Ravi Coltrane – Spirit Fiction

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Ravi Coltrane – Spirit Fiction

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Ravi250 (EMI Blue Note, VÖ: 15.06.2012)
Saxophonist Ravi Coltrane, der für die „unergründliche Schönheit” (DownBeat) seiner Musik ebenso gepriesen wird wie für seinen „von der Tradition geformten, doch niemals von ihr überlasteten Stil” (Philadelphia City Paper), nimmt mit seinem Blue-Note-Records-Debüt Spirit Fiction einen großen und kühnen Schritt in seiner kreativen Laufbahn.
Spirit Fiction wartet mit zwei verschiedenen Besetzungen auf, von denen jede durch ihre ganz eigene expressive Dringlichkeit besticht. Einige Stücke entstanden mit Coltranes langjährigem Quartett, bestehend aus dem Pianisten Luis Perdomo, dem Bassisten Drew Gress und dem Schlagzeuger E.J. Strickland. Zudem formierte Coltrane ein Quintett mit dem Trompeter Ralph Alessi, der Pianistin Geri Allen, dem Bassisten James Genus und dem Schlagzeuger Eric Harland, das in dieser Zusammensetzung bereits auf dem aus dem Jahr 2000 stammenden hoch gepriesenen Album From The Round Box, seinem zweiten Studioalbum, zu hören war.

„Diese Besetzung hatte etwas an sich – ich wusste, ich würde noch einmal darauf zurückgreifen wollen“, erklärt Coltrane. „Die Energien der beiden Bands auf Spirit Fiction sind einzigartig. Die Songs, die mit dem Quintett entstanden, sind viel lockerer, wohingegen das Quartett bereits seit mehr als zehn Jahren gemeinsam spielt und seinen ganz eigenen Sound entwickelt hat.“

Joe Lovano, selbst seit den frühen 1990ern ein Künstler von Blue Note, fungierte als Produzent der Quintett-Sessions. Zudem spielt Lovano mit seinem Tenorsaxophon in der explosiven Version von Ornette Colemans „Check Out Time“ (aus Colemans 1968er Blue-Note-Album Love Call) mit.

„Ich habe bis auf mein erstes Album Moving Pictures, das Steve Coleman produzierte, eigentlich alle meine Alben selbst produziert“, merkt Coltrane an. „Joe war bei diesem Projekt ein sehr hilfreicher Produzent. Außerdem ist er seit mehr als 20 Jahren eine feste Größe in meinem Leben: Das erste Album, auf dem ich ihn hörte, war Monk In Motian, mit Geri Allen.“ Lovano begleitet Coltrane und Allen zudem bei einer feinfühligen Interpretation von Paul Motians „Fantasm“.

Ravi Coltrane, der der Blue Note 7 Besetzung anlässlich des 70-jährigen Jubiläums von Blue Note angehörte (dokumentiert auf dem Album Mosaic von 2009), ist glücklich, nun fest zum Artist Roster von Blue Note zu gehören. “Bruce Lundvall hat meine Arbeit, und vor allem dieses Projekt, sehr unterstützt. Ich fühle mich geehrt, bei Blue Note unter seiner Obhut zu sein. Er ist ganz musikbesessen, was natürlich unglaublich hilfreich ist. Er setzt das Erbe von Alfred Lion fort, für den die Musik immer zuerst kam und der kein Risiko scheute.“

Den Albumtitel erklärt Coltrane folgendermaßen: „Spirit Fiction ist eine Art abstrakte Redewendung, die mir irgendwie in den Sinn kam. Ich fand, dass es gut passte zu der vielschichtig übereinender gelagerten Qualität des Titelstücks. Ich fand auch, dass es eine leise Anspielung ist an die ‚Wissenschaft‘, die in den Aufnahmen dieses Stücks steckt. Und letztendlich bezieht es sich auch auf die Idee, einfach die Vorstellungskraft erfassen zu wollen.“

Das Titelstück mit dem mysteriösen Groove ist, wie Coltrane erklärt, ein „Mashup”: „Technisch gesehen werden hier mehrere Aufnahmen übereinander gelegt. Die eine Hälfte des Quartetts hat bei den Aufnahmen eine vorgegebene Marschrichtung, dann kommt die andere Hälfte, und die kann eigene Wege einschlagen. Hier geht es weniger darum, etwas zusammenzuführen, als sich vorzustellen, wie die einzelnen Elemente korrespondieren könnten. Das Interessante daran ist, dass die Art und Weise, wie wir das Stück gespielt haben, gar nicht so stark abweicht von der Art, wie wir vier sonst traditionell spielen.”

Der 1965 auf Long Island geborene Ravi ist der zweite Sohn von John und Alice Coltrane. Sein Vater, der 1957 seinen Meilenstein Blue Train für Blue Note aufnahm, starb, als der Junge zwei Jahre alt war. Alice, selbst eine bekannte Komponistin und Pianistin, zog ihn an der Westküste auf und erwies sich selbst als perfektes musikalisches Role Model. Noch drei Jahre vor ihrem Tod im Jahr 2007 nahm sie ihr Album Translinear Light auf, bei dem Ravi als Produzent und Musiker mitwirkte.

