Roland Münch – Die Orgel der Prinzessin Anna Amalia von Preussen

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Roland Münch – Die Orgel der Prinzessin Anna Amalia von Preussen

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RolandMünch_N 67-088 (Crystal Classics, VÖ: 01.01.2012)
Über Leben und Werk des Orgelbauers Johann Peter Migend(t) sind nur spärliche Nachrichten überliefert. Selbst Ernst Flade vermochte in seinem Orgelbauer-Lexikon nur anzugeben: „geb. um 1700 in Birthelm (Siebenbürgen), gest. nach 1764 in Berlin. 1738 erster Gehilfe beim Orgelbauer Joachim Wagner in Berlin.“ Die von Migend gebauten Orgeln sind Opfer der Zeiten und des Zweiten Weltkriegs geworden bis auf ein einziges Werk: die Orgel, die er für die musikbegeisterte Schwester König Friedrichs II., die Prinzessin Anna Amalia (1723 -1787) baute. Als Orgelspielerin war Anna Amalia sicherlich unbedeutend, ihre Migend-Orgel aber kannte auch Carl Philipp Emanuel Bach, wird darauf gespielt haben und möglicherweise ist die klangliche Disposition dieses Instruments in die Komposition seiner Orgelsonaten eingeflossen.

Das Werk wurde 1756 vollendet. Nach dem Tode Anna Amalias kam die Orgel auf Veranlassung der Familie des Grafen Voß in die Schlosskirche nach Wendisch-Buch bei Berlin. Hier wurde sie erst 1934 wiederentdeckt. Zunächst war sie vorgesehen als Zweitorgel für St. Nicolai und wurde deshalb 1936 in Buch ausgebaut, aber Gehäuse und Prospektpfeifen nach St. Marien gebracht, alles übrige bei der Firma Schuke in Potsdam eingelagert. Das erwies sich als glücklicher Umstand, denn beide Kirchen, die Schlosskirche Buch und St. Nicolai wurden Opfer des Luftkriegs. Die Kirchengemeinden St. Marien/St. Nicolai schenkten die Orgel der Gemeinde Karlshorst, wo sie seit 1960 wieder spielbar ist.
Drei Komponisten vertreten in der vorliegenden Aufnahme die Berliner Orgelmusik der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts: Carl Philipp Emanuel Bach (1714 – 1788), Johann Philipp Kirnberger (1721 -1783), ab 1754 bis zu seinem Tode bei Anna Amalia als Kapellmeister und ihr Lehrer angestellt, und Wilhelm Friedemann Bach (1710 – 1784).
Die auf dieser CD vertretenen Komponisten des 19. Jahrhunderts waren zu ihrer Zeit durchaus anerkannte Autoritäten und nicht nur bezüglich ihrer Orgelkompositionen.
Hans von Bülow schreibt über Friedrich Kiel (1821 – 1885) folgendes Charakteristikum: „Kiel hat mit Arbeiten debütiert, die eine solche Reife des Geistes, einen so seltenen Fonds des Wissens und Könnens offenbaren, dass die Unbekanntschaft mit denselben nur einem Dilettanten zu verzeihen ist.“ Bülow stellt Kiel in die erste Reihe der bedeutendsten Kontrapunktisten und nennt ihn den würdigen Schüler Bachs und Beethovens.
Karl August Haupt (1810 – 1891) lehrte am Königlichen Institut für Kirchenmusik. Seine Orgelschule war lange Zeit unter den führenden Lehrwerken. Im Tonkünstler-Lexikon von Freiherr von Ledebuhr (1861) steht: „…selten versäumen es fremde Künstler, wenn sie nach Berlin kommen, ihn seines vortrefflichen Spiels Bach’scher Kompositionen wegen aufzusuchen.“
Während die Chor- und Kammermusik Friedrich Kiels wieder neu entdeckt wird, sind die Opern, Oratorien, Klavierstücke und Lieder von Adalbert Ueberlée (1837 – 1897) völlig vergessen. Er war königlicher Musikdirektor, Gesangslehrer, Organist und Kantor in Berlin. Studiert hatte er ebenfalls am Königlichen Institut für Kirchenmusik und an der Akademie und gewann sogar Kompositionspreise.
Otto Dienel (1839 – 1905), seit 1869 Organist der Marienkirche, ausgebildet am Königlichen Institut für Kirchenmusik und der Akademie, ist ein Komponist, dessen Lebenswerk neben einigen Männerchören fast ausschließlich der Orgel galt.

Dr. Wolfgang Goldhan