Ludovico Einaudi – Taranta Project

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Ludovico Einaudi – Taranta Project

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LudovicoEinaudi_TarantaProject (Ponderosa, VÖ: 08.05.2015)

Erste Erfolge feierte Ludovico Einaudi als Komponist von Orchesterwerken, Bühnenmusiken sowie Kino- und TV-Soundtracks, weltberühmt wurde er dann allerdings Mitte der 90er Jahre mit seinen Solo-Klavierprogrammen. Auf unzähligen Konzertbühnen, Live- und Studioalben wie etwa „Le Onde“ und „I Giorni“ erschuf er an den schwarzen und weißen Tasten einen meditativen Ambient-Sound zum Wohlfühlen. Unter den Zuhörern rund um den Erdball fand seine beruhigende und introspektive Pianomusik, in der er Einflüsse von Erike Satie über Philip Glass bis zu Didier Squiban verarbeitet, schnell eine treue Gefolgschaft.

Der Absolvent des Conservatorio Giuseppe Verdi in Mailand, der von Avantgardist Luciano Berio im Fach „Orchestration“ unterrichtet wurde, begann seine Karriere im Klassiksektor, im Laufe der Jahre griff er jedoch immer mehr auf Zutaten aus Pop, Rock und Weltmusik zurück. Von Arbeit zu Arbeit überraschte er seine Fans mit neuen Stilelementen. Mit seinem „Taranta Project“ beschreitet der gebürtige Turiner jetzt einmal mehr neue Wege. Sein jüngstes Album widmet er der im südlichen Italien sehr populären Folkloreform „Taranta“, die bei uns einst in der Verkleinerungsform „Tarantella“ bekannt wurde. Der Sage nach geht diese Spielart auf einen alten Volksglauben zurück, wonach beim Biss einer Tarantel nur eine Gegenmaßnahme hilft: Tanzen. Trägt man das Gift der Spinne erst mal in sich, sollen einzig und allein wilde Bewegungen zur Musik, am besten über Stunden hinweg, Heilung bringen. Die Redensart „wie von der Tarantel gestochen“ erinnert an die in früheren Zeiten gängige Behandlungsmethode, an deren Wirkung inzwischen freilich niemand mehr glaubt. Als Heilverfahren wird die Tanzkur den Opfern von Spinnenbissen schon lange nicht mehr verordnet, als kulturelles Phänomen hat sie sich dagegen bis heute erhalten.

Auf Einaudis farbenprächtigem und feurigem neuen Album steