Deutsche Börse Jazz Nights – Sonny Rollins

Home » All posts » Deutsche Börse Jazz Nights – Sonny Rollins

Deutsche Börse Jazz Nights – Sonny Rollins

Posted on

– The Saxophone Colossus – Wer nur von Musik etwas versteht, versteht auch davon nichts. Dieser Satz – ein Plädoyer wider die Fachidiotie und zugleich ein geistreicher Verstoß gegen den vermeintlich gesunden Menschenverstand – stammt von Hanns Eisler, und das Wort Musik darin verträgt manche Abwandlung. Wer nur etwas vom Jazz versteht, nur etwas vom Saxophon, versteht auch davon nichts. Sonny Rollins versteht vom Tenorsaxophon vermutlich mehr als so ziemlich jeder andere lebende Jazzmusiker. Noch heute, im Alter von 77 Jahren, verbringt er täglich Stunden mit seinem Instrument, meist in der Abgeschiedenheit seines Hauses auf dem Land. Doch in der Aufrechterhaltung der noch immer stupenden instrumentalen Fertigkeiten liegt das Ziel dieser Beschäftigung höchstens am Rande: „Ich versuche, mich der Musik immer wieder neu und anders zu nähern“, sagt Rollins. „Ich möchte besser spielen, bessere Ideen haben, mehr lernen. Ich versuche zu spielen, was in der Luft liegt. Ich möchte mir bewusst machen, was auf der Welt geschieht, und es mit meinem Saxophon verarbeiten. Es ausdrücken. Nur so bleibe ich so lebendig wie der Jazz.“ Sonny Rollins erinnert uns daran, dass der Jazz, je besser er wird, sich desto weniger aus sich selbst ernährt. Er ist ein untrennbarer Bestandteil des Lebens – nicht nur von Jazzmusikern. Eine universelle Kraft, ins Menschliche übersetzt.

Vielleicht ist das der Grund, weshalb der ehrfürchtige, etwas seltsame Beiname „Saxophone Colos-sus“, der einem Quartettalbum des knapp 26-jährigen Sonny Rollins vom Frühsommer 1956 den Titel gab, bis heute an ihm haften blieb. Der Jazzpublizist Ira Gitler jonglierte in seinem Begleittext zur Platte damals mit den Bedeutungsebenen des Bildes. Er rief den Koloss von Rhodos als eines der sieben Weltwunder in Erinnerung: einst habe eine riesenhafte Apollostatue die Einfahrt zum Hafen von Rhodos überspannt, die einem Erdbeben zum Opfer gefallen sei. Der „Saxophone Colossus“ Rollins selbst sei erdbebensicher, behauptete Gitler, wider besseres Wissen – die langjährige, erst 1955 überwundene Heroinsucht nebst Gefängnisstrafen und wiederholten Entzugsversuchen des Saxophonisten unterschlug er diskret. Vielmehr habe Rollins, der Unerschütterliche, seinerseits für beträchtliche seismische Ausschläge in der Jazzwelt gesorgt.

Tatsächlich imponierte den Leuten das Spiel dieses als Sohn karibischer Eltern in Harlem groß gewordenen Zweimetermanns ziemlich von Anfang an. Als Halbwüchsiger hatte Rollins sich trotz aller erregenden Neuerungen des Bebop in New York Coleman Hawkins zum Vorbild genommen, der noch mit allen Wassern des Swing getauft war, einen gewaltigen Sound auf dem Tenor besaß und eine ebensolche musikalische Phantasie. Hoch begabt, fleißig und gefördert von Bud Powell, Thelonious Monk und Miles Davis, hatte Sonny Rollins beste Startbedingungen. Er war so früh bereit für den Jazz, dass er mit seinem Geburtsjahr tricksen musste, um als 17-Jähriger an eine Cabaret card zu kommen – die Lizenz zum Spielen, ohne die nichts ging in den Ballrooms und Playhouses und Clubs von New York. Und, nicht zu vergessen: im März 1955 war das erste Weltwunder des Jazz gestorben: Charlie Parker. Der Hafen der Jazzwelt brauchte ein neues Wahrzeichen, eine neue Lichtgestalt.

Kaum war das Standbild errichtet, verzichtete der „Colossus“ immer häufiger auf stützende Harmonieinstrumente und entwickelte ab 1957 am liebsten im Trio mit Bass und Schlagzeug eine zugleich abstrakte, vitale, kantige und tänzerisch leichte Musik. Sein harter Ton, voluminös in allen Lagen und auch zu jeder Sanftmut fähig, der wandlungsfreudige, stete Fluss seiner Ideen und das Format seiner Mitspieler ließen den Hochseilakt des Saxophontrios wie eine leichte Übung aussehen. Rollins’ Musik sprach durch alle Phasen hindurch zu den Hörern, denn seine in Kindertagen entwickelte Liebe zur

Melodie – die Mutter sang ihm oft Lieder von den Jungferninseln vor, auf denen sie aufgewachsen war – erkaltete nie. Die manchmal fast irritierend simple Melodik seiner Themen („St. Thomas“, „Doxy“) überstand auch das Free-Jazz-Fegefeuer der 60-er Jahre. Zwischenzeitlich feierte Rollins die Unbeschwertheiten des Calypso mit einer Hingabe, die selbst Fans strapazieren konnte. Das Gehen fällt ihm heute zunehmend schwer, bei seinen Tänzen auf dem Saxophon ist von eingeschränkter Beweglichkeit nichts zu spüren.

