Patricia Barber – The Cole Porter Mix

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Patricia Barber – The Cole Porter Mix

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(Blue Note, VÖ: 26.09.08) Mit ihrem im Jahr 2006 erschienenen Album „Mythologies“, ein auf Ovids „Metamorphosen“ basierender Songzyklus von betörender Schönheit, hatte Patricia Barber ihr Guggenheim Stipendiat mit einem wahren Kunstwerk eingelöst. Mehr noch, das amerikanische Magazin Jazz Times feierte sie als „furchtlose, intellektuell höchst stimulierende und mit Abstand interessanteste Sängerin, Pianistin und Komponistin der amerikanischen Jazzszene“. Auch DownBeat lobte das Album über alle Maßen und konstatierte, dass „ihre dunkle, konspirativ wispernde Altstimme geradezu legendär ist“. Und die Los Angeles Times pries Barber für ihr Talent, „ihre natürliche Ausdruckskraft auf imponierend neue Gebiete lyrischer Kreativität“ zu übertragen.

Für ihr jüngstes Blue-Note-Album, „The Cole Porter Mix“, hat Patricia Barber ihre „natürliche Ausdruckskraft“ voll und ganz auf eine ebenso atemberaubende wie feinfühlige Hommage an einen der größten amerikanischen Komponisten verwendet. Die 13 Songs spiegeln nicht nur die großen gesanglichen Möglichkeiten dieser Künstlerin wider, sondern auch ihre Klasse als sensible Interpretin der Songs von Cole Porter. Erstaunlich auch, wie nahtlos sich die drei Eigenkompositionen von Barber in den Songreigen dieser All-Time-Classics einfügen. Es ist eben ein Vorteil, wenn man sich mit der Materie auskennt. „Cole Porter war als Songwriter schon immer mein Idol“, gesteht Patricia Barber. „Ich liebe seine Musik und habe seine Songs schon seit Jahren in meinem Gesangsrepertoire.“

Die beiden festen Koordinaten in Barbers Band sind der Gitarrist Neal Alger, mit dem sie nunmehr sechs Jahre zusammenspielt, sowie der Bassist Michael Arnopol, der sie bereits seit 1980 begleitet. „Wir sind wie Bruder und Schwester“, sagt Barber über ihren langjährigen Begleiter. „Wir sind gemeinsam zum Jazz gekommen und haben all die Gigs in Chicago gemeinsam bestritten, die mich geformt haben.“ Das Schlagzeug teilen sich Eric Montzka und Nate Smith, der sonst bei Dave Holland trommelt. Ein weiterer Begleitmusiker Hollands und formidabler Leader in eigener Sache ist der Tenorsaxophonist Chris Potter, der bei fünf Stücken gastiert. Barber spielt auf allen Stücken Piano und setzt bei einigen mit einer Melodica wohltemperierte Akzente, wie etwa auf dem von ihr komponierten „The New Year’s Eve Song“, der das Album beschließt.

Seit mehr als zwei Dekaden tritt die in Chicago ansässige Künstlerin als Bandleaderin auf und hat in dieser Zeit eine ganze Reihe hervorragender Alben veröffentlicht, die auch deswegen in höchsten Tönen gelobt wurden, weil die Pianistin dem Jazzgesang neue Wege eröffnet hat. Eines der schönsten Beispiele findet sich auf ihrem Major-Debüt „Distortion Of Love“ aus dem Jahr 1992, wo sie feinsinnig Smokey Robinsons „My Girl“ interpretierte. „Damals nahm so gut wie niemand zeitgenössische Popsongs in Jazz-Manier auf“, erzählte Barber Jahre später in einem Interview. „Ich fühle mich so wie ein postmoderner Pionier. Kurze Zeit später betrachtete man alle mögliche Musik als potentielle Quelle für Jazzgesang und Jazzinstrumentalisten. Die alten Abgrenzungen zwischen Populärmusik und Jazz sind nach und nach verschwunden.“

Barber fügt hinzu, dass es eines der schwierigsten Unterfangen war, Hörer zu überzeugen, dass es noch Leben nach der Ära der großen Gesangsikonen wie Sarah Vaughan, Peggy Lee, Carmen McRae und Ella Fitzgerald gibt. „Viele Jazzfans haben die Fähigkeit verloren, sich eine Zukunft vorzustellen. Obwohl sich so viel Innovatives im Jazzgesang getan hat, wird noch immer der Verlust von Sarah, Peggy, Carmen und Ella beklagt. Menschen versuchen die Musik zu vereinnahmen und zu besitzen, sie lässt sich aber nicht einschließen. Trotz der Menschen, die gegen jegliche Veränderung sind, bahnt sich Musik ihren Weg wie Wasser durch Gestein.“

Ihr Talent hat die Jazzsängerin ein ums andere Mal in den Dienst künstlerischer Kurswechsel gestellt. Ihre Alben „Café Blue“ (1994), „Modern Cool“ (1998) und „Nightclub“ (2000) haben ihr international Anerkennung bei den Kritikern und eine stetig zahlreicher werdende Gefolgschaft beschert. Nach der Veröffentlichung ihres Longplayers „Verse“ (2002) schwärmte das US-Magazin Stereophile, Barber sei „mehr als eine Dichterin, mehr als eine Sängerin, mehr als eine Songwriterin, denn keine dieser Kategorien allein wird der Vollkommenheit ihrer künstlerischen Darbietung gerecht“. Ein anderer amerikanischer Journalist befand, sie habe „die Stimme einer Cabaret Chanteuse, die Seele einer Beat Poetin und den Geist eines englischen Professors – mit furchteinflößenden Resultaten.“

