Corinna Simon · Jean Françaix – Piano Rarities

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Corinna Simon · Jean Françaix – Piano Rarities

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(Delta Music/Crystal Classic,
VÖ: 14.06.2013)
CORINNA SIMON
Corinna Simon wurde in Berlin geboren. Ersten Klavierunterricht erhielt sie im Alter von fünf Jahren. Mit zwölf Jahren begann sie die Klavierausbildung als Jungstudentin am Julius- Stern-Institut in Berlin. Nach dem Studium an der Hochschule der Künste bei Professor Ingeborg Wunder wechselte sie 1987 an die Musikhochschule München zu Professor Ludwig Hoffmann. Meisterkurse bei György Sebok, Maria Curcio, Halina Czerny-Stefánska, Malcolm Frager und Karlheinz Kämmerling ergänzten ihre Ausbildung. 1984 hatte sie ihr Solo-Debüt in der Berliner Philharmonie. Darauf folgte eine ausgedehnte Konzerttätigkeit. Engagements führten sie nach Wien, Paris, Stockholm, Oslo, Brüssel und zu den Luzerner Festwochen, sowie nach Südostasien und in die USA, wo sie in Washington, New York und San Francisco gastierte. Corinna Simon hat mit renommierten Dirigenten wie Jakov Kreizberg, Marc Piollet, Walter Weller, Lior Shambadal, Christóbal Halffter, Lukas Karytinos und Hans Werner Henze zusammengearbeitet.

Als Kammermusikerin zählt sie zu ihren Partnern den Cellisten Alban Gerhardt, den Geiger Rainer Kimstedt und den Kammersänger Peter Maus. 2010 hatte sie größten Erfolg mit einem Soloprogramm mit Werken zeitgenössischer deutscher Komponisten, das sie anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Deutschen Einheit in vielen europäischen Ländern und in den USA aufführte. 2011 erhielt sie von der internationalen Presse höchstes Lob für die CD-Einspielung der Klavierwerke von Reinhold Glière (Crystal/ Deutschlandradio Kultur). Corinna Simon leitet in Berlin eine Klavierklasse für hochbegabte Jugendliche. Viele ihrer Schüler sind sehr erfolgreiche Profimusiker geworden, darunter Sophie Mautner und Martin Helmchen.

Jean Françaix – Pianistische Moderne zwischen
Bach und Strawinsky

Der französische Komponist Jean Françaix, der 2012 hundert Jahre alt geworden wäre, gehört zu den bedeutendsten Musikern des 20. Jahrhunderts. Das betrifft insbesondere sein Schaffen für Klavier, auch wenn es heute nur selten im Konzertsaal zu hören ist. Mit der Qualität der Werke hat das gewiss nichts zu tun, eher mit deren teilweise erheblichen pianistischen Schwierigkeiten. Doch Françaix wusste gerade bei seinen Klavierwerken das technisch Machbare genauestens auszuloten und erdachte sie niemals «abstrakt», zumal er eine echte Doppelbegabung war. Er machte nämlich auch als höchst respektabler Pianist von sich Reden und trat dabei nicht nur mit seinen eigenen Werken vors Publikum. Von seiner hinreißenden Musikalität und Virtuosität zeugt eine auf CD erhältliche Aufnahme von Beethovens Variationen für Klavier und Violoncello, die Françaix zusammen mit dem Cellisten Maurice Gendron einspielte. So war die entscheidende Inspirationsquelle für ihn auch immer das Instrument selbst mit seinen unendlichen Möglichkeiten. Gerade bei den Klavierwerken spürt man aber auch, dass Françaix mehr war als eine liebenswürdige, humorvolle Gestalt jenseits aller Avantgarden, vielmehr ein besessener Perfektionist, hinter dessen vermeintlicher Skurillität sich ein tiefgründiger Denker verbirgt, der sich nicht mit schnellen, einfachen Lösungen zufrieden gibt.

