Ekaterina Derzhavina – Nikolai Medtner, Stimmungsbilder Op.1

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Ekaterina Derzhavina – Nikolai Medtner, Stimmungsbilder Op.1

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Ekaterina (Crystal Classics, VÖ: 13.04.2012)
Klavierwerke von dem in Moskau geborenen Komponisten Nikolai Medtner (1880 – 1951) bieten eine einmalige Kombination aus deutschen und russischen romantischen Empfindungen. Selbst ein meisterhafter Pianist und Schüler eines großen russischen Experten in theoretischem Kontrapunkt, Sergei Taneyev (1856 – 1915), geben Medtners Klavierwerke eine Tiefe und Bandbreite wieder, die den Zuhörer fesseln. Ein „Schüler Beethovens“, wie Medtner sich später selbst bezeichnete, wurde er auch von seinem Bruder Emilo Medtner (1872 – 1936) inspiriert.

Im Jahre 1935 schrieb Medtner seine Polemik Muse und Mode. Mit Bezug auf die „giftigen Gase“ von Avantgarde-Musik, die wie „kreischendes Hahnengeschrei“ klingt, drückt Medtner das dringende Bedürfnis der Zuhörer aus „das musikalische Gehör zu retten bevor es zu spät ist“, obwohl er gegen musikalische Erziehung für die breite Öffentlichkeit argumentierte, mit der Begründung, dass sie davon nicht profitieren könne (!). Keine derart apokalyptischen Ansichten sind nötig, um Medtners eigene Musik zu genießen, die zu seinen Lebzeiten manchmal unterschätzt wurde, da er stets mit seinen Zeitgenossen Rachmaninov und Scriabin verglichen wurde, weniger zugänglich als ersterer und weniger spirituell als letzterer. Dennoch wird der Mythos eines gänzlich vergessenen Komponisten (seine letzten Jahre von 1936 bis 1951 verbrachte er in England) durch treue Anerkennung von Zeitgenossen wie Rachmaninov, Benno Moiseiwitsch, Maria Yudina und Emil Gilels Lügen gestraft, indessen in seiner Wahlheimat so unterschiedliche Zuhörer wie Ernest Newman und Kaikhosru Shapurji Sorabji Medtners Werk bewunderten. 1946 wurde ein kluger Musiker, Jayachamaraja Wodeyar Bahadur (1919 – 1974), Maharadscha des Fürstentums Maisur, zu einem besessenen Fan von Medtners Werken und gründete 1949 eine Medtner-Gesellschaft in London um sein gesamtes Werk aufzunehmen. Seit damals haben Fans weltweit mit leidenschaftlicher Begeisterung über Medtner geschrieben.
Medtners Stimmungsbilder op. 1 (Acht Stimmungsbilder; 1896/1897) veranschaulichen das breite Spektrum an deutsch-russischem kulturellem Sprachschatz, den der Komponist reichlich zur Hand hatte. Das Erste, „Prolog – Andante cantabile“, geschrieben als er achtzehn war, ist eine lyrische Melodie russischen Stils. Die Einleitung, ein Verszitat des romantischen Dichters Lermontov „Der Engel“ (1831), handelt von einem vom Himmel gesandten Wesen dessen himmlische Lieder nicht mit „ausdrucksloser“ erdgebundener Musik harmonieren. Das zweite Stimmungsbild, bezeichnet als „Allegro“, hat eine leidenschaftliche Schumann-artige Eile. Das Dritte, „Maestoso freddo“ ist formal und kirchlich, während das Vierte, „Andantino con moto“, aufgrund seiner Tonmalerei zu Russland und der schwer fassbaren Schmiegsamkeit von Scriabin zurückkehrt. Ein weiteres Gedicht von Lermontov über eine verschneite Winterlandschaft wird am Anfang des fünften Stimmungsbildes zitiert, welches „herumwirbelt“, möglicherweise in Anlehnung an Chopins Etude Op. 25, Nr. 11 (Winter Wind) aus dem Jahre 1836. Die letzten drei Bilder sind bewusst abwechslungsreich, mit einem spöttischen „Allegro con humore“, das eher überzeugte Prahlerei als Scherzhaftigkeit zum Ausdruck bringt, ein „Allegro con ira“ mit wahnsinnig ausführlicher Wut und ein Schlussbild „Allegro con grazia“ (fast ein Walzer), welches vorangegangene Spannungen mit einem behutsam mitreißendem Tanz auflöst.
Als Kontrast weist die abstraktere und improvisierte Sonata Triad, Op. 11 (1904/1906, 1906, 1907) Elemente mit ausgedehnten Etüden gemischt mit arienartiger Lyrik auf. Ihre drei Abschnitte werden bezeichnet als „Allegro ma non troppo in As-Dur“; „Sonata-Elegie. Andante molto espressivo in d-Moll“; und „Moderato Passione Innocente in C“.
Medtners Vergessene Melodien wurden als Ausgleich zu den Qualen des Krieges und der Revolution geschrieben. Als diese 1920 zuerst privat in Moskau aufgeführt wurden, reagierte ein Freund, der ungarische Geiger Albert Jarosy, empört: „Das Land tanzt! Während draußen Tod und Verwüstung wüten, während ein Reich in Ruinen zerfällt und ein neuer Staat auf dem blutgetränkten Boden entsteht, schreibt Medtner Pastoralen und Märchen!“ Medtners letzte Werke, die er vor seiner Emigration nach Berlin 1921 in Russland komponierte, unter dem Titel Vergessene Melodien spielen offen auf Liszts Valses oubliées an, auf eine mehr metaphysische Art kehren sie zu Lermontovs Gedicht „Der Engel“ zurück mit dem Konzept überirdischer, vom Himmel gesandter Musik, die von einfachen Erdlingen nicht geschätzt werden kann.

Benjamin Ivry