Joe Lovano – Symphonica

Home » All posts » Joe Lovano – Symphonica

Joe Lovano – Symphonica

Posted on

(Blue Note, VÖ: 05.09.08)
Joe Lovano ist einer der erfolgreichsten Blue-Note-Künstler unserer Zeit. In schöner Regelmäßigkeit wird er von den Lesern und der Redaktion des führenden amerikanischen Jazzmagazins Down Beat zum besten Tenorsaxophonisten, wenn nicht besten Jazzmusiker des Jahres gewählt. Acht Nominierungen für einen Grammy, den er mit seinem meisterlichen Album „52nd Street Themes” im Jahr 2000 gewann, unterstreichen das künstlerische Gewicht des 55-jährigen Musikers ebenso wie der Ehrendoktortitel des Berklee College of Music, der ihm vor zehn Jahren verliehen wurde. Im Verlauf seiner Karriere ist Lovano kontinuierlich neue Wege gegangen, wobei er konsequent in unterschiedlich großen Ensembles gearbeitet hat. Ob faszinierendes Trio, fabelhaftes Quartett oder schier mörderisches Nonett, der Maestro am Saxophon hat sich von Album zu Album gesteigert und ist mit „Symphonica“ an einem Gipfelpunkt angekommen, von dem er unter der Prämisse maximaler Klangfülle Rückschau auf stellare Momente seiner Karriere hält. Der Blick zurück hat seine Phantasie offensichtlich so beflügelt, dass ihm mit diesem größtenteils live aufgenommenen Opus ein bravouröser symphonischer Meisterstreich gelungen ist.

„Symphonica“ ist das 20. Blue-Note-Album von Joe Lovano. Das ambitionierte Orchesterprojekt ist ein kleines Jubiläum und es war ein willkommener Anlass, der langjährigen Freundschaft zwischen Joe Lovano und Michael Abene einmal künstlerisch Ausdruck zu verleihen. Abene, der vor fünf Jahren die künstlerische Leitung der WDR Big Band übernommen hat, arrangierte 2004 die Musik für die Soloveröffentlichung „Let Yourself Go“ von Lovanos Frau, der Sängerin Judi Lovano. Die ersten Ideen für „Symphonica“ entwickelten Abene und Lovano schon vor längerer Zeit. Lovano hatte einige seiner Kompositionen ausgewählt und die beiden spielten sie im Duett, Saxophon und Klavier, um auszuprobieren, welche Stücke sich besonders gut eigneten. Für die Aufnahmen stand dann neben der WDR Big Band auch das WDR Orchester zur Verfügung. Es ist übrigens das erste Mal, dass Lovano ein ganzes Album mit einem kompletten Symphonieorchester eingespielt hat. Arrangiert und dirigiert hat natürlich Michael Abene, der wie Lovano einer Lehrtätigkeit nachgeht und an der Manhattan School of Music Jazzkomposition unterrichtet.

Für „Symphonica“, das mit der Ausnahme von Charles Mingus‘ „Duke Ellington’s Sound of Love“ ausschließlich aus Eigenkompositionen Lovanos besteht, wurden vier Tage für die Proben und zwei Konzerte anberaumt, wobei der zweite Abend in der Kölner Philharmonie das Gros der Albumaufnahmen ausmacht. Lediglich die verträumte Swingnummer „His Dreams“ wurde im Studio 4 des WDR aufgenommen. „Michaels Orchestrierungen sind wunderschön und sehr phantasievoll“, schwärmt Lovano, der abwechselnd Tenor- und Sopransaxophon spielt. „Er hat mir viel Raum gelassen, mich zu entfalten und frei zu bewegen.“ Die Musik variiert in Tempo und Tonus, mitreißende Melodien treffen auf aufregende Solopassagen und sanften Swing. Neben Lovanos weitläufigem Saxophonspiel, das immer wieder über den Streichern und Blechbläsern erstrahlt, sorgen Improvisationen von verschiedenen Mitgliedern der WDR Big Band für zusätzlichen Glanz. „Es war sehr spannend, auf mein eigenes Werk zurückzugreifen. Ich hatte schon Erfahrungen mit Orchestern, etwa ‘Rush Hour‘ mit Gunther Schuller [1995], ‘Celebrating Sinatra‘ mit Manny Albam [1997] und ‘Viva Caruso‘ mit Byron Olson [2001]. Aber das Besondere an diesem Projekt ist, dass es sich um Kompositionen aus meinem eigenen Songbook handelt!“

