Blick Bassy – Hongo Calling

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Blick Bassy – Hongo Calling

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Blick_Bassy_-_Hongo_Calling_artwork (World Connection, VÖ: 29.04.2011)
Jede Erdregion hat ihre eigene Musik hervorgebracht, die sich von der an anderen Orten auf dem Globus unterscheidet. Geprägt von der jeweiligen Geschichte, der Naturumgebung und den Lebensbedingungen vor Ort haben sich charakteristische Musikformen herausgebildet. Eigentlich eine Binsenweisheit, sicher, interessant wird’s allerdings wenn man bedenkt, dass manche Melodiemotive, Klänge und Rhythmen scheinbar unvermittelt gleich an mehreren, höchst unterschiedlichen Plätzen auf unserem Planeten auftauchen. Zufall? Die Folge von Völkerwanderungen oder der Verschleppung von Menschen zu Zeiten des Sklavenhandels?
Blick Bassy ist bei der Produktion seines zweiten Soloalbums “Hongo Calling” auf dieses rätselhafte Phänomen gestoßen.

In seinem Heimatland Kamerun wird ein Hongo genannter Rhythmus traditionell zur Heilung von Kranken oder bei der Beisetzung der Toten gespielt, in ganz anderen Zusammenhängen hat er ihn jedoch auch in Benin, dem Senegal oder auf den Kapverdischen Inseln angetroffen. Und wie ihm im Verlaufe der Albumaufnahmen Pandeiro-Perkussionist Marcos Suzano (Gilberto Gil, Ney Matograsso) bestätigte, kennt man das Rhythmusmuster – freilich unter anderem Namen – sogar in Brasilien.
Das Aufspüren solch verschlungener Pfade ist nur eine Facette von Blick Bassys jüngster Studioeinspielung, neben dem Entdecken von Parallelen zwischen mehr oder weniger weit voneinander entfernten Klangwelten geht es ihm auch diesmal wieder darum, sich für die Belange des gebeutelten “Schwarzen Kontinents” einzusetzen und die Kultur des eigenen Geburtslandes einem globalen Publikum näherzubringen. Deswegen erzählt er in seinen Songs vom Alltagsleben in Afrika, deswegen singt er meist in seiner Muttersprache Bassa, einem von 260 Dialekten in Kamerun, die vom Aussterben bedroht sind, und deswegen pflegt er die traditionelle Folklore der Heimat.
Den Großteil seiner Kindheit verlebte Bassy in einem Haushalt mit zwanzig (!) Geschwistern in der Hauptstadt Yaoundé, als er zehn war, wurde er allerdings für mehrere Monate ins Dorf der Großeltern geschickt. Erst dort lernte er die mündlich überlieferten Musikformen seines Volkes kennen und lieben. “In Mintaba reden die Menschen nicht viel, dafür singen sie ständig bei ihrer täglichen Arbeit”, erinnert sich Bassy. Im Herzen Kameruns erfuhr der wissbegierige Junge mehr über Bolobo (Gesang der Fischer), Dingoma (zur Amtseinführung von Häuptlingen gespielt), Bekele (Hochzeitsmusik), Assiko (zur Tanzunterhaltung) und die bereits erwähnte Musikform Hongo. Seither lässt ihn die Folklore seiner Landsleute nicht mehr los, auf dem aktuellen Album spielt sie ebenfalls eine prominente Rolle. Stilrichtungen aus Kamerun bzw. West- und Zentralafrika im Allgemeinen vermischt der Sänger/Gitarrist hier stimmig mit Soul in der Nachfolge eines Marvin Gaye und lateinamerikanischen Genres wie dem Bossa Nova. Insbesondere in den beiden Stücken, in denen der brasilianische Singer/Songwriter Lenine mitwirkt, ist der Latin-Einfluss nicht zu verkennen. Herausragend: Der mitreißende Track “Fala Português”. Via Overdubverfahren mit sich selbst vervielfacht stimmt Gaststar Lenine hier den eingängigen Refrain an – ganz großartig!
Als Blick Bassy nach äußerst erfolgreichen Jahren als Mitglied der Gruppe Macase 2005 zum Alleingang ins Ungewisse aufbrach, war dies ein gewagtes Unterfangen. Doch schon das Solodebüt “Léman” gab ihm Recht und belohnte den Mut zum Risiko mit hingerissenen Reaktionen der Hörer und Kritiker. Allerorten wurden seine herzerwärmend-sanfte Stimme, das exzellente Gitarrenspiel und die harmonische Mischung aus westlichen Instrumenten und Klangerzeugern aus Afrika (Kora, Ngoni, Kalabasse) begeistert aufgenommen. Radio 6 aus den Niederlanden prophezeite damals: “Aufgrund der beispiellosen Qualität seines Debütalbums ‘Léman’ kann man davon ausgehen, dass Blick Bassy zu einem der größten afrikanischen Stars der kommenden Jahre aufsteigen wird.” Mit “Hongo Calling” ist es jetzt wohl so weit. Wenn alles mit rechten Dingen zugeht, müsste die Vorhersage spätestens nach Erscheinen von Blick Bassys facettenreichem zweiten Album Wirklichkeit werden.