszubekommen, was ich noch so alles in meinem Studio anstellen konnte.”
Im Juni 2009 flog Midón nach Los Angeles, um schließlich die Aufnahmen mit Larry Klein in Angriff zu nehmen. Seinem Produzenten habe er es zu verdanken, dass seine Stimme bei diesen Aufnahmen lebendiger und besser als je zuvor klingt, meint Midón. “Ich wollte mit jemandem zusammenarbeiten, der Musiker wirklich versteht, der denselben Background hat und dieselbe musikalische Sprache spricht, vor allem in Bezug auf Harmonien”, sagt Midón. “Larry ist genau die Sorte Produzent, die ich suchte. Wir haben einen sehr ähnlichen musikalischen Background.”
Midón und Klein einigten sich darauf, die Sessions mit weitestgehend akustischen Instrumenten abzuhalten. “Ich wollte wieder eine organische Aufnahme machen”, sagt Midón. “Beim letzten Album verwendeten wir mehr programmierte Sounds und diesmal wollte ich wirkliche Musiker spielen lassen und nur wenige Effekte verwenden.” Unter Midóns Mitspielern befinden sich gestandene Session-Cracks wie Schlagzeuger Vinnie Colaiuta, Perkussionist Paulinho da Costa, Gitarrist Dean Parks und Keyboarder Jamie Muhoberac. Produzent Larry Klein kommt auch als Bassist zum Einsatz.
“Ich war immer daran interessiert, verschiedene Elemente miteinander zu kombinieren”, sagt Raul Midón abschließend. “Dieses Album enthält Soul- und Popelemente und auch einige Improvisationen. Es gibt ein paar Songs, die musikalisch für manche Hörer vielleicht eine kleine Herausforderung sind, aber ich hoffe, dass das Album trotzdem auch beim breiten Publikum ankommt. Ich denke, es enthält etwas für jeden.”