Auch ihr 2004 erschienenes Album „Live: A Fortnight In France“ löste ähnlich euphorische Kritiken aus. So schrieb die Los Angeles Times, Barber sei „die überzeugendste Sängerin und Songwriterin des Jazz seit Peggy Lee … ihre dunkle Vorstellungskraft, ihre packenden Interpretationen und ihr treibendes Pianospiel gehören zu den großen Wundern der zeitgenössischen Musik.“ Auch der Chicago Tribune lobte das Livealbum seiner Lokalmatadorin in höchsten Tönen: „Auch wenn Hörer inzwischen glänzende Resultate von Patricia Barber erwarten, ist ‘Live: A Fortnight in France‘ ein bedeutender Schritt … In den letzten Jahren ist sie weit darüber hinausgegangen, nur Jazz- und Popstandards zu interpretieren, und sie bestätigt dies noch einmal mit dem wohl erlesensten Jazz-Songwriting unserer Tage.“
Das lässt sich auch durchaus von dem Album „The Cole Porter Mix“ behaupten, speziell für ihre eigenen Songs. „Ich brauchte viel Zeit, diese Songs zu schreiben. Ich bin eine langsame Songwriterin. Und es benötigt eine gewisse Vermessenheit, meine eigenen Songs auf ein Album zu packen, das eine Hommage an Cole Porter ist. Aber meine Kompositionskunst ist seiner ähnlich. Ich habe viel von ihm gelernt und zähle die Silben wie er. So habe ich bei ‘I Wait For Late Afternoon And You‘ die Silbenzahl und die Binnenreime genau wie Porter benutzt. Es gibt Songzeilen, die quasi in der Luft hängen und einen warten lassen, so dass das Warten durchaus wörtlich genommen werden kann. Der Song ist gar nicht mal schwermütig, aber die Schwermut ist trotzdem spürbar. Cole Porter hat auch nie einen Song geschrieben, in dem es explizit hieß: ‘Ich bin unglücklich‘.“

In dem von Metaphern durchzogenen „Snow“, einem weiteren ihrer Songs, dreht sich alles um Essen und Sex. „Es ist ein sehr sexbetonter Song über das Verlangen“, so Barber. „Ich liebe die letzte Zeile, ‘Do you think of me at all?‘. Durchzogen ist der Song auch von einer Schwarz-Weiß-Dichotomie, wie Schnee mit Jazz und Salz mit Öl.“ Für „The New Year’s Eve Song“ trat Barber an Potter mit einem besonderen Anliegen heran. „Ich fragte Chris, ob er schon einmal richtig schmalztriefend gespielt habe. Er verneinte, aber wollte meinem Wunsch gerne nachkommen. So spielte er bei diesem Song, als wäre er halb betrunken und ließ sich dann in ein typisches Chris-Potter-Spiel treiben. Ich wollte auf diesem Album unbedingt ein Saxophon und ich war begeistert, wie er ‘Just One Of Those Things‘ begleitete und wie perfekt er ‘In The Still Of The Night‘ spielt, wo wir mit einem Samba Beat förmlich abheben. Ich hatte Chris gesagt, er solle sein Solo so spielen, als wäre er geradewegs in die Session hineingeraten. Und wie Chris und Eric am Ende richtig aufdrehen, das hat doch was.“

Die Kompositionen von Cole Porter bearbeitet Barber mit allem gebührenden Respekt, nimmt sich aber auch viele Freiheiten. „Easy To Love“ etwa hat ein wunderbar leichtes Bossa-Nova-Flair und diese Luftigkeit gibt dem Klassiker frischen Sauerstoff. „I Get A Kick Out Of You“ besticht durch ein aufreizendes Arrangement, das Barber vor Jahren konzipiert hatte. Ungewöhnliche Akkordwechsel sorgen bei diesem Evergreen für eigenwilligen Swing. „You’re The Top“ hat Barber gar um eigene Textzeilen ergänzt und krönt dieses Highlight mit einem bemerkenswerten Pianosolo. Bei „C’est Magnifique“ ist es die Melodica, die dem Musical-Nugget aus „Can Can“ einen französischen Flair gibt. „Außerdem habe ich den Song eingesungen, bevor wir uns für die Sessions aufgewärmt hatten, so dass meine Stimme rau und eben französisch klingt.“ Es lassen sich noch etliche Details und Aspekte finden, die das für Patricia Barber symptomatische Prädikat „modern cool“ verdienen. Neal Algers unterkühlt klagende Gitarre auf „Get Out Of Town“ etwa oder Michael Arnopols butterweicher Bass auf „What Is This Thing Called Love?“, ganz zu schweigen von diesem exzeptionellen Gesang, gravitätisch auf „I Concentate On You“, schwerelos und hypnotisch auf „Miss Otis Regrets“. Mit ihrem neuen Meisterstreich ist es der Amerikanerin gelungen, den schillernden Kompositionen von Cole Porter viele neue und faszinierende Facetten abzugewinnen und mit ihrer kühnen Improvisationslust die Kunst weiblichen Jazzgesangs einmal mehr nachhaltig zu bereichern.