DIANE BIRCH – Bible Belt

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DIANE BIRCH – Bible Belt

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DianeBirch_BibleBelt_Cover (EMI Records, VÖ vorerst nur digital)
Die Singer-Songwriterin Diane Birch brauchte die Hälfte ihres Lebens und musste quer über den Erdball reisen, um schließlich nach Amerika zu gelangen, wo sie im wahrsten Sinne des Wortes ihre Stimme fand und ihr bemerkenswertes Debüt “Bible Belt” aufnahm. Birch sieht sich selbst gern als “alte Seele” und tatsächlich hört man eine erstaunliche Reife und Selbstsicherheit in ihrem Gesang und in ihren Songs. So haben Ohrwürmer wie “Fools” und “Valentino” weit mehr zu bieten als schnelle Befriedigung: Sie sind wie neue beste Freunde – Ihr werdet so viel Zeit wie möglich mit ihnen verbringen wollen. Birch kombiniert ihre Virtuosität am Klavier mit eingängigem Soul und sie kann auch dem melancholischsten Stück einen positiven Groove verleihen. Sie weiß, dass es manchmal einfach am besten ist, den Herzschmerz wegzutanzen.

Bei bittersüßen, langsamen Songs kann Birch ganz besonders glänzen, wie der dramatische Albumopener “Fire Escape” zeigt. Ihre Musik erinnert an Laura Nyro (als diese mit LaBelle unterwegs war) und an die Karen Carpenter der frühen 70er (als diese die Charts dominierte). Gleichzeitig verarbeitet sie völlig unangestrengt New Orleans Second Line Rhythmen, die Kraft der Gospelmusik, Doo-Wop Harmonien, Country-Blues Gitarre und klassische Melodien mit AM-Radio Sound.
“Bible Belt” wurde in New York City und New Orleans von einem fantastischen Team von Grammy-prämierten Produzenten aufgenommen: Steve Greenberg, dem Gründer von S-Curve Records, Soullegende Betty Wright und Mike Mangini. Dies war das erste gemeinsame Projekt des Teams, seitdem sie Joss Stones’ gefeiertes Debüt “The Soul Sessions” und dessen Nachfolger “Mind, Body and Soul” produziert hatten. Zu den Musikern, die Birch begleiten, gehören unter anderem der Gitarrist Lenny Kaye von der Patti Smith Group, die Bassisten Adam Blackstone von The Roots und George Porte von The Meters, die gefeierten Drummer Stanton Moore von Galactic und Cindy Blackman, die man von Lenny Kravitz kennt, der umtriebige Saxophonist Lenny Picket und Posaunist Tom “Bones” Malone, welcher auch die Bläsersätze schrieb. Wright singt die Backing Vocals zusammen mit Eugene Pitt, Leadsänger der sagenumwobenen Gesangsgruppe Jive Five aus Brooklyn; zumindest soweit Diane die Parts nicht selbst übernommen hat.
Greenberg stellt fest: “Diane Birch hat in den dreizehn Songs von “Bible Belt” ihr eigenes Porträt amerikanischer Musik in all ihrer Vielschichtigkeit und Größe gezeichnet. Dabei macht sie Station in Beale Street, Bourbon Street, Tin Pan Alley, Laurel Canyon, South Philly, an Brooklyns Straßenecken und vielen anderen Orten. Ihr Debütalbum ist eine Tour-de-force”.
Birch wurde in Michigan geboren, zog aber in jungen Jahren mit ihren südafrikanischen Eltern nach Zimbabwe. Ihr Vater war ein konservativer Pfarrer, der mit seiner Familie nicht von Stadt zu Stadt, sondern von Kontinent zu Kontinent zog. Also folgte die junge Diane der Mission ihres Vaters und zog mit ihrer Sippe von Zimbabwe nach Südafrika nach Australien. Sie wuchs praktisch als Einzelkind auf. Ihre zwei Geschwister waren um einiges älter als sie und hatten das zu Hause bereits verlassen. Während dieser ganzen Reisen sehnte sich Birch nach Amerika zurück. Schließlich, als sie 13 Jahre alt war, ging ihr Wunsch in Erfüllung: Ihre Eltern zogen nach Portland, Oregon. “Zuerst”, sagt Birch, “war ich ziemlich desorientiert. Wenn man nicht in Amerika lebt, hat man von dem Land ein bestimmtes Bild im Kopf wie eine übergroße Version von Disneyland. Mein Bruder hatte eine Amerikanerin geheiratet und ich vergötterte sie total. Ich wollte unbedingt Amerikanerin sein. Aber als wir herzogen, hatte ich es wirklich schwer. Die Kultur war so anders. Ich fühlte mich wie ein kompletter Außenseiter.”