Zurück in New York. Maßgebliche Zusammenarbeiten mit Elvin Jones, Wallace Roney und Steve Coleman verhalfen Ravi Coltrane Mitte der 1990er, sich einen Namen als Leader zu machen. Den Alben Moving Pictures (1998) und From The Round Box (2000) folgten Mad 6 (2002), In Flux (2005) und Blending Times (2009). Zudem spielte er mit Künstlern wie McCoy Tyner, Jack DeJohnette, Jeff ‚Tain‘ Watts und Flying Lotus (a.k.a. Steven Ellison, Ravis Cousin), fungierte zudem neben Lovano und Dave Liebman als Co-Leader des Saxophone Summit.

Spirit Fiction klingt wie die musikalische Essenz all dieser verschiedenen und reichhaltigen Erfahrungen. Der Opener, „Roads Cross” ist ein improvisiertes Quartettstück mit einem sehr subtilen Aufbau: „Wir spielen als zwei Duos, jedes hat seine eigene, wechselwirksame Agenda, was Puls und Tempo betrifft. Die Richtungen überlappen und überschneiden sich auch mal, alles ist in konstanter Bewegung – dadurch hoffe ich, eine gewisse Energie und Ganzheitlichkeit zu erschaffen.“ Auch auf einem späteren Song, „Cross Roads”, verfolgt das Quartett dieselbe improvisatorische Grundidee, wenn auch mit erstaunlich anderem Ergebnis.

An das Drum- und Tenorsaxophon-Duett „Spring & Hudson” erinnert sich Coltrane wie folgt: „Ich spiele immer sehr gerne Duette. Ich habe vorher eine sehr einfache Form skizziert, mit ein paar Bögen und Breaks, von denen ich dachte, es könnte Spaß machen, sie in dem Kontext zu spielen. Während wir spielten saßen E.J. und ich uns direkt gegenüber, so entsteht eine ganz andere Energie. Dieses Stück ist eine Reverenz an die Halbnote. Die winzige Bühne über der Bar zwang die Musiker regelrecht, einander ins Gesicht zu schauen, und diese Nähe hat einen unglaublich starken Einfluss darauf, wie die Musiker zusammen spielen.“

Auf den Titel “the change, my girl” kam Ravi in einem Traum: „In diesem Traum waren Leute bei einer Session und irgendjemand sagte‚ ‚Lasst uns doch “the change, my girl.” spielen‘. Meine Reaktion war: ‚Ok, super‘. Im Traum war es einfach ein Song, den wir alle gut kannten. In der Ballade werden verzögerte Vocals und harmonische Rhythmen so eingesetzt, dass man spürt, dass man Dinge von mehr als nur einer Seite her betrachten kann.” Das feurige, vom Sopransaxophon dominierte „Marilyn & Tammy” ist nach Coltranes Tante, der Songwriterin Marilyn McLeod und deren verstorbener Tochter Tamra Ellison benannt. „Marilyn schrieb für Anita Baker ‚Love Hangover‘ und ‚Same Ole Love‘, sie war in den 70ern bei Motown unter Vertrag. Sie und Tammy waren wie beste Freunde, und dieser Song erinnert mich an ihre gemeinsame Energie.”

Auf Spirit Fiction finden sich auch drei erstaunliche Stücke von Ralph Alessi, mit dem Ravi seit Jahren musikalisch verbunden ist. „Ich bewundere Ralphs Kompositionen. Ich habe immer sehr gerne seine Songs gespielt und natürlich wollte ich auch welche aufnehmen. Ich sagte ihm, was ich vorhatte und fragte, ob er etwas Passendes für mich habe.“

Zudem hören wir auf dem Album die kompositorischen Stimmen von Paul Motian und Ornette Coleman, und nichts könnte passender sein, als dass der verstorbene Saxophonist Dewey Redman, ein weiterer bemerkenswerter Wegbereiter für Ravi, sowohl auf Ornettes „Check Out Time“ als auch auf Motians unter die Haut gehendem „Fantasm” (von Keith Jarretts Byablue) zu hören ist.

Eine sehr persönliche Hintergrundgeschichte dieses Albums betrifft die Bitte von Ravi an Joe Lovano, einen Song von Paul Motian auszuwählen. Letzterer war nur knapp vier Wochen vor Beginn der Quintett-Sessions verstorben. Lovano schlug „Fantasm“ vor, denn dieses Stück hatte er auf Motians 1981er Album Psalm eingespielt. „Ich dachte, das ideale Umfeld wäre wohl ein Trio mit Geri und Joe”, erklärt Coltrane. „Ich finde, zwei Tenorsaxophone klingen einfach wunderbar und bei Geri weiß man immer, dass man etwas wirklich Einzigartiges zu hören kriegt, wie sie die anderen unterstützt. Es war für mich eine echte Ehre, mit Geri und Joe Musik von Paul spielen zu dürfen.“

Ravi Coltrane bringt genau jenes historische Bewusstsein mit, das aus einem talentierten Musiker eine wirklich große Persönlichkeit macht. Weniger belastet denn beflügelt von dem jazzhistorisch schweren Erbe seiner Eltern, hat er sich längst all seine anderen Helden von Ornette Coleman bis Paul Motion mit großer Empathie einverleibt und sich zu einer führenden Figur des modernen Jazz emporgeschwungen. Dabei setzt er ebenso klug wie intuitiv die Geschichte des Jazz im Spiegel unserer Zeit fort und schlägt uns mit seinen elegischen und fesselnden Ausführungen in den Bann. Spirit Fiction im besten Sinne.