„Symphonica“ beginnt mit „Emperor Jones“, das erstmals auf Lovanos Blue-Note-Debütalbum von 1990, „Landmarks“, zu hören war. Der Jones, dem hier Ehre erwiesen wird, ist der Drummer Elvin, mit dem Lovano 1987 tourte. „Dies ist eine der ersten Balladen, die ich je geschrieben habe, in den späten 80er Jahren.“ Doch die Hommage
an den „Kaiser“ kann man ebenso gut als Anspielung auf Thad Jones verstehen, mit dem Lovano in dessen Jazzorchester unter der Co-Regie von Mel Lewis spielte, sowie auf Hank Jones, der durch seine Beteiligung an den Quartett- und Duett-Aufnahmen zu einer Konstante in Lovanos musikalischem Leben geworden ist. „Die ganze Jones-Familie war für mich wahnsinnig inspirierend und einflussreich“, betont Lovano. „Es ist erstaunlich, was Michael daraus gemacht hat: Er hat die Orchestrierung für ein großes Ensemble geschrieben und trotzdem hat es noch die Intimität eines Quartetts.“

Das fröhliche „Eternal Joy“ stammt ursprünglich von dem 1998er Album „Trio Fascination“ (mit Elvin Jones am Schlagzeug und Dave Holland am Bass). Abene hat ihm laut Lovano mit seinem Arrangement eine „andere Energie und Kanten“ gegeben. „Die Violinen wirken nicht wie ein Kissen, sondern geben dem Stück zusammen mit der Percussion einen richtigen Energieschub.“ Erfrischend klingt auch die Neuauflage von „Alexander the Great“. Dieses Tribut an die Saxophonlegende Joe Alexander hat Lovano bereits auf zwei Alben aufgenommen: dem gemeinsam mit Greg Osby eingespielten „Friendly Fire“ (1999) und dem Gipfeltreffen mit den beiden Saxophonisten Dave Liebman und Michael Brecker, „Gathering Of Spirits“ (2004). „His Dreams“ komponierte Lovano 1987 nach dem Tod seines Vaters, Tony „Big T“ Lovano, der selbst ein bekannter Tenorsaxophonist war und seinen Filius schon früh an den Jazz heranführte. „Dieses Stück handelt von meinem Dad und seinem Traum von meinem Werdegang. Er hat noch mitbekommen, wie ich in die richtige Richtung aufgebrochen bin, und inzwischen habe ich seinen Traum erfüllt. Ich wollte dieses Stück schon immer mal mit einem Orchester aufnehmen. Und Michael hat dieses Stück geradezu umarmt und ein paar äußerst schöne Ideen dazu entwickelt.“

„The Dawn Of Time“ hat Lovano ursprünglich als freie Ballade konzipiert, doch je häufiger er sie spielte, desto klarer wurde ihm, wie viel Potential in dem Song steckt. „Man kann dieses Stück in 1000 Varianten spielen, mit unterschiedlichen Tempi, anderer Energie, einer anderen Einstellung“, findet Lovano. „Es klingt aber auch großartig mit ein bisschen Calypso-Feeling, wie hier.“ Geradezu übersprudelnd vor Lebenslust wirkt es vor allem durch das Wechselspiel zwischen Lovano am Tenorsaxophon und dem WDR-Gitarristen Paul Shigihara. „Symphonica“ schließt mit dem romantischen „I’m All For You“, einem Stück, das auf dem Jazzklassiker „Body & Soul“ basiert und bei den symphonisch um Lovanos Werk kreisenden Klangreisen in der Kölner Philharmonie jeweils als Zugabe gespielt wurde. Auch hier brachte Abene eine tiefere harmonische Komponente ein, während Lovanos spontanes Tenorsaxophonspiel durchweg die Grundstimmung dominiert.

„Die Erfahrung, mit dem Orchester zu spielen, war ein aufregendes Erlebnis“, lautet Lovanos Fazit. „Alles, was ich spielte, musste Teil der Arrangements sein, die Michael komponierte. Ich konnte mich also von den niedergeschriebenen Noten bedienen und gleichzeitig kreativ und frei spielen.“ „Symphonica“ ist für Lovano ein bedeutendes Album, auf das er sichtlich sehr stolz ist. „Dies sind einige meiner liebsten und persönlichsten Stücke. Man gewinnt durch sie einen Einblick, wer ich bin und wie ich mich im Laufe der Jahre entwickelt habe. Es war sehr aufregend, diese Songs aus meinem Repertoire auszusuchen, zu bearbeiten und in einem neuen Licht präsentieren zu können.“ Joe Lovano ist mit diesem wunderschönen Orchesterprojekt im besten Sinne zu ganz großer Form aufgelaufen.