Goran Kajfes – X/Y

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Goran Kajfes – X/Y

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GoranKajfes_CreditGoranKajfes(Headspin Records, VÖ: 26.08.2011)
Als Ende der 1980er Jahre die Vinyl-LP von der Compact Disc abgelöst wurde, gewannen wir in mehrfacher Hinsicht etwas hinzu. Die kleine Silberscheibe aus Makrolon und einer dünnen Metallschicht klingt besser, ist haltbarer und zweifelsohne benutzerfreundlicher. Mit dem Wechsel der Tonträgerformate ging damals jedoch auch etwas verloren: die kunstvolle Gestaltung der Plattenhülle. Für ausführliche bildliche oder grafische Darstellungen schien das nur wenige Zentimeter messende Booklet einer CD von Anfang an denkbar ungeeignet.

“X/Y” erobert ein wenig vom verlorenen Terrain zurück, denn Goran Kajfeš dritte Soloarbeit erscheint im edel aufgemachten Buch im Hochformat und enthält neben gleich zwei CDs (jeweils an der Innenseite der Hardcover-Buchdeckel befestigt) auch noch diverse Werke aus der Bildenden Kunst. Dafür haben skandinavische Künstler wie Ulf Rollof, Moki Cherry und Bigert & Bergström die Bildreproduktion ausgewählter Exponate erlaubt. Es gibt nicht nur viel zu hören, sondern auch viel zu sehen, “X/Y” ist deswegen ein “Album” im wahrsten Sinn des Wortes! Solange luxuriös gefertigte Veröffentlichungen wie diese hier erscheinen, muss einem wahrlich nicht bange sein, dass der kommerzielle Musikdownload die CD vom Markt verdrängt.
Sein jüngstes Studiowerk hat Kajfeš in zwei Komplexe unterteilt. “Ich wollte zwei Territorien gleichzeitig erkunden”, merkt er dazu an. “Zum Einen wollte ich Sachen mit einer größeren Konstellation von Musikern aus den unterschiedlichsten Traditionen machen – und dabei musste meine Trompete nicht unbedingt im Brennpunkt stehen. Das andere Territorium war introvertierter oder vielleicht meditativer, dafür wollte ich in einem vollständig anderen Umfeld spielen, um dort meinen Appetit auf Minimalismus und Elektronik zu befriedigen.”
Die beiden Territorien hat Goran Kajfeš deutlich voneinander getrennt. Auf Disc “X” spielt er mit dem vielköpfigen Subtropic Arkestra mehrere nur recht lose festgelegte Arrangements. Rockjazz, Psychedelia, Minimal Electronica, freie Improvisationen sowie Folklore aus Indien, dem arabischen Raum und vom Balkan werden da zum vielschichtigen Worldjazz verknüpft. Unter der Bandleitung von Goran Kajfeš agiert ein multikulturell besetztes Ensemble, zu dem unter anderem die Saxophonisten Per Johansson (Oddjob) und Jonas Kullhammar, Bassist Johan Berthling (von der Avantgardegruppe Tape), Drummer Johan Holmegard (Mitglied der Folkrock-Formation Dungen), der indische Tabla-Perkussionist Suranjana Ghosh und der marokkanische Oud-Spieler/Sänger Majid Bekkas gehören.
Disc “Y” dagegen ist eine Duo-Produktion von Kajfeš und seinem langjährigen Kreativpartner David Österberg. Der Mann mit der ausgeprägten Vorliebe für modulare Synthesizermodelle von Doepfer und Oberheim erschafft in seinem Keyboard-Park raffiniert verwobene Klangtexturen, auf denen Kajfeš sein wunderbar cooles Trompetenspiel voll entfalten kann. So entstehen perfekt inszenierte Stimmungsbilder zwischen Jazzfantasie und moderner Klangelektronik.
Goran Kajfeš ist 1970 in Stockholm geboren, seine kroatischen Eltern waren damals bereits aus der Heimat übergesiedelt. Ende der 1960er Jahre tourte Vater Davor Kajfeš als Pianist des Zagreb Jazz Quartetts europaweit, und weil es ihm im liberalen Schweden besonders gut gefiel, beschloss er, sich mit seiner Familie dort niederzulassen. Womit auch geklärt wäre, von wem Goran seine Musikbegabung geerbt hat. Schon früh begann der Sprössling mit dem Trompetenspiel, das er in den 1990er Jahren am Konservatorium in Kopenhagen weiter ausbildete. Anschließend begab er sich in Stockholms Szene auf die Suche nach musikalischen Abenteuern weitab vom akademischen Bildungsweg. Schnell machte er sich nicht nur als Jazzer sondern auch im Rahmen von House- und Drum’n’Bass-Einspielungen einen Namen. Popmusikern gegenüber kennt Kajfeš ebenfalls keine Berührungsängste. Er gastierte auf Eagle-Eye Cherrys Debütalbum, war Mitglied von Blacknuss und trat mit José Gonzales, Stina Nordenstam, Lisa Ekdahl, The Soundtrack Of Our Lives und Mando Diao live auf.
Im Millienniumsjahr 2000 veröffentlichte der Trompeter sein Solodebüt “Home”, mit dem er sich auf Anhieb an der Spitze des visionären Crossover-Jazz etablieren konnte. 2005 folgte mit “Headspin” ein nicht minder überzeugendes Zweitwerk, das sogar den schwedischen Grammy als Bestes Jazzalbum einheimste. Neben der Solokarriere fand Kajfeš auch noch Zeit für Nebentätigkeiten. So produzierte er beispielsweise das Oddjob-Album “Clint” (von der Sunday Times zum Jazzalbum des Jahres 2010 gekürt), schrieb die Musik für die Eröffnungszeremonie von Stockholms Museum der Modernen Künste und komponierte Soundtracks für einige Filme, darunter der Dokumentarfilm “The Well” über Orson Welles Zeit in Spanien.
Trotz solcher Ausflüge in Nachbargebiete bleibt Goran Kajfeš in erster Linie Trompeter, und als solcher ist er stets auf der Suche nach Neuerungen und reizvollen Herausforderungen. Mit Anfang vierzig nun legt er seine ambitionierteste Arbeit vor, der CD-Kunstband “X/Y” ist das Resultat eines langen Reifeprozesses. Während Kajfeš auf Disc “X” im Bandkontext seine extrovertierte Seite voller leidenschaftlicher Energie auslebt, tritt er auf Disc “Y” eine nachdenkliche Reise ins Innere an. “X” und “Y” repräsentieren somit Teile eines größeren Ganzen, erst zusammen ergeben sie das komplette Portrait von Goran Kajfeš mit all seinen musikalischen Interessen und persönlichen Wesenszügen.