Wiederholt hat Rollins den Lauf seines Lebens im schönsten Tempo unsanft – Karriere-Berater würden sagen: fahrlässig – angehalten, um ihm zumindest vorübergehend eine andere Richtung zu geben. Da zog er dann die Routinen des bewunderten Jazzmusikers dem Dasein des Hausmeisters oder des körperlich schwer arbeitenden Lageristen vor, oder er suchte in einem indischen Ashram durch intensive Meditationspraxis dem Geheimnis der Existenz näherzukommen. Vielleicht ist Rollins’ Musik auch deshalb über Jahrzehnte so anziehend geblieben, weil sie trotz aller Brillanz immer die Musik eines lebenslang Unfertigen war, eines Fragenden, Zweifelnden, Suchenden.

Als Sonny Rollins zu Beginn der 60-er Jahre mit seinem Idol aus Jugendtagen auftrat, mit Coleman Hawkins, war das auch ein Zeichen dafür, dass Jazzmusiker das Feuer weitergeben, statt es eifersüchtig für sich zu hüten, bis es erlischt. Diese Mentalität hat Rollins, so er sie nicht sowieso schon besaß, übernommen. Selbst wenn er als Spieler ein Solitär blieb: als Musiker ist er ein Stammeswesen. Der Irokesenhaarschnitt, den er 1963 beim Festival von Newport trug, gute 15 Jahre vor den Anfängen des Punk, war eine Solidaritätsbezeugung für die amerikanischen Ureinwohner, doch man konnte ihn auch als Signal lesen für tribal consciousness. Rollins rührt keine Computer mehr an, dafür ist ihm die verbleibende Lebenszeit zu schade. Aber seine Website gehört zu den informativsten, aktuellsten und am besten gepflegten der Jazzwelt. Er hat seine Leute dafür, und sie sind ihm auf jene Weise nahe, die my people im Englischen bedeutet. So hat er heute auch seine Leute dafür, Musik mit ihm zu machen. Die Großen seiner Zeit hat er nahezu alle überlebt – Monk, Miles, Wynton Kelly, Elvin Jones, Max Roach, Jimmy Garrison. Ab und an spielt er mit jüngeren von Rang, wie Jack DeJohnette oder Stephen Scott. In der Regel aber musiziert er mit weniger bekannten Mitspielern, die ihn genau kennen und auf ihn eingehen – his people. Auf der JazzNights-Reise begleiten ihn seine langjährigen Vertrauten Clifton Anderson (Posaune), Bob Cranshaw (Bass), Bobby Broom (Gitarre), Kimati Dinizulu (Percussion) und Kobie Watkins (Schlagzeug).

Kolossal bedeute laut Wörterbuch gigantisch, riesig, schrieb Ira Gitler vor 52 Jahren in seinen Liner notes, und fügte hinzu: „In bezug auf Rollins’ Talent bedeutet es auch Tiefe.“ Sonny Rollins’ Lebensleistung ist ohne Frage gigantisch, riesig und tief; kolossal aber wird sie erst durch das konstante menschliche Maß, in dem er seine Kunst ausübt, durch seine entschieden humanistische Haltung. Rollins ist keiner, der sein Saxophon mit einer Posaune verwechselt und das System mit den Mauern von Jericho. Umsturz der Verhältnisse, Gesellschaftsveränderung durch Musik, daran glaubt er nicht – mehr. Mag sein, dass er die Wirkung der „Freedom Suite“, die er vor 50 Jahren aufnahm und als Zeichen gegen Rassismus verstanden wissen wollte, heute unterschätzt, denn vielleicht hat sie doch mehr in manchen Köpfen bewirkt, als er sich vorstellen kann. Aber dass die Musik nicht einfach nur dazu da ist, sich einen unbeschwerten, schönen Abend zu machen, daran lässt Rollins keinen Zweifel: „Meine Musik soll dazu beitragen, etwas zu erschaffen. Ich möchte Musik des Lebens machen, daran glaube ich. Ich träume ständig davon, die Dinge besser zu machen.“ Wenn es diese schöpferische Unzufriedenheit mit dem Status quo ist, das Bestreben, sich über das eigene Mittelmaß zu er-heben, was uns beim Nachhauseweg von einem Sonny-Rollins-Konzert durch den Kopf geht: dann haben seine mitunter so verflixt eingängigen Melodien, die sich zu herrlich mäandernden Improvisationen auswachsen, in den richtigen Regionen unseres Hirns ihr Nachleben begonnen.
Tourtermine:
26.11.2008, Frankfurt, Alte Oper
28.11.2008, Hamburg, Laeiszhalle-Musikhalle
01.12.2008, Berlin, Philharmonie
04.12.2008, Düsseldorf, Tonhalle
06.12.2008, München, Philharmonie