Vinicio Capossela – Rebetiko Gymnastas

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Vinicio Capossela – Rebetiko Gymnastas

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Rebetiko_Cover
(Ponderosa, VÖ: 21.06.2013)
In unserer Zeit der Eurokrise, da viele Menschen geringschätzig auf das wirtschaftlich arg gebeutelte Griechenland hinabblicken, setzt Vinicio Capossela ein starkes Zeichen der Solidarität. Der Italiener produzierte sein mittlerweile vierzehntes Album auf Analogband in den berühmten Sierra Studios in Athen, wo auch Ofra Haza, Francis Ford Coppola, Ian Gillan, Milva, Cesaria Evora, Salif Keita und 50 Cent schon zu Aufnahmezwecken weilten; er lud Stars der griechischen Szene zur Mitwirkung ein und musizierte mit ihnen ausschließlich Stücke im Rembetiko-Stil.

Das Rembetiko gehört zum kulturellen Nationalerbe Griechenlands wie Plato, Sokrates und die Göttersagen, wie die Akropolis, Sirtaki und Ouzo. Eine Feierlichkeit ohne diese nationale Spielart der Folklore – für jeden Hellenen unvorstellbar! Die Geburtsstunde des Rembetiko war vor bald einhundert Jahren in Piräus und Thessaloniki. Rembetes, Flüchtlingsopfer der damaligen griechisch-türkischen Kriegsfehde, hatten 1922 dort eine neue Bleibe gefunden und vermischten in den Haschischkneipen der Seehäfen die mitgebrachte Folklore ihrer Heimatregion mit den Volksmusiktraditionen Griechenlands. Schnell wurde der Sound aus der Unterwelt zum Ausdrucksmittel für alle Zukurzgekommenen, die das Leben aus der Perspektive von ganz unten betrachten. Und noch heute handelt der „griechische Blues“, wie man das Rembetiko auch nennt, häufig von den Nöten und Erlebnissen der Underdogs.

Für „Rebetika Gymnastas“ hat Vinicio Capossela
vier Kompositionen neu in sein Repertoire aufgenommen. So spielt er hier etwa mit „Abbandonato“ seine freie Bearbeitung eines Titels aus der Feder des legendären argentinischen Liedermachers und Schriftstellers Atahualpa Yupanqui. Zudem covert er mit „Cancion de las simples cosas“ ein Lied, das auch Mercedes Sosa und Chavela Vargas einst sangen. „Rebetiko μου“ hat der 47-jährige eigens für dieses Album geschrieben, er widmet sich darin seinen ganz persönlichen Exerzitien zum Thema „Rembetiko“. Und „Misirlou“ schließlich ist einer der wenigen Rembetiko-Songs, die es zu Weltruhm gebracht haben, unter anderem lief der Genreklassiker im Soundtrack zu „Pulp Fiction“.

Neben diesen Neuentdeckungen interpretiert Capossela mehrere Songs seiner früheren Alben im Rembetiko-Format. „Contrada Chiavicone“ beispielsweise war zuerst auf „Il ballo di San Vito“ (1996) zu hören, „Con una rosa“ stammt von „Canzoni a manovella“ (2000), und „Gymnastika“ vom sowjetischen Schauspieler, Sänger und Dichter Wladimir Myssozki kennt man ursprünglich vom Konzertmitschnitt „Solo Show Alive“ (2009). Findige Hörer werden darüber hinaus einen kuriosen „ghost track“ entdecken … (Spoiler alarm! Es handelt sich bei der kleinen Überraschung um eine italienisch-griechische Neufassung von Tony Dallaras Evergreen „Come prima“.)

Im Tonstudio durfte Vinicio Capossela namhafte griechische Instrumentalisten begrüßen. So unterstützten ihn bei der Einspielung etwa die Rembetiko-Größen Ntinos Chatziiordanou (Akkordeon), Vassilis Massalas (an der Baglamas, einer Miniaturversion der Bouzouki mit drei Doppelsaiten) und Socratis Ganiaris (Perkussion). Auch der gefragte Bouzouki-Solist Manolis Pappos, der bereits mit den Komponisten Mikis Theodorakis und Stavros Xarchakos sowie Popsängerin Eleftheria Arvanitaki zusammengearbeitet hat, ließ es sich nicht nehmen, zum Studio-Stelldichein vorbeizuschauen. Dazu kamen dann mit US-Gitarrist Marc Ribot und Sangesikone Kaiti Ntali noch zwei „special guests“.

Vinicio Capossela erblickte 1965 in Hannover das Licht der Welt, doch schon kurz nach der Geburt ging seine Familie mit ihm zurück nach Italien. Musikalisch wurde er dort zunächst vom volkstümlichen Liedgut in Kampanien an der Westküste der Stiefelhalbinsel geprägt, später entdeckte er die Welt der angloamerikanischen Singer/Songwriter für sich. Die ersten Einspielungen unter eigenem Namen standen ganz im Zeichen von On-the-road-Mythen, wie man sie in den Büchern von Jack Kerouac und Charles Bukowski antrifft. Zudem war damals auch der Einfluss von Louis Prima und Caposselas Landsmann Renato Carosone („Tu vuò fà l’americano“) schon spürbar. Mit den Jahren wurden dann die eigenen Wurzeln stetig wichtiger, nahm die heimische Musiktradition immer breiteren Raum ein.

Bis dato hat „Italiens faszinierendster Musikreisender“, so das britische Musikmagazin Mojo, insgesamt vierzehn Studio- und Live-Alben veröffentlicht. 1990 erschien sein Debüt „All’una e trentacinque circa“, für das es gleich den angesehenen Tenco-Preis gab. Auf „Il ballo di San Vito“ begann 1996 Vinicio Caposselas fruchtbare Zusammenarbeit mit dem New Yorker Gitarristen Marc Ribot, die bis heute andauert. Erwähnenswert wären darüber hinaus das auf Platz eins der italienischen Charts eingestiegene Album „Ovunque proteggi“ von 2006 sowie das 2008 mit Platin veredelte „Da solo“. Mit „Marinai, Profeti e Balene“ legte der Cantautore 2011 dann eines der ambitioniertesten Werke seiner Karriere vor, angeregt wurde dieses Doppelalbum von Romanklassikern über das Meer und die Seefahrt. Und nun also „Rebetiko Gymnastas“, ein nicht weniger ehrgeiziges Projekt. Vinicio Capossela verbeugt sich hier musikalisch vor der Kulturnation Griechenland und allem, was sie von der Antike bis heute zur Entwicklung der Zivilisation beigetragen hat. In der Eurokrise mag das Volk der Hellenen bislang nicht gerade die beste Figur abgegeben haben, Rembetiko und all den anderen, teils Jahrtausende alten Kulturschätzen vom Peloponnes kann das freilich nicht viel anhaben, sie haben schon ganz andere Kalamitäten unbeschadet überdauert.