Edson Cordeiro – The Woman’s Voice

Home » Allgemein » Edson Cordeiro – The Woman’s Voice

Edson Cordeiro – The Woman’s Voice

Posted on

(prime tone records, VÖ: 03.10.08)
Ich wuchs auf umgeben von Frauenstimmen. Durch meine Mutter und meine drei Schwestern wurde mir die Macht der Stimme bewusst. Seither ist die Stimme der Frau mein wichtigster Referenzpunkt.” Auf seinem jüngsten Album feiert Edson Cordeiro den Zauber seiner ersten und bis heute bedeutendsten Inspirationsquelle, “The Woman’s Voice” ist eine liebevolle Hommage an all die Frauen, die ihn privat und musikalisch geprägt haben.

Der brasilianische Countertenor ist begeistert von der Magie des weiblichen Gesangs, laut eigenem Bekunden lässt er sich nur zu gern von der besonderen Anziehungskraft der Damenwelt betören. Im vorliegenden Fall huldigt der Mann, der die Frauen liebt (wie man in Anlehnung an François Truffauts berühmten Kinofilm von 1977 sagen könnte), nun einigen Diven, die ihn künstlerisch nachhaltig beeinflusst haben. Mit Hilfe von Pianist Broder Kühne stattet er ausgewählte Songs von Edith Piaf (“Mon Dieu”), Billie Holiday (“Lover Man”), Fado-Queen Amalia Rodrigues (“Fado Português”) sowie Carmen Miranda (“Tico-Tico”) mit einer Extraportion Glamour aus. Und vor Zarah Leander (“Der Wind hat mir ein Lied erzählt”), Yma Sumac (“Bo Mambo”), Mahalia Jackson (“Elijah Rock”) und Madonna (“Frozen”) zieht er ebenfalls in glanzvollen Interpretationen den Hut.

Auf “The Woman’s Voice” lebt Cordeiro mutig den femininen Anteil seiner Persönlichkeit aus, er spürt hier ungehemmt seinen sanften Charakterzügen nach. Am angeblich schwachen Geschlecht fasziniert ihn ja gerade die weiche Seite, wie er im CD-Booklet betont: “Immerzu wurde mir gesagt, dass Männer nicht weinen. Vielleicht ist das der Grund, dass ich Sängerinnen bevorzuge, die weinen, ohne Furcht davor, verletzlich oder schwach zu erscheinen und so zu großen Stars wurden.

Mit dem überraschenden Bekenntnis zur eigenen Verwundbarkeit wird Senhor Cordeiro wohl so manchen Zeitgenossen in Erstaunen versetzen. Seine langjährigen Anhänger hingegen dürfte die unerwartete Karrierewendung wesentlich weniger irritieren. Schließlich sind es die Fans der ersten Stunde gewohnt, dass der Vokalartist aus Santo André im Bundesstaat São Paulo den eingeschlagenen Kurs häufiger mal ändert. Schon in der Frühzeit wechselte Cordeiro sprunghaft das Repertoire, dessen breit gefächertes Spektrum vom heimatlichen Samba und Música Popular Brasileira über Pop, Rock und Disco bis zur Barockepoche und Wiener Klassik reichte. Auf dem Spielplan standen in den Anfangstagen (gemeint sind die frühen 90er Jahre) so unterschiedliche Größen wie Janis Joplin, Prince, die Rolling Stones, Landsmann Pixinguinha, Mozart, Bach und Händel.

