Deolinda – dois selos e um carimbo

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Deolinda – dois selos e um carimbo

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Deolinda_doisCover (World Connection, VÖ: 01.10.2010)
Im Jahr 2008 veröffentlichen Deolinda «Canção ao Lado» und fegen damit so manches hartnäckige Vorurteil über Portugal und seine Musikkultur vom Tisch. Zwei Brüder, beide hochbegabt an der Gitarre, ihre Cousine hinter dem Gesangsmikrofon und ein Jazz-Bassist definieren auf dem Album den gemeinhin tieftraurigen Fado neu, erfüllen ihn mit viel Humor und einer knisternden Frivolität. Deolinda, die fiktive Erzählerin und Hauptperson der Songs, «die mit ihrem Goldfisch und ihren zwei Katzen in einem Vorort von Lissabon lebt», präsentiert uns hier das moderne Portugal, seine Eigenheiten, seine Saudade, die tiefe Leidenschaft unter den Klängen der impulsiven Gitarrenmusik und der schleppenden Bässe.

Auf dem neuen Album «dois selos e um carimbo» verfeinern Deolinda nun ihren Stil, der mittlerweile des Öfteren zum Samba, Sirtaki oder der Ranchera tendiert und das perfekte Gleichgewicht zwischen dem Alten und dem Modernen findet. Die Heimat hat die Gruppe mit ihrem zeitgemäßen Fado – europäischer als Madredeus, beschwingter als Amália, kontinentaler als irgendeine andere portugiesische Gruppe – bereits im Sturm erobert. Jetzt will man auch noch den Rest Europas mit diesem Klang des modernen Portugal verzaubern.
Zunächst ist Deolinda eine Familiensache von Pedro da Silva Martins und Luis José Martins. Pedro beginnt eine Karriere als Drehbuchautor beim Fernsehen, bevor er sich dazu entschließt, die veränderte Welt um ihn herum mit Musik zu beschreiben. Luis erlernt mit vierzehn das Gitarrenspiel und entwickelt dabei solch eine Meisterschaft, dass er schließlich gar den ersten Musikpreis für klassische Gitarre an einem Konservatorium in Frankreich gewinnt. Mit ihrer ersten gemeinsamen Gruppe – Bicho de Sete Cabeças – gelingt den Brüdern zu Beginn des Jahres 2000 ein viel beachteter Senkrechtstart. Schon bald stößt mit Ze Pedro Leitão ein Jazz-Bassist zu der fröhlichen Fado-Rock-Band. Was jetzt noch fehlt, ist ein Körnchen Verrücktheit. Die trägt zu guter Letzt Ana Bacalhau, die Cousine der Brüder Martins, bei. Ein amüsantes Mädchen, das mit dreizehn beschlossen hatte, «die beste Gitarristin der Welt» zu werden, ohne an dem Instrument wirklich begabt zu sein. Stattdessen wird sie Sängerin. Neben einem Studium als Archivarin beginnt sie zu singen und findet schnell Freude daran. Sie sammelt erste Erfahrungen in der portugiesischen Gruppe Lupanar, bevor sie von ihren Cousins angesprochen wird und mit ihnen und Bassist Ze Pedro Leitão zusammen das Quartett Deolinda gründet. Die Grundidee: die Klischees über Portugal und seine Musik über den Haufen zu werfen. Ihr Credo: Ergreifen und erglühen. Den Riffs der impulsiven Gitarre gegenüber den traurigen Arpeggios des Fado den Vorzug geben. Nicht zögern, die schleppenden Bässe erklingen zu lassen und sich nicht daran hindern lassen, zu tanzen. Sich von Samba, Sirtaki oder Ranchera hinreißen lassen.

