Aaron Parks – Invisible Cinema

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Aaron Parks – Invisible Cinema

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(Blue Note, VÖ: 05.09.08)
Jemand bat mich einmal, meine Musik mit zwei Worten zu umschreiben, und ich wählte die Begriffe ‚spontan‘ und ‚cinematographisch‘“, erzählt Aaron Parks. Nachdem er so einmal die Essenz seiner Kunst definiert hatte, behielt der Pianist die beiden Worte während der Konzeption und Aufnahmen von „Invisible Cinema“, seinem außergewöhnlichen Blue-Note-Debüt, stets im Hinterkopf. Mit seiner Virtuosität und harmonischen Komplexität spricht „Invisible Cinema“ Parks‘ Vertiefung in die höchsten Höhen des Jazz an, wobei es sich gleichzeitig auf die weiter gefasste Welt zeitgenössischer Musik bezieht.

Der Titel hat viele verschiedene Bedeutungen“, erklärt der 24-jährige, aus Seattle stammende Musiker, der derzeit in Brooklyn lebt. „Zum einen beschreibt ‚Invisible Cinema‘ genau das, was Musik im Kern ist. Man kann sie nicht sehen. Aber es bestehen diese Spannungsfelder zwischen den Musikern, und Musik kann so viele Geschichten erzählen. Ich habe dabei aber auch an das wirkliche Kino gedacht, und das Album hat tatsächlich einen erzählerischen roten Faden, aber den gebe ich nicht preis, der soll offen sein für individuelle Interpretationen. Für mich aber steckt in der Abfolge, in den Songtiteln und allem eine Geschichte.

Blue Note wurde auf Parks aufmerksam während seiner fünfjährigen Beschäftigung bei Terence Blanchard, wobei er auf drei der hochgelobten Blue-Note-Alben des Trompeters spielte, nämlich „Bounce“, „Flow“ und „A Tale of God’s Will“. Parks freut sich nun, dem Beispiel eines weiteren Blanchard-Schülers folgen zu können: Lionel Loueke debütierte im März 2008 bei Blue Note mit seinem exzeptionellen Album „Karibu“. „Ich bin begeistert, dass ich nicht nur Teil des klassischen Blue-Note-Erbes werde, sondern auch jener neuen Generation mit Terence, Lionel, Robert Glasper, Jason Moran, Cassandra Wilson und so vielen anderen großartigen Künstlern angehöre.“

„Invisible Cinema“ zeigt Parks sowohl als Solist als auch als Komponist in Höchstform. Flankiert wird er von Mike Moreno an der Gitarre, Matt Penman am Bass und Eric Harland am Schlagzeug. Gemeinsam und auf Solopfaden haben diese Musiker im neuen Jahrtausend in der Welt des Jazz führende Rollen eingenommen. Harland hat gemeinsam mit Geri Allen, dem legendären Charles Lloyd und natürlich auch mit Terence Blanchard Musik für die Ewigkeit gemacht, denn in dessen Band sind Aaron Parks und Harland sich erstmals begegnet. Moreno, der schnell zu einem der gefragtesten Gitarristen seiner Generation avanciert ist, zählte Parks als Gastmusiker auf seinem eigenen hoch gelobten Debütalbum „Between the Lines“. Und im Jahr 2007 spielten Penman, Harland und Parks höchst überzeugend auf der Veröffentlichung des Bassisten, „Catch of the Day“.

Parks erinnert sich an eine Quartett-Tour durch Japan unter der Leitung von Harland, bei der Penman und als Gitarrist Kurt Rosenwinkel mitreisten, als „eines der erstaunlichsten musikalischen Erlebnisse meines Lebens. Es ist so einfach, mit dieser Rhythmusgruppe zu spielen. Sie passen zusammen wie angegossen.“ Penman und Harland waren also die folgerichtige Wahl für „Invisible Cinema“, und Mike Moreno entpuppte sich als das fehlende Puzzlestück, das die Gruppe perfekt abrundet. „Mit der Gitarre im Quartett haben die Songs plötzlich angefangen, Sinn zu machen“, erinnert sich Parks. „Das war genau das Klangumfeld, das ich brauchte. Mike und ich haben schon zusammen für Kendrick Scott gespielt, in der Band von John Ellis und in vielen anderen Konstellationen. Er hat ein sehr lyrisches Spiel, das mir sehr gut gefällt.“

Im Kern ist „Invisible Cinema“ ein akustisches Jazzalbum, und doch erinnert es durch den unaufdringlichen Einsatz von Keyboards, penibel variierten Gitarrensounds und ungewöhnlichen Beats auch an andere melodische und rhythmische Gebiete. „Manchmal habe ich Eric ein sehr spezielles Drumstück gegeben, das er lernen sollte“, erläutert Parks. „Aber sobald er dann das gebracht hatte, was mir vorschwebte, bat ich ihn dann, es wieder zu vergessen, loszulassen.“ Durch diese Methode brachte Parks alle beteiligten Musiker dazu, frei miteinander zu agieren und auf musikalische Entdeckungsreise zu gehen. „Die Musik, die ich schreibe, ist sehr stark strukturiert, sehr viel ist schon in die Stücke eingeschrieben, aber es gibt gleichzeitig auch Raum, damit sich neue Sachen entfalten können. Ich schreibe gerne Songs, die auf einer Ebene recht einfach sind, damit die Musiker in diesen kleinen, nebulösen Spalten, in den Zwischenräumen, die ich ihnen überlasse, ihren ganz eigenen Zauber entfalten können.“

