Gaby Moreno – Illustrated Songs [+Tour]

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Gaby Moreno – Illustrated Songs [+Tour]

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GabyMorenoDSC_9301 (World Connection, VÖ: 20.04.2012)
Bekanntlich waren Stummfilme in der Frühzeit der Kinounterhaltung nicht besonders lang, in einer Vorstellung wurden deswegen oft gleich mehrere der kurzen Schwarzweißstreifen hintereinander gezeigt. Dumm nur, dass zwischen den einzelnen Programmpunkten jedes Mal die Filmrollen zurückgespult und gewechselt werden mussten. So kam es zu lästigen Unterbrechungen, die das Publikum genauso störten wie die Betreiber der Lichtspielhäuser. Findige Köpfe hatten dafür allerdings schon bald eine Lösung parat: In den unfreiwilligen Pausen ließ man einfach kleine Diaprojektionen ablaufen, die klanglich von Hits des Tages untermalt wurden. Schon war die Lücke gefüllt und das Genre der illustrated songs geboren.

Gaby Moreno, die schon lange ein ausgeprägtes Faible für die Populärkultur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat, greift die pfiffige Erfindung dieser Show-Intermezzi im Titel ihres neuen Albums auf. “Man muss sich das Ganze als eine frühe Form des Videos vorstellen”, sagt sie. “Damals wurden Standbilder von Glasdias auf eine Leinwand projiziert und Musiker begleiteten diese Bilder live. Da mein neues Album von der Musik der 20er und 30er Jahre inspiriert wurde, passt der Titel richtig gut zu dessen Stimmung.”
Die Liebe zur old fashion music wurde schon früh in Gaby Moreno entfacht. Als 14-jähriger Backfisch besuchte die gebürtige Guatemaltekin mit ihren Eltern auf einer Urlaubsreise durch die USA auch New York City, und dort geschah etwas, das ihren Musikgeschmack radikal veränderte. Als die Latina eines Tages durch die Stadt schlenderte, drang aus einem Gebrauchtwarenladen ein merkwürdiger Sound auf die Straße, den sie bis dahin noch nicht kannte. Wie angewurzelt blieb sie stehen und lauschte. Als sie dann eine Passantin fragte, was das für eine seltsame Musik sei, antwortete diese: “Das ist der Blues, Schätzchen.” Gaby konnte nicht anders, sie musste unbedingt mehr über diese Stilgattung in Erfahrung bringen. “Ich ging sofort in den nächstgelegenen Plattenladen”, erinnert sie sich, “dort suchte ich nach dem Bluesregal und kaufte einen ganzen Packen CDs.” Wieder zu Hause in Guatemala-Stadt studierte der Teenager wissbegierig Einspielungen von Robert Johnson bis B.B. King, kurze Zeit später rückten zusätzlich alte Jazzaufnahmen von Louis Armstrong über Ella Fitzgerald bis Nina Simone in den Interessensfokus.
Es waren solche traditionelle Sounds, die in Moreno den Berufswunsch “Songschreiberin & Plattenkünstlerin” reifen ließen, und dieser Klangwelt ist sie bis heute treu geblieben. Auf dem jüngsten Longplayer nimmt die – freilich zeitgemäß aufbereitete – Jazz- und Bluesmusik ihrer Lieblingsepoche breiten Raum ein, dazu kommen dann in dem ein oder anderen Song lateinamerikanische Genres aus derselben Zeit. So basiert etwa gleich der Eröffnungstitel “Intento” auf einem Latin-Rhythmus, den Text dafür hat Gaby Moreno bereits in ihrer Jugend verfasst, wie sie sich erinnert: “Ich fand ein Gedicht in einem Notizbuch, das ich mit 17 geschrieben habe. Darauf habe ich eine Melodie angepasst, für die ich einfach keine Worte finden konnte. Normalerweise arbeite ich eigentlich nicht so, in dem Fall war’s aber stimmig.”
Im folkloristischen Track “Ave que Emigra” verarbeitet die Künstlerin gleichermaßen ihre eigenen Erfahrungen als US-Immigrantin (mit 19 kam sie nach Los Angeles) wie auch ihre kritischen Vorbehalte gegenüber Arizonas restriktiver werdender Einwanderungspolitik. Dem tragikomischen Song “Garrick” hingegen liegt ein Gedicht zugrunde, das Moreno schon als Kind liebte, nämlich “Reir Llorando” (“Lachen Weinen”) von Juan de Dios Peza. Die Songpointe fasst sie in ein paar Sätzen treffend zusammen: “Jedermann rät einem Garrick aufzusuchen, wenn man deprimiert ist. Er ist ein Komödiant mit einer jenseitigen Aura, er wird dich heilen. Im letzten Vers sagt ein Arzt zu jemandem, wenn weder die Lektüre eines guten Buchs noch die Liebe einer Frau seine Stimmung aufhelle, dann solle er zu Garrick gehen. Der Patient antwortet: ‘Ich bin Garrick, verschreiben Sie mir bitte was anderes!'”
Ragtime (“Mean Old Circus”), rauchige Cabaret-Nummern (“Daydream By Design”), Sixties-Soul (“Sing Me Life”), Bossa Nova (“No Regrets”) sowie Tropisches mit schluchzender Hawaiigitarre (“Fin”) – Gaby Moreno hat sich die unterschiedlichsten Gattungen aus der Vergangenheit zu eigen gemacht und zeitgemäß fortgeführt. Seit dem Debütalbum “Still The Unknown” hat sich die Musikerin mächtig weiterentwickelt, sie kommentiert die Fortschritte als Songschreiberin und Sängerin folgendermaßen: “Ich wollte mich diesmal selbst antreiben und all die Klangfarben erkunden, die ich in der Musik höre. Edith Piaf, The Boswell Sisters, klassische Boleros und das Trio Los Panchos kamen mir in den Sinn und trugen mich in eine andere Ära. Von der habe ich mich anregen lassen, als ich die neuen Songs schrieb.”
Am Gelingen von “Illustrated Songs” waren einige namhafte Sidemen beteiligt. So treten zum Beispiel Pianist Patrick Warren, Hammondorgel-Spezialist Larry Goldings, Saxophonist Bob Mintzer und Slide-Gitarrist Greg Leisz in Gastrollen auf; Toningenieur Ryan Freeland (Ray LaMontagne) hat das Album, das in nur vier Tagen quasi-live eingespielt wurde, mit Gaby Moreno co-produziert; Paul Bryan (Aimee Mann, Grant-Lee Phillips) arrangierte und dirigierte die Streicher- und Bläsersätze.
Die in englischer und spanischer Sprache gesungenen “Illustrated Songs” stellen fraglos den Höhepunkt in Gaby Morenos bisheriger Karriere dar, doch auch davor hat die mittlerweile 30-jährige schon eine Menge erreicht. 2006 gewann sie den John Lennon Songwriters Award, 2010 kamen noch der Los Angeles Women In Music Comet Award und ein Preis als Favorite American Latino Indie Artist hinzu. “Escondidos” hat man als Maxell-Song des Jahres auserkoren, das von Gaby Moreno co-geschriebene “Parks And Recreation” wurde für den begehrten Emmy nominiert, mehrere andere Stücke liefen in populären Fernsehserien wie “Lincoln Heights”, “Ghost Whisperer” und “The Hills”. Zu den weiteren Highlights in der Laufbahn gehören gemeinsame Tourneen mit Ani di Franco und Tracy Chapman sowie ein gefeierter Festivalauftritt im dänischen Roskilde mit Van Dyke Parks.
In der US-Wahlheimat hat Gaby Moreno mit ihrem zauberhaften Gesang bereits viele Fans erobert, die Fachleute zeigen sich ebenfalls begeistert. So schwärmte etwa Ariana Morgenstern vom Radiosender KCRW: “Ihr Debüt ‘Still The Unknown’ hat mich mit seinem organischen und unaufdringlichen Feeling überrascht. Sie singt wunderbar in Englisch und Spanisch.” Nic Harcourt, ehemaliger Präsentator der populären Rundfunkreihe “Morning Becomes Eclectic”, schloss sich in seinem Podcast an, er lobte Moreno in den höchsten Tönen. Und Eli Johnson schließlich urteilte in Citybeat euphorisch: “Die Stimme dieser Lady jagt einem Schauer über den Rücken.”

Tour
21.05.2012 München, Kranhalle
22.05.2012 Zürich, Moods
23.05.2012 Bern, Bee Flat
24.05.2012 Ingolstadt, Neue Welt
25.05.2012 Hamburg, Elbjazz Festival