Jean-René Françaix – so sein vollständiger Name – wurde am 23. Mai 1912 in Le Mans geboren. Sein Vater Alfred Françaix war Komponist, Pianist und Direktor des dortigen Konservatoriums, seine Mutter Jeanne Françaix wirkte in derselben Institution als Gesangslehrerin und Chorleiterin. Nach erstem Unterricht am Konservatorium seiner Heimatstadt wechselte der junge Françaix bereits 1924 ans berühmte Pariser Conservatoire, um bei Isidore Philipp (Klavier) und Nadia Boulanger (Komposition) zu studieren. Diese schrieb einmal an Françaix‘ Mutter: «Madame, ich weiß nicht, warum wir Zeit damit verlieren sollen, ihn in Harmonielehre zu unterrichten, er kennt die Harmonik. Ich weiß nicht wie, aber er weiß es; er wurde geboren, um es zu wissen. Lassen Sie uns Kontrapunkt machen.» Mit großer Anerkennung äußerte sich namentlich auch Maurice Ravel über den jungen Kompositionsschüler: «Unter den Gaben dieses Kindes bemerke ich vor allem eine, die die fruchtbarste für einen Künstler ist, die Neugier.»

1930 erhielt Françaix am Conservatoire den ersten Preis für Klavier, 1936 errang er mit seinem «Concertino» für Klavier und Orchester beim Kammermusikfest in Baden-Baden einen ersten internationalen Erfolg als Komponist. In den folgenden Jahren entstanden das Oratorium «L‘Apocalypse selon Saint Jean» (1939), fünf Opern, sechzehn Ballette, Orchesterwerke, Solokonzerte, Lieder, Chorwerke und Filmmusiken sowie zahlreiche Werke für Kammermusik, darunter das experimentierfreudige «Petit Quatuor pour Saxophones» (1935). Als Vorbilder benannte Françaix gern Bach, Mozart, Ravel und Strawinsky, mit Ausnahme von dessen «dernière manière».

Zu den vielen Ehrungen, die er im Laufe seines Lebens erhielt, zählen der eines Officier de la Légion d‘Honneur (1991), eines Commandeur de l‘Ordre du mérite culturel des Fürstenhauses Monaco (1993) und eines Commandeur dans l‘Ordre des Arts et des Lettres (1994). Am 25. September 1997 starb der Komponist in Paris und hinterließ ein überaus reichhaltiges Schaffen. «Cinq portraits de jeunes filles» («Fünf Porträts junger Mädchen») entstanden 1936 und zählen zu den bekanntesten Klavierwerken von Françaix. Die einzelnen Stücke heißen «La Capricieuse» («Die Launische»), «La Tendre» («Die Zärtliche»), «La Prétentieuse» («Die Eingebildete»), «La Pensive» («Die Nachdenkliche») und «La Moderne» («Die Moderne»). Musikalische Charakterstudien dieser Art haben speziell in der französischen Musik eine lange Tradition – erinnert sei an Couperins Rondeau «La Tendre Fanchon» zur Erinnerung an die Sängerin Fanchon Moreau, oder an Debussys Prélude «La fille aux cheveux de lin» («Das Mädchen mit den Flachshaaren»).

Die «Sonate pour piano» komponierte Françaix 1960 und widmete sie der damals 19-jährigen türkischen Pianistin Idil Biret. Das Werk ist im Gegensatz zu den «großen» Sonaten aus Klassik und Romantik auf ein Minimum reduziert, fühlt sich aber durchaus dem tradierten Modell verpflichtet. So bedient sich gleich der erste Satz, den Françaix als «Prélude» bezeichnet, der klassischen Sonatenhauptsatzform. Die Stelle des langsamen Satzes nimmt eine melancholische, sanft dahinfließende «Elégie» ein, die im 3/4-Takt notiert ist, anstelle von drei Schlägen pro Takt jedoch mehrfach nur zwei verwendet, indem die Akzente vorsichtig verschoben werden. Das Stück gehört sicherlich zu den schönsten Eingebungen von Françaix überhaupt. Die auf das «Scherzo» folgende monothematische «Toccata» ersetzt wiederum das klassische Schluss-Rondo.