Dass sie sich fremd fühlte, war verständlich: Im Vergleich zu anderen amerikanischen Teenagern war Birch mehr als exotisch; sowohl was ihre bisherigen Wohnorte anging als auch ihre Art zu leben – innerhalb der Grenzen einer streng religiösen Gemeinschaft, die wenig Kontakt mit ihren säkularen Nachbarn hatten. Sie musste widerstandsfähig und anpassungsfähig sein. Zeitweise bedeutete das den Rückzug in eine Fantasiewelt, wo sie z. B. im 18. Jahrhundert lebte und Fantasiefreunde und Musen erfand – wie Valentino, eine Amadeus-artige Figur (wenn auch etwas attraktiver von Gestalt als der echte Mozart), welche nun Gegenstand eines ihrer Songs ist. Bis zu ihrer Ankunft in den Vereinigten Staaten war sie kaum mit Radio oder Fernsehen in Kontakt gekommen und wusste wenig über Popkultur. Sie hatte nur klassische Musik, Opern und natürlich Kirchenlieder gehört. Als sie endlich durch neue Freunde amerikanisches Radio hören und MTV schauen konnte, erhielt sie praktisch einen Crashkurs über die letzten 50 Jahre der Popmusikgeschichte – von Classic Rock bis zu zeitgenössischem Hip-Hop. Für sie war nichts retro. Alles existierte in einem aufregenden Hier und Jetzt.
Zuerst durchlebte Birch eine Phase als Goth – perfekt für eine “alte Seele” auf der Suche nach sich selbst. (“Valentino war mein Traummann gewesen”, seufzt sie. “Dann entdeckte ich Robert Smith.”). Sie verinnerlichte die Szene sowohl musikalisch als auch modisch; als musikalische Inspiration und als Teenagerrebellion. Sie hörte Sisters of Mercy, Joy Division, The Cure, sogar Christian Death; und sie erschien in der Kirche ihres Vaters in einem bodenlangen schwarzen Umhang, wartete bis die Versammelten sich gesetzt hatten und schwebte dann den Gang hinunter. Aber ihre musikalische Ausbildung ging noch weiter: Sie verfiel der Musik der 20er, dem Jazz, den Beatles, Psychedelic, Fleetwood Mac. Alles, was sie hörte, war eine großartige Entdeckung. “Ich hörte diese Künstler und es war, als würde ich sie zum ersten Mal hören, als sie neu waren. Ich war nicht mit dieser Musik aufgewachsen. Sie ist also nicht wirklich in meinem Unterbewusstsein. Was allerdings ganz tief in mein Gedächtnis eingebrannt ist, ist klassische Musik. Dadurch hatte ich Melodien schätzen gelernt, was wiederum meine Musik beeinflusste.”
Mit sieben Jahren fing Birch an, mit der Suzuki-Methode das Klavier Spielen nach Gehör zu erlernen und trainierte diese Fähigkeit. “Schon im Kindesalter hatte ich das große Glück, etwas hören und direkt nachspielen zu können. Als ich älter wurde, improvisierte ich viel – klassische Musik, Filmmusiken, Pop, Jazz. Was auch immer gerade in meinen Kopf kam, spielte ich.” Als Birch in Portland lebte, begann ein motivierter Agent, für die talentierte Teenagerin, die sich zu der Zeit immer noch im Goth-Stil kleidete, Auftritte bei Privatveranstaltungen zu buchen. Birch erzählt lachend, dass sie immer ohne Setlist auftrat, und eigentlich sogar ohne Songs. “Ich setzte mich ans Klavier und ließ meine Hände über die Tastatur gleiten. Das Ergebnis war verträumte, seltsame Klaviermusik. Die Leute sagten immer: ‘Das ist toll, was ist das?’, aber ich wusste es nicht. Ich hatte es mir einfach spontan ausgedacht und es schien ihnen zu gefallen – zum Glück!”
Als sie alt genug war, um alleine zu leben, zog Birch nach L.A., um Filmkomponistin zu werden. “Ich hatte eine klare Idee davon, wie mein Leben aussehen sollte und dass die Musik die Grundlage für alle meine Pläne sein musste. Ich fand, dass das Schreiben von Filmmusik eine gute Möglichkeit wäre, obwohl ich keine Ahnung hatte, was dazu gehörte. Um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, eignete sie sich schnell ein Repertoire mit Standards an und suchte wieder Engagements als Pianistin. Bald bekam sie regelmäßige Auftritte in so angesehenen Lokalitäten wie dem Beverly Hills Hotel und L’Orangerie. Auch in dieser Umgebung hinterließ sie einen bleibenden Eindruck. Prince sah sie spielen und war so fasziniert, dass er sie zu einer Jam-Session mit ihm und seiner Band zu sich nach Hause einlud. Diese Einladung nahm Birch umgehend an.
