Richard Galliano – New Jazz Musette

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(Ponderosa/edel Kultur, VÖ: 24.02.2017)

Mit “New Jazz Musette” feiert Richard Galliano standesgemäß sein dreißigjähriges Jubiläum als Plattenkünstler. Mitte der 80er Jahre leitete er sein eigenes, erstklassig besetztes New Musette Quartet und veröffentlichte mit dessen tatkräftiger Unterstützung das Debüt “Spleen”. Sein aktuelles Doppelalbum erinnert daran, und auch diesmal stehen ihm Topleute zur Seite. Der Franzose konnte befreundete Kollegen ersten Ranges gewinnen, mit denen er bereits früher in anderen Zusammenhängen musiziert hat. So machte er etwa mit dem Gitarristen Sylvain Luc (Georges Moustaki, Wynton Marsalis, Jacky Terrasson) bereits in den 90er Jahren gemeinsame Sache, 2015 brachten die beiden als Duo die Edith-Piaf-Hommage “La Vie en Rose” auf den Markt. Bassist Philippe Aerts (Chet Baker, Lee Konitz, Charlie Mariano) ist seit langem Mitglied von Gallianos Trios und Quartetten in diversen Line-ups. Und Schlagzeuger André Ceccarelli schließlich bildete häufig das rhythmische Rückgrat in diesen Gruppen, außerdem stand er mit Größen wie John McLaughlin, Stan Getz, Sting und Tina Turner im Tonstudio bzw. auf der Konzertbühne.

Auf “New Jazz Musette” interpretiert diese bestens harmonierende Spitzenbesetzung nun achtzehn bekannte Titel aus Gallianos Feder, der Akkordeonmeister hat dafür Lieblingsstücke wie “Laurita”, “Tango pour Claude” und “Spleen” ausgewählt. Im Laufe seiner Karriere hat er diese Eigenkompositionen immer wieder neu gedeutet, und auch diesmal sind ihm und seinen Mitstreitern überraschende und frische Neufassungen eingefallen.

Einmal mehr entlockt Galliano seinem Instrument Klänge, die niemand für möglich gehalten hätte. In einem Moment phrasiert er das Knopfakkordeon wie ein Saxophon, im nächsten swingt es wie eine Hammond B3, mal zaubert er ganz zarte Töne hervor, dann wieder schwillt der Sound zur Mächtigkeit einer Kirchenorgel an. Galliano glänzt hier mit einer spielerischen Sicherheit und Virtuosität, wie sie nur sehr wenige beherrschen. Scheinbar anstrengungslos meistert er schwierigste Passagen. Egal wie vertrackt die Stücke auch gesetzt sind, bei ihm wirken sie immer ganz leicht.

Richard Galliano erblickte am 12. Dezember 1950 in Le Cannet nahe Cannes das Licht der Welt. Sein Vater, der italienischstämmige Luciano Galliano, führte ihn bereits mit vier Jahren behutsam ans Akkordeonspiel heran. Später kamen noch Posaune, Klavier, Bandoneon und Accordina (eine Art Melodica mit Knopftastatur) hinzu, darüber hinaus nahm Richard Unterricht in Harmonielehre, Kontrapunkt und Komposition an der Musikakademie Nizza. Das Akkordeon blieb jedoch immer sein Hauptbetätigungsfeld. Schon im Kindesalter war er so begeistert von dem Instrument, dass er einmal sogar versuchte, sich eins aus Papier zu bauen. Als er dreizehn war, verkaufte seine Großmutter ein Grundstück aus ihrem Besitz und gab ihm den Erlös, damit er sich eines der legendären Victoria-Modelle aus Italien zulegen konnte. Dieses Akkordeon spielt er bis zum heutigen Tag unverändert, sogar die Stimmzungen sind noch im Originalzustand. Galliano liebt das Instrument, seiner Meinung nach hat es “eine unheimliche Power” (O-Ton).

Aber zurück zu den Anfängen. Mit zehn Jahren hörte Galliano zum ersten Mal Art van Damme, den wegweisenden Jazzakkordeonisten, und hatte prompt ein Erweckungserlebnis. Wie eine Offenbarung war diese erste Begegnung mit dem Jazz. Als er dann als Teenager auch noch Trompeter Clifford Brown für sich entdeckte und eifrig dessen Soli auf dem Akkordeon imitierte, stand der Berufswunsch fest: Richard wollte unbedingt Jazzer werden. Anfang der 70er Jahre ging der junge Mann nach Paris, wo er sich als Jazz-Instrumentalist, Arrangeur und Komponist schnell einen Namen machte. Schon bald kam es zu Kreativbegegnungen mit Landsleuten wie Juliette Gréco, Charles Aznavour und Serge Gainsbourg. 1983 wurde seine künstlerische Entwicklung dann durch ein Treffen mit Astor Piazzolla in eine etwas andere Richtung gelenkt. Der Argentinier übertrug ihm damals die erste Bandoneonstimme in einer Aufführung seines “Sommernachtstraums” und riet ihm im Gespräch hinter der Bühne, seinen amerikanischen Jazzstil abzulegen und sich stattdessen mehr auf die französische Herkunft, insbesondere den Volkstanz Musette zu besinnen: “Erschaffe einen ‘Musette Neuve’-Stil, so wie ich den ‘Tango Nuevo’ erfunden habe.”

Diese Anregung fiel auf fruchtbaren Boden. In der Folgezeit studierte Galliano systematisch das traditionelle Repertoire der Heimat, all die Javas, Valse-Musettes und andere Modetänze der jüngeren französischen Geschichte, und kombinierte die mit seiner Jazzleidenschaft zu einem unverwechselbaren, absolut einzigartigen Personalstil. Zur Perfektion ausgereift stellte er den 1991 auf dem treffend betitelten Album “New Musette” vor. Diese Neuschöpfung brachte ihm kurz darauf den renommierten “Prix Django Reinhardt” ein und spätestens seit diesem Zeitpunk gilt Galliano als der Neuerer der Musette. Was Anfang des 20. Jahrhunderts in den Außenbezirken von Paris im Milieu heimwehkranker Arbeitsmigranten entstanden war, erhielt von ihm eine zeitgemäße Ausformung für heutige Hörer. Immer wieder gelang es ihm, die Musette neu und abwechslungsreich zu gestalten.

Mitte der 90er Jahre wuchs Gallianos Reputation zunehmend im Ausland, woraus sich viele internationale Kooperationen ergaben. Unter anderem arbeitete er mit Ron Carter, Chet Baker, Charlie Haden, Gary Burton und Jan Garbarek zusammen. Die dabei gesammelten Eindrücke machten sein Akkordeonspiel noch vielseitiger. Galliano reicherte seine Musik nun auch mit Tango-, Bossa- und Salsaelementen an, und er öffnete es sogar für den Klassiksektor. Im Auftrag der sagenumwobenen Plattenmarke Deutsche Grammophon gab er in den letzten Jahren mehrere Alben mit Werken von Bach, Vivaldi und Mozart heraus. Im Scherz erläuterte er 2010 den ersten Ausflug ins Klassikgebiet folgendermaßen: “Für mich ist Bach der größte Akkordeon-Komponist.”

Über fünfzig Alben unter eigenem Namen und unzählige Auftritte als Gastmusiker stehen bis heute in der Diskographie. Bei aller Unterschiedlichkeit haben die eines gemeinsam: Sie sind das klingende Zeugnis für Gallianos Ehrenrettung des Akkordeons. Lange Jahrzehnte hatte sein Instrument einen schlechten Ruf, es wurde als “Schifferklavier”, “Quetschkommode” und “Heimatluftkompressor” beleidigt, galt als hoffnungslos vorgestrig. Keiner hat das Akkordeon so wie Richard Galliano von diesem Image befreit. Er hat den Staub der Vergangenheit entschlossen weggeblasen und das Akkordeon wieder in die Familie allseits anerkannter Instrumente zurückgeführt.

Webseite:www.richardgalliano.com

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