Jens Kommnick – Kommnick spielt Mey

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Jens Kommnick – Kommnick spielt Mey

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Kommnick_Booklet.indd (EMI Odeon, VÖ: 08.07.2011)
http://www.emimusic.de/jens_kommnick
Die Anfänge mit Flöte und Heimorgel legen schon in der Kindheit den Grundstein zum Multi-Instrumentalisten, aber das große Aha-Erlebnis hat Jens Kommnick vor über 30 Jahren mit Mutters Kassette: „Reinhard Mey: 20 Uhr“. Verzaubert durch die einfache Schönheit der mit nur einer Gitarre und charismatischer Stimme minimalistisch dargebotenen Lieder, weiß er sofort: da will er musikalisch hin, eine Gitarre muss her und zwar sofort. Mühsam entschlüsselt der Elfjährige dann Stück für Stück die musikalischen Geheimnisse an den Tasten und überträgt sie auf das neu liebgewonnene Instrument. Jahre später kommt noch klassische Gitarre, ein Faible für instrumentale Musik und eine Vielzahl von weiteren Instrumenten hinzu.

Der Kontakt zu irischen Musikern weckt die Freude an keltischer Musik, dem bis heute für ihn wichtigsten Genre, aber die erste musikalische Flamme schwelt weiter verborgen in seiner Brust. Vielleicht hört Reinhard Mey später intuitiv seinen eigenen Einfluss heraus, oder er spürt so etwas wie Seelenverwandtschaft, als ihn Kommnicks erste Solo CD „Siúnta“ derart fasziniert, dass der Liedermacher den Studiomusiker zu den Aufnahmen des Albums „Mairegen“ einlädt. Eigentlich sind solche Jobs für Jens nach fast 50 CDs Routine, aber dies ist ein ganz besonderer Moment, die Erfüllung eines langgehegten Traums. Nach einer erfüllten und herzlichen Zusammenarbeit bekommt Reinhard ein instrumentales Arrangement von „Die erste Stunde“ als musikalischen Gruß zur Erinnerung an die schöne Begegnung. Überraschung und Begeisterung schlägt um in ein Verlangen nach mehr davon, und so kommt es bald zu der Idee, diese CD zu produzieren.
Der Grand-Segnieur des Chansons weiß sehr gut: seines Geistes Kind gedeiht am besten, wenn man es in Ruhe wachsen lässt. So schaut er gelassen zu, gewährt alle Freiheiten, nimmt wohlwollend Anteil am Geschehen, ermuntert hier und da und schon mausert sich das Projekt zu einer waschechten Kommnick-Scheibe. Jens interpretiert die Meyschen Kleinode mit der ihm eigenen kreativen Stimme, macht sie sich zueigen und kann so seine persönliche Authentizität einbringen.
Die Vision einer CD mit den besten Liedern aus über vier Jahrzehnten Schaffenszeit im Stile der ersten Soloveröffentlichung des Gitarristen nimmt Formen an, die prägenden Merkmale kristallisieren sich langsam heraus. Das älteste Stück der Produktion ist „Mein Kanapee“ und beim „Nachtflug“ – dem neuesten vom Album „Mairegen“ – covert sich der Gitarrist aus Wremen quasi sogar selbst.
Stilistische Vielfalt wird groß geschrieben, das gilt sowohl für die Originale als auch deren Umsetzung. Obwohl sich bei dieser Gitarrenplatte ein, zwei oder gar drei Gitarren als roter Faden durch alle Songs ziehen, wird diese Basis an vielen Stellen mit geschmackvollen, Klang färbenden Instrumentierungen ergänzt.
Unglaublich, wie Kommnick sein Markenzeichen, die polyphonen Arrangements, in Personalunion mit eigenen Händen schaffen kann. Da wären zum Beispiel ein komplettes Streichquartett und zwei Konzertgitarren im barock anmutenden „Frühlingslied“, die sich in guter alter Tutti-Solo-Tradition abwechseln, oder „Ein Stück Musik von Hand gemacht“, wo mit Mandoline, Bouzouki und Uilleann Pipes irische Einflüsse von Planxty inklusive der typischen Verzierungstriolen zum Tragen kommen.
Der Evergreen „Ich bin Klempner von Beruf“ zeigt den Probanden hingegen als zünftigen Ragtime-Spieler, zusätzlich mit virtuoser Sologitarre als i-Tüpfelchen. Insgesamt ist die instrumentale Umsetzung ohne Text schon eine große Herausforderung, und es stellt sich die Frage, ob man nicht die einprägsame Stimme Meys vermisst, aber stets wird für eine tragende Melodie in der „Sing-Gitarre“ gesorgt.
Da wären Lieder wie das sanft melancholische „Es gibt keine Maikäfer mehr“, wo dem Hörer noch das Echo von Reinhards Stimme als Retrospektive nachgeht und gleichzeitig der behutsame Klavierpart, ähnlich wie an anderer Stelle die Low Whistle, für eine lyrisch-sehnsüchtige Grundstimmung sorgt und an die eigenen Wurzeln anknüpft.
Dieses musikalische Ambiente ist es am Ende auch, wofür absichtlich auf perkussive Instrumente verzichtet wird. So mussten alle Stücke von den alten Arrangements befreit, ja ausgezogen und neu vermessen werden, um ein zeitgemäßes Kleid zu schaffen, das ihnen steht und doch dem ursprünglichen Geist und der Stimmung weiterhin gerecht wird. So werden kleine Einleitungen und melodische Elemente hinzukomponiert, gern auch mit pfiffigen rhythmischen Verschiebungen wie im Wiegenlied „Menschenjunges“.
Egal, ob man sie innerlich mit den ehrwürdigen Originalen vergleichen mag, oder die Interpretationen so für sich stehen und wirken lässt und bewusst unbedarft an die Aufnahmen herangehen möchte, diese Produktion richtet sich sowohl an Reinhard Mey Fans, als auch an Freunde akustischer Musik, die einfach in sich stimmige Musik mit eigener musikalischer Aussage suchen. Man hört auch die liebevolle Arbeit und die intime Aufnahmeatmosphäre im Studio des langjährigen Freundes und Aufnahmeleiters Jost Schlüter heraus. Hier wird trotz technischen Perfektionismus’ nichts tot produziert, sondern der magische Moment kreativer Inspiration eingefangen.
Im Ergebnis hat „Kommnick spielt Mey“ vielleicht in etwa den Stellenwert für diese musikalischen Juwelen, den schon die instrumentalen Beatles-Aufnahmen von Laurence Juber für die Musik der Fab Four haben. Interessante Gemeinsamkeiten der beiden Studiogitarristen wären obendrein ein ähnliches Verhältnis zu ihren Helden und die bevorzugte DADGAD-Stimmung auf der Fingerstyle Steelstringgitarre.
Jens Hausmann

Reinhard Mey über Jens Kommnick: Es gibt sie, diese glücklichen Zufälle. Einer davon spielte mir eines Morgens im Sommer die CD “Siúnta” eines gewissen Jens Kommnick in die Hände. Ich erinnere mich, wie ich auf einer Bank vorm Haus in der Sonne saß, die Kopfhörer auf den Ohren in der Musik versank. Ich hatte viele Gitarren gehört in meinem Leben, aber so eine noch nie. Sie sang, sie klang in langen harmonischen Bögen, sie schlug verblüffende Haken mit unglaublicher Virtuosität, um danach sanft und mit großer Gelassenheit zur Schönheit einer einfachen, klaren Melodie zurückzukehren. Ich war gefesselt von diesem Spiel, und ich fühlte mich in Woody Allens wunderbaren Film “Sweet and Lowdown” versetzt, in dem Sean Penn als Meistergitarrist vor Begeisterung in Ohnmacht fällt, wenn er Django Reinhardt hört – ich dachte, ich müsste auch in Ohnmacht fallen!
Ich bat Jens, mich auf meinem Album “Mairegen” zu begleiten, und ich habe im Studio einen fabelhaften Musiker und liebenswürdigen Menschen kennengelernt. Später schenkte er mir zur Erinnerung an unsere Begegnung seine Version meines Liedes “Die erste Stunde”. Ich wollte mehr davon, und noch mehr, Jens schickte mir Lied um Lied. Je mehr ich hörte, desto mehr wünschte ich mir, diese Stücke mit allen teilen zu können, die meine Lieder kennen und wie ich Freude daran haben würden, sie in der einfühlsamen Interpretation dieses begnadeten Gitarristen neu zu entdecken und wiederzufinden.