Keith Jarrett – Testament

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Keith Jarrett – Testament

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Keith Jarrett - Testament Nachdem Keith Jarrett im Mai 2008 bereits vier Solokonzerte in Japan gegeben hatte und anschließend im Trio mit Gary Peacock und Jack DeJohnette durch Europa und die USA getourt war, erklärte er sich im Spätherbst spontan dazu bereit, für zwei weitere Solokonzerte noch einmal nach Europa zurückzukehren. Das erste dieser beiden Konzerte gab er am 26. November im Pariser Salle Pleyel, wo er im Juli zuvor schon ein Gastspiel mit dem Trio gegeben hatte, das zweite am 1. Dezember in der Londoner Royal Festival Hall. Die Musik der nun erscheinenden Doppel-CD “Testament” stammt von diesen beiden Konzerten. Die Bandbreite ist geradezu enzyklopädisch, da Jarretts improvisatorische Phantasie in einer Musik, die von starken Emotionen aufgewühlt wird, beständig neue Formen freilegt. In den Linernotes zu “Testament” redet der Pianist offen über die persönlichen Umstände, die sein Verlangen, wieder völlig losgelöst zu spielen, neu entfachten.
Er weist die Leser/Hörer auch darauf hin, daß “es keineswegs natürlich ist, sich ohne jegliche Materialvorlage an ein Klavier zu setzen, seinen Kopf vollkommen von musikalischen Ideen freizumachen und etwas zu spielen, das von bleibendem Wert und brandneu ist”. Gerade dies aber ist immer das Besondere an den Solokonzerten Keith Jarretts gewesen, seit er vor beinahe vierzig Jahren mit ihnen begann. Im Laufe all dieser Jahre ist die Verbindung zum “Jazz” bei den Solodarbietungen oftmals eher flüchtiger Natur gewesen. Aber Jarretts Solokonzerte, bei denen die Melodien im Vordergrund stehen und kontinuierlich neue Strukturen errichtet und wieder aufgelöst werden, passen auch nicht in das herkömmliche Schema der “freien Improvisation”. Jarrett hat tatsächlich ein ganz eigenes Idiom geschaffen, das er periodischen Revisionen unterzog. “In der ersten Hälfte dieses Jahrzehnts versuchte ich das Format zurückzubringen: beim Nullpunkt anzufangen und ein Universum zu kreieren.”
Seit dem “Radiance”-Album und der “Tokyo Solo”-DVD, die beide im Oktober 2002 aufgenommen wurden, hat Jarrett seine Ansatzweise geändert und häufiger wesentlich pointierter gearbeitet. “Ich fand in diesem offenen Format nach wie vor eine Fülle von Musik, stoppte aber, wann immer es mir die Musik selbst vorgab.” Diese Vorgehensweise zeichnete das “Carnegie Hall Concert” (2006) aus. Und sie wurde nun auf höchst effektiv auch bei den Einspielungen für “Testament” eingesetzt, wo besonders die stark kontrastierenden Elemente der Parts des Pariser Konzerts die Logik einer spontan komponierten Suite ausstrahlen. Die atemberaubende Londoner Performance verlief wieder ganz anders: “Obwohl das Konzert mit einem dunklen, suchenden, multitonalen Triumph begann, artete es am Ende irgendwie zu einem hämmernden, ständig anders pulsierenden und fast schon rockigen Auftritt aus…”
Letztendlich macht der Improvisationskünstler nur das, was er zu tun hat. Jarrett formulierte dies vor langer Zeit einmal so: “Wenn man ein Bergsteiger ist und erst einmal die Hälfte des Weges zum Gipfel erklommen hat, dann muß man sich weiterbewegen, weiter auf sein Ziel zusteuern. Und das ist genau das, was ich tue: ich finde einen Weg.”
Nur daß Jarrett heute die Anzahl seiner Aufstiege etwas rationiert hat: In den letzten zehn Jahren gab er weniger als dreißig Solokonzerte. Und das macht die Veröffentlichung von “Testament” wiederum zu einem ganz besonderen Ereignis. Sehr zu Freude aller europäischen Jarrett-Fans wird der Pianist aber schon bald wieder zwei Solokonzerte geben: am 9. Oktober tritt er im Brüsseler Palais des Beaux Arts auf und am 12. Oktober in der Berliner Philharmonie.
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