Aufgrund seiner enormen Wandlungsfähigkeit tun sich notorische Schubladenzieher seit jeher schwer mit Edson Cordeiro. Als er zwischen 1997 und 1999 urplötzlich einen Dance-Music-Zyklus veröffentlichte, war das nicht anders. Die Käufermassen hingegen tanzten ausgelassen zu der bewegungsfördernden Albumtrilogie (“Clubbing”, “Disco Clubbing Ao Vivo”, “Disco Clubbing 2 – Mestre de Cerimônia”). Mit “Dê-se Ao Luxo” kehrte der Stimmbandakrobat 2001 dann zur Musiktradition Brasiliens zurück, Landsleute wie Rita Lee, Ney Matogrosso und DJ Patife unterstützten ihn dabei. Das Folgewerk “Contratenor” von 2005 enthielt ausschließlich Klassikkompositionen, es wurde ein Jahr später in der Latin-Grammy-Kategorie “Bestes Klassikalbum” nominiert. Eine erneute Kurskorrektur brachte 2007 schließlich “Klazz Meets The Voice”. Mit den Klazz Brothers, den Shootingstars des deutschen Klassik-Bereichs, erschuf Cordeiro hier ein wunderbares Crossover-Produkt. Es ist nicht zu übersehen bzw. überhören: Der Mann ist immer für eine Überraschung gut, er hat in seiner Laufbahn so manchen Richtungswechsel vollzogen und wird dem Publikum genau deshalb nie langweilig. Unberechenbarkeit als Gütesiegel!

Der Faszination für alle Arten von Musik erlag der 1967 geborene Edson Cordeiro schon im Kindesalter. Bereits als Knabe von sechs Lenzen sang er im Kirchenchor der örtlichen Baptistengemeinde (Cordeirinhos do Senhor). Bereits mit sechzehn Jahren gehörte er zum Ensemble der Rockoper “Amapola” von Miguel Briamonte, seinem späteren Produzenten. 1988 bekam Cordeiro eine Darstellerrolle in der brasilianischen Ausgabe des Musicals “Hair”, 1989 tourte er als Schauspieler in Molières Theaterstück “Der eingebildete Kranke” kreuz und quer durch die Welt. Nach der Premiere der ersten Soloshow im Jahr 1990, die sofort heftig einschlug, lud man das Nachwuchstalent für Plattenaufnahmen ins Studio ein. Das daraus resultierende Solodebüt “Edson Cordeiro” bescherte auf Anhieb einen Riesenerfolg. Als der Jungstar dann auch noch im nationalen Fernsehen auftrat und mit der Arie der Königin der Nacht aus Mozarts “Zauberflöte” brillierte, war er mit einem Schlag landesweit bekannt.

Die erste Europatournee 1994/95 glich einem Triumphzug. Cordeiros strahlende 4-Oktaven-Stimme, die so manche Koloratursopranistin vor Neid erblassen lässt, wurde damals von der deutschen Presse als “Das 8. Weltwunder” gepriesen. Seither kommt der Kehlkopf-Künstler regelmäßig in unsere Breitengrade und füllt dabei jeden Saal stets bis auf den letzten Platz. So war etwa im Sommer 2004 seine zweiwöchige Spielzeit in Berlins “Bar jeder Vernunft” restlos ausverkauft. Neben Live-Terminen führten Cordeiro in den vergangenen Jahren auch zahlreiche TV-Auftritte in die Bundesrepublik, unter anderem war er bei Harald Schmidt, Roger Willemsen und der “NDR Talkshow” zu Gast.

Der Brasilianer kann hierzulande nach ca. 100 Konzerten in 2007/2008 auf überaus treue Fans zählen, die bestimmt auch sein jüngstes Album wieder begeistert aufnehmen werden. Auf “The Woman’s Voice” verbeugt sich der 41-jährige Ausnahmesänger – wie bereits eingangs ausgeführt – tief vor der weiblichen Stimme. Treffender als in den poetischen Textzeilen des Title-Tracks kann man deren Zauber wohl kaum beschreiben. Dort singt Edson Cordeiro in anrührenden Versen: “Seit ich ein kleiner Junge war, lausche ich dieser Stimme. Sie heilt mich, inspiriert mich, lässt mich weinen. Sie erweitert meine Sinne, bringt mich zum Lachen, zeigt mir den Weg zum Himmel und lehrt mich zu lieben. So lange ich lebe, möchte ich die Stimme der Frau hören, die ein Teil von mir ist.