Singen – das Leben und nicht der Tod.
Pedro da Silva Martins möchte in seinen Songtexten das heutige Lebensgefühl in Portugal, die Gefühle und Gedanken der Jugend wiedergeben. Als Sprachrohr dient dem ehemaligen Drehbuchautor dafür die imaginäre Gestalt Deolinda. Die filmreife Figur ist jung, ledig und lebt in einem Vorort von Lissabon mit ihrem Goldfisch und ihren beiden Katzen. Sie sitzt beobachtend am Fenster, erzählt vom Leben vorm Haus. «Ich könnte mit Deolinda verwechselt werden, da ich das einzige Mädchen der Gruppe bin, doch offen gesagt, verkörpert sie die ganze Gruppe», amüsiert sich Temperamentbündel Ana Bacalhau, bei der man sich auch nur schwer vorstellen kann, dass sie länger als ein paar Sekunden wie angewurzelt am eigenen Fenster sitzen bleibt.
Einen ersten Achtungserfolg erzielt die Gruppe Deolinda 2008 mit dem Titel ‚Canção ao Lado‘ (Das Lied von nebenan), der dank seiner unwiderstehlichen Ausstrahlung und eines ansteckenden Humors begeisterte Zuhörer findet. Kurz danach klettert das gleichnamige Album in obere Ränge der nationalen Charts, nach 22 Wochen erreicht er Platinstatus. 2009 zieht das Quartett nahezu eine Million Besucher in seine Konzerte, im Frühjahr 2010 erscheint dann das zweite Album «dois selos e um carimbo» in Portugal und hält sich über einen Monat an der Spitze der einheimischen Verkaufsstatistik. Jetzt ist das Ausnahmewerk auch hierzulande angekommen.

dois selos e um carimbo (Zwei Marken und ein Stempel)«Während der Diktatur musste ein Dokument immer zwei Marken und einen Stempel enthalten, um als amtlich anerkannt zu gelten», erklärt Ana. «Wenn wir unser zweites Album so genannt haben, dann geschah dies, weil wir zeigen wollten, dass wir unser Ziel erreicht haben und unsere Musik sowohl der Folkloretradition als auch dem Lebensgefühl des 21. Jahrhunderts genügt.» Luis ergänzt: «Wir müssen die Möglichkeiten der Gruppe bis an ihr Limit heranführen!» Mit «dois selos e um carimbo» wird die Formation ihrem künstlerischen Anspruch in jeder Note gerecht. Sie erschafft das perfekte Gleichgewicht zwischen der portugiesischen Tradition und aktueller europäischer Popmusik.
Dazu kommt, dass Deolinda diesmal noch amüsanter, ironischer und poetischer als beim Albumvorgänger ist. Man höre nur mal den ‚Fado Notário‘, eine irre komische Satire über eine «bürokratische Liebe zwischen Quittungen und Formularen». Sehr poetisch wird’s in der wunderschönen Ballade ‚Passou por Mim e Sorriu‘, in der der Songprotagonistin ihre Wohnung plötzlich viel schöner erscheint, sobald der Mann, der sie liebt, sie bei ihrer Begegnung anlächelt, bevor er geht.

Die neue Generation
Traditionelle Fadosängerinnen bieten ihre dramatische Kunstform oft reglos und tief in sich versunken auf einem Barhocker sitzend dar, «doch ich muss auf der Bühne ständig in Bewegung sein, muss verrückt sein und Spaß haben dürfen», erklärt Ana Bacalhau. Die Sängerin von Deolinda repräsentiert das Portugal unserer Tage, das die Seiten der Vergangenheit endgültig umgeblättert hat. Die Generation von heute, die von Deolinda, aber auch von Mariza oder Cristina Branco, ist die erste Generation, die die Diktatur nicht mehr selbst kennen gelernt hat. Wenn Lissabon in unserer gemeinsamen Vorstellung für lange Zeit eine herrlich träge Hafenstadt mit antiquiertem Charme geblieben ist, so wird sie für die jungen Bewohner des 21. Jahrhunderts zum aufgeschlossenen, sehr modernen Zentrum Portugals, zur Metropole ausgelassener Partys und anderer Vergnügungen. «Es gibt so viele Gründe, das Leben auf unsere Art positiv zu sehen», sagt Ana dazu, «unsere Musik muss nicht streng sein».

Ganz gewiss hat es die portugiesische Musik, selbst in ihrer düsteren Melancholie, sogar in gewissen Liedern von Amália immer verstanden, optimistische Akzente zu bewahren. Doch die wirkliche Wende geschah in den 1980er Jahren durch den Befreiungsakt von Sänger Antonio Variações. Von ihm wurde Deolinda stark beeinflusst. Nach dem Sturz von Diktator Salazar leistete er Pionierarbeit, als er den Fado modernisierte und in den Dienst der Gegenwartsprobleme stellte. Für Ana Bacalhau ist er derjenige, «durch den der Fado ‚cool‘ wurde, und zwar auf dem Weg, den wir jetzt beschreiten.»