Bis dahin hatte sie sich immer als Pianistin gesehen und nie versucht zu singen. Aber dann wurde sie von einer Freundin überredet, Unterricht zu nehmen. Um dort etwas singen zu können, schrieb Birch einen eigenen Song, den ihre Klassenkameraden sofort liebten. Also schrieb sie einen weiteren Song für die nächste Stunde und dann noch einen. So wurde sie zu einer echten Singer-Songwriterin. Ihre Texte kamen in einem Bewusstseinsstrom zu ihr, ähnlich wie ihre Musik. Erst wenn ein Song fertig gestellt war, wusste sie wirklich, was er bedeutete. “Valentino” z. B. klingt wie die Trennung von einem überflüssigen Geliebten, aber dann erkannte Birch, dass es der Abschied von ihrem Fantasiefreund war – und von ihrer Kindheit. “Ich verabschiedete mich von meiner Unschuld, von einer Zeit, in der meine Fantasie so lebhaft und meine Träume kristallklar gewesen waren.”
Sie erinnert sich: “Ich fing an, mein Songwriting ernster zu nehmen und spielte kleinere Gigs in der ganzen Stadt. Tagsüber spielte ich zum Tee für Prominente und Reiche und gegen Ende der Nacht saß ich in irgendeinem Schuppen und sang meine eigenen Songs, während alle quatschten, Bier tranken und Gläser zerschmissen.”
Als sie Material auf ihrer Myspace-Seite postete, meldete sich ein Manager aus London, mit dessen Hilfe sie dorthin zog und schon bald Auftritte bekam. Innerhalb weniger Monate hatte sie einen großen Publishingvertrag. Will Bloomfield, der sie zum Umzug ermutigt hatte und ihr Manager wurde, sagt: “Als Diane in London ankam, erregte sie ziemliches Aufsehen. Ich erinnere mich an ihre erste Show dort, im Troubadour: Diane setzte sich hin, improvisierte ein wenig auf der Wurlitzer und schon war der komplette Raum wie gebannt. Und als sie anfing zu singen, fielen den Leuten die Unterkiefer komplett runter. Ich glaube nicht, dass sie eine solche Stimme erwartet hatten.”
Letztendlich brachte der Umweg über London Birch näher an New York City und an einen Plattenvertrag. Ihr Publisher flog sie nach Miami für ein Songwriter-Meeting mit Betty Wright. Als diese Birchs Talent sah, rief sie Greenberg an; Greenberg traf Birch und im März 2008 vergruben sie sich für diese außergewöhnlichen Sessions im Studio, welche mit Unterbrechungen bis Februar 2009 dauerten.
“Steve (Greenberg) und ich hatten so viele besondere Momente bei den Aufnahmen”, erinnert sich Birch. “Wir versuchten, viel live einzuspielen. ‘Fire Escape’ war der dritte Song, an dem wir arbeiteten. Die Band hatte ihn vorher noch nie gespielt. Wir probten ihn einfach und ließen die Aufnahme laufen. Ich erinnere mich an die Aufnahme – sie war großartig! Ich sah durch die Scheibe und alle sagten: ‘Das ist es.’ Steve sagte: ‘Damit seid Ihr fertig, lasst uns weitermachen.’ Das sind Augenblicke, die man heutzutage kaum noch festhalten kann, weil man alles einzeln einspielt. Für mich war es wirklich wichtig, diese Authentizität zu erhalten.
Was den Albumtitel angeht: “Für mich hat ‘Bible Belt’ mehrere Bedeutungen. Da mein Vater ein Priester war, hatte meine sehr religiöse Erziehung einen extremen Einfluss auf mein Leben. Heute habe ich eine gute Beziehung zu meinen Eltern, aber damals musste ich mich gegen dieses Leben auflehnen. Jetzt wo ich älter bin, stelle ich fest, dass viele der Dinge, gegen die ich rebelliert habe, sich in meine Musik eingeschlichen haben. Ich rede ständig vom Himmel, Engeln und Vergebung. Kirchenlieder sind eine große Inspiration für mich – ihre Akkordstrukturen, ihre Farben. Ich habe das Gefühl, dass all diese Dinge ein Teil von mir sind. Als Kind war es für mich eine extreme Einschränkung, aber es hat meine Kreativität genährt.”
“Bible Belt” endet mit einem ihrer am kargsten instrumentierten und emotional wirkungsvollsten Stücke, “Magic View”, eine Zusammenfassung von Birchs bisheriger Reise: “Es steht für den Moment, als ich nach New York zog. Ich hatte gerade meinen Freund kennen gelernt, ich war verliebt, meine Albumaufnahmen sollten in Kürze beginnen. Ich dachte mir: Ich habe es hierher geschafft. Der ganze Tumult, die Reisen und die Veränderungen … und genau hier möchte ich sein.”
Dadurch wird “Bible Belt” mehr als ein Debütalbum: Es ist eine Heimkehr.