Parks greift mit „Invisible Cinema“ auf eine ganze Bandbreite von Texturen zurück. Das reicht von dem strahlenden „Travelers“ mit seinen metallenen Drum-Attacken bis hin zu den Rock-getränkten Grooves von „Riddle Me This“ und „Nemesis“ oder von der mehrteiligen Struktur und dem schwindelerregenden Wechselspiel von Gitarre und Piano in „Peaceful Warrior“, das er für Loueke schrieb, bis hin zu der perlenden 4/5-Ballade „Praise“. „Die Stücke haben etwas sehr Expressives“, kommentiert Parks. „Das haben viele meiner Lieblingsbands auch. Zum Beispiel Wayne Shorters Quartett, das ist voller Dramatik.“

Natürlich hat auch die Musik jenseits der Jazzwelt jede Menge Dramatik zu bieten und Parks erfreut sich, wie viele seiner Altersgenossen, eines breit gestreuten Musikgeschmacks. „Ich höre mir wahnsinnig viel Rock an“, erklärt er, „und mich beeinflussen auch die Künstler, die bei vielen Jazzmusikern beliebt sind, etwa Radiohead und Björk, aber auch Talk Talk, Blonde Redhead, Me’shell Ndegeocello und ganz gradliniger Indiepop wie Death Cab for Cutie, da schäme ich mich keineswegs.“

Parks weist auf das machtvolle Gitarrensolo von „Harvesting Dance“ als rockige Schlüsselszene des Albums hin und stellt dann fest, dass auch bulgarische Musik und Stücke von John Zorns Masada diesen Songs beeinflusst haben, der vorher schon auf Terence Blanchards Album „Flow“ eingespielt wurde. Das steht in vollem Gegensatz zu den klagenden Solo-Pianostücken „Into the Labyrinth“ und „Afterglow“, die Parks als Szenenwechsel beschreibt, oder aber zu dem von Parks als abnorm umschriebenen bluesig flotten Vibe von „Roadside Distraction“. „Dieser Song ist nun wirklich ein Stück unsichtbares Kino“, lacht er, „Es erweckt tatsächlich eine spezifische Szene zum Leben.“

Es ist keine Überraschung, dass Parks mit nur 24 Jahren schon solch eine starke Präsenz zeigt. Mit 14 schrieb er sich in ein College-Programm für Frühbegabte ein, mit 15 besuchte er die Universität von Washington und machte einen hervorragenden Abschluss in Mathematik, Computerwissenschaft und Musik. „Am Anfang hätte ich nie geglaubt, eine Karriere als Musiker starten zu können“, erinnert er sich. „Aber dann begann ich, beim Spielen diese Situation zu erleben, in der man sich völlig verliert und die Musik einen trägt. Ich wurde richtig angefixt von dem Gefühl. Ich glaube, jeder, der Musik improvisiert, wünscht sich, diesen Zustand zu erreichen. Ich hoffe, dass man, wenn man das immer häufiger macht, irgendwann dahinter steigt, um dieses Erlebnis regelmäßiger auftreten zu lassen.“

Mit seinem technisch kunstvollen, zugleich aber grenzenlos melodischen und einfühlsamen Spiel und seinem Sinn für Farben und Fantasie, die er in jeder erdenklichen musikalischen Situation einbringt, setzt Parks neue Maßstäbe für die Ausdruckskraft von Pianisten. Seit seiner Zeit mit Terence Blanchard hat er als Mitglied von Rosenwinkels Quintett die ganze Welt bereist. Kürzlich spielte er in der Jazz Gallery, einem bahnbrechenden Jazzclub in Lower Manhattan, im Rahmen der renommierten Composer Series dieses Clubs eine Auswahl neuer Stücke, die er „Archetypes: Character Studies in Sound“ nennt. Bei seinen jüngsten Aufnahmen als Begleitmusiker auf Christian Scotts „Anthem“, Kendrick Scotts „The Source“, Gretchen Parlatos gleichnamigem Album sowie den bereits eingangs erwähnten Alben von Moreno und Penman hat Parks dem Spiel seiner Kollegen eine geistreiche, suchende Intelligenz verliehen. „Invisible Cinema“, sein bislang bedeutendster Meilenstein, bringt ihn nun mit Riesenschritten auf den Solopfad, von dem aus er in den kommenden Jahren sicherlich noch manchen Jazzfan in Erstaunen setzen wird.