«Éloge de la danse. Six épigraphes de Paul Valéry» («Lob des Tanzes. Sechs Inschriften von Paul Valéry») aus dem Jahre 1947 besteht aus sechs kurzen Stücken, die François Válery,
dem einzigen Sohn des Dichters Paul Valéry (1871 – 1945) gewidmet sind. Jedem der Stücke
ist eine Zeile von Valéry vorangestellt, mit der auf poetische Weise verstorbene, nicht näher bezeichnete Tänzerinnen charakterisiert werden. So trägt das zweite Stück das Motto: «Sie war die Liebe … war Freude und Tränen, war vergebliche Illusion … war das Ja und das Nein, und alle ihre Schritte sind leider für immer verloren …» Beim fünften Stück heißt es zu Beginn: «Sie zelebrierte das Mysterium der Abwesenheit … Oft schien sie das Unaussprechliche des Schicksals zu berühren …» Die Stücke muten in der Tat sehr tänzerisch
an, stellen aber dennoch keine Ballettmusik im engeren Sinne dar.

«Si Versailles m‘était conté» («Wenn Versailles mir etwas erzählen würde») ist ursprünglich eine Filmmusik, die Françaix für den gleichnamigen, großangelegten Historienfilm von Sacha Guitry komponierte, der am 9. März 1954 in die französischen Kinos kam und vom deutschen Verleih den Titel «Versailles – Könige und Frauen» erhielt. Er erzählt die Geschichte des berühmten Schlosses und seiner nicht minder berühmten Liebschaften aus der Perspektive des Museumsführers, der vom damals beliebten Chansonnier und Komiker Bourvil verkörpert wird. Hochkarätig besetzt waren auch die anderen Rollen, darunter mit Claudette Gilbert, Édith Piaf, Brigitte Bardot (in einer Nebenrolle), Jean Marais, Gérard Philipe, Orson Welles und Jean-Louis Barrault. Wie in einem Panoptikum ziehen an uns historische Persönlichkeiten und berühmte Lokalitäten vorüber, darunter die Könige Heinrich IV. (1553 – 1610) und Ludwig XIII. (1601 – 1643), Louis-Henri de Pardaillan de Gondrin, Marquis de Montespan (1640 – 1691), die berüchtigte Giftmischerin Catherine Monvoisin, genannt «La Voisin» (1640 – 1680), das Lustschloss Grand Trianon, der schöne schwedische Graf Hans Axel von Fersen (1755 – 1810), das für Königin Marie Antoinette errichtete idealisierte Dorf Le Hameau und natürlich Napoléon Bonaparte (1769 – 1821). Später veröffentlichte Françaix die opulente Partitur auch in einer Fassung für Solo-Klavier und Klavier zu vier Händen. Auf der vorliegenden CD hat Corinna Simon die beiden Stücke für Klavier zu vier Händen – Nr. 7 («Ronde Louis XV») und Nr. 9 («Le Hameau») – mittels Overdub (Playback) allein eingespielt. Durch die beigegebenen Überschriften erschließen sich die einzelnen Stücke auch ohne den Film.

Die humoristischen «Cinq «Bis»» («Fünf Zugaben»), gewidmet Nadia Boulanger, stammen von 1965 und tragen die Titel «Pour allécher l‘auditoire» («Um das Publikum auf den Geschmack zu bringen»), «Pour les dames sentimentales» («Für sentimentale Damen»), «En cas de succès» («Für den Fall eines Erfolgs»), «En cas de triomphe» («Für den Fall eines triumphalen Erfolgs») und «En cas délire («Wenn das Publikum rast»). Der schon an den Überschriften abzulesenden permanenten Steigerung folgt auch die Musik, indem die einzelnen Stücke zunehmend schwieriger werden. Der Zyklus bildet somit einen in jeder Hinsicht passenden Abschluss für diese CD.

Text: Dr. Klaus Martin Kopitz