Dominic Miller – 5th House

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Dominic Miller – 5th House

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FifthHouse_Digipack_artwork (Q-rious Music, VÖ: 30.03.2012)
Mit den Jahren ist es zur schönen Gewohnheit geworden, dass Dominic Miller seine Alben durchnummeriert, dass er einigen seiner Soloarbeiten Titel mit aufsteigenden Ordinalzahlen gibt. Es begann mit dem Debütwerk “First Touch” (1995), später folgten “Second Nature” (1999), “Third World” (2004) sowie “Fourth Wall” (2006), und jetzt also “5th House”. Aber wieso gerade fünftes Haus? “Ich wollte irgendwas Fünftes im Titel haben und das war am wenigsten offensichtlich”, beginnt der Gitarrist seine Begründung. “Sicher, ich hätte auch ‘das fünfte Element’ oder ‘der fünfte Zusatz zur Verfassung’ nehmen können. Der Begriff ‘das fünfte Haus’ bedeutet in der Astrologie ‘das Haus der Liebe und Leidenschaft’.” Enthält das jüngste Opus denn Liebe und Leidenschaft? Auf jeden Fall, sogar im Übermaß! Wie schon bei früheren Veröffentlichungen hat der argentinisch-englische Musiker nämlich auch diesmal wieder jede Menge Herzblut und Hingabe hineingesteckt. Anders kann er es gar nicht, und anders will er es auch nicht.

Die neuen Stücke schrieb Dominic Miller unterwegs auf seiner Tour mit Sting 2010/11. “Ihre Stimmung reflektiert meine eigene während dieser Zeit”, erläutert er. “Ich hab die Tracks sogar on the road aufgenommen, angefangen in Los Angeles, nachdem wir aus Neuseeland zurück waren. Nur so konnte ich sicherstellen, dass Vinnie Colaiuta und Jimmy Johnson Zeit für mich hatten.” Mit den beiden Topcracks hat Miller in den berühmten Henson Studios in L.A. den Grundstein für “5th House” gelegt. Anschließend ging er mit seiner Tourband ins Maarwegstudio2 in Köln, wo dann die Overdubs realisiert wurden. Den Feinschliff erhielten die Aufnahmen zuguterletzt im Studio Les Cypres an Millers Wohnsitz in der Provence.
Schon das Vorgängeralbum “November” (2010) war mit nur vierzehn Tagen Studioaufenthalt rekordverdächtig schnell entstanden, “5th House” übertrifft diese Rekordmarke noch. Die Einspielung nahm alles in allem lediglich sieben Tage in Anspruch. Mit den Rohfassungen flog Miller danach zu seinem Lieblingstoningenieur Hugh Padgham nach London. Mit ihm ist er seit der Zusammenarbeit an Phil Collins’ Millionseller “But Seriously” im Jahr 1989 quasi unzertrennlich. In den vergangenen zwanzig Jahren haben die beiden bei vielen Projekten kooperiert, mittlerweile verstehen sie sich blind und konnten sich deshalb zügig auf ihre Ziele beim Endmix von “5th House” verständigen. “Wir haben zwei Stücke pro Tag abgemischt”, erinnert sich Miller, “der ganze Aufnahme- und Mixprozess ging in gerade mal zwölf Tagen über die Bühne. Ich kann mich noch gut an die 90er Jahre erinnern, damals hätte das Ganze mindestens zwölf Wochen gedauert. Sicher, so hätte man vielleicht ein geschliffeneres Produkt erzielt, aber mir ist es so lieber. Auf die Art entstanden viele meiner Lieblingsalben aus den 60er und 70er Jahren: richtig schnell!”
Für “5th House” konnte Dominic Miller erstklassige Sidemen mit internationaler Reputation zusammentrommeln. Der bereits erwähnte Vinnie Colaiuta ist wohl “der größte Drummer unserer Generation” (O-Ton Miller), er wurde wegen seiner tadellosen Trommeltechnik und stilistischen Vielseitigkeit über die Jahre von unzähligen Größen wie etwa Frank Zappa, Joni Mitchell, Megadeth, Leonard Cohen, Chaka Khan und Sting angeheuert; der legendäre Jimmy Johnson zählt seit Dekaden zu Amerikas meistgefragten Bassisten und kann auf Engagements von James Taylor, Stan Getz, Roger Waters, Sergio Mendes, Lee Ritenour uvm. verweisen; sein Viersaiterkollege Pino Palladino steht dem in nichts nach, der Waliser war unter anderem beim John Mayer Trio, Paul Young, The Who, David Gilmour und Peter Gabriel unter Vertrag; der in Paris lebende Israeli Yaron Herman schließlich gehört mit seinem kultivierten Spiel an den schwarzen und weißen Tasten zu den aufstrebenden Pianistenbegabungen unserer Zeit, von ihm wird man in Zukunft noch viel hören.
Zu diesen Spitzenkräften aus aller Welt zog Dominic Miller die Mitglieder seiner Tourband hinzu, und die müssen sich nun wahrlich ebenfalls nicht verstecken. Rhani Krija aus Marokko lebt mittlerweile in Köln, er hat sich nicht zuletzt wegen Auftritten mit Omar Sosa, Keziah Jones und Salif Keïta als begehrter Perkussionist durchgesetzt; Nicolas Fiszman am Bass machte sich mit Kooperationen mit Pili-Pili, Charlie Mariano, Johnny Clegg und Khadja Nin einen Namen; der von Level 42 hinlänglich bekannte Mike Lindup schließlich ist seit langen Jahren Dominic Millers bevorzugter Keyboarder. Mit ihm macht er gemeinsame Sache, seitdem er ihn im Alter von achtzehn Jahren kennen lernte. “Er ist der beste Allroundmusiker den ich kenne”, schwärmt er. “Unsere Arbeitsbeziehung ist geradezu telepathisch.”
Mit dieser Traumbesetzung erschuf Dominic Miller eines der besten Instrumentalalben seiner an Höhepunkten nicht gerade armen Laufbahn. Einmal mehr wartet der Gitarrist dabei mit allerlei Stilsprüngen und unerwarteten Wendungen auf. Er hat träumerische Klangfantasien mit harfenartigen Klängen an der Akustikgitarre im Programm (“Angel”), präsentiert fetzige Saiten-Sounds, die an The Police erinnern (“If Only”), macht als Softjazzer eine gute Figur (“Embrace”), versprüht Bossa-Flair (“Waves”), glänzt mit klassizistischen Gitarrenarpeggien (“Catalan”) und rockt in voller Bandstärke kräftig drauflos (“Dead Head”).
Mit “5th House” fügt Miller seiner eindrucksvollen Biographie ein weiteres Highlight hinzu. Der in Buenos Aires geborene Sohn eines Amerikaners und einer Irin studierte Gitarre an Bostons renommiertem Berklee College sowie an Londons Guildhall School Of Music und ist seit den späten 1980ern ein viel gebuchter Sessionmusiker. Die Liste seiner Engagements sprengt jeden Rahmen, stellvertretend seien nur die Kollaborationen mit The Chieftains (“Long Black Veil”), Eddi Reader (“Mirmama”), Manu Dibango (“Wakafrika”) und Tina Turner (“Wildest Dreams”) genannt. Seit “The Soul Cages” aus dem Jahre 1991 war Miller zudem an jedem Sting-Album beteiligt, er stand in über eintausend Konzerten mit dem ehemaligen “Polizisten” auf der Bühne und erdachte mit ihm Hitsongs wie “Shape Of My Heart”. Sting bezeichnete seinen treuen Begleiter gar einmal als “meine rechte und meine linke Hand, die all das umsetzt, was meine klobigen Finger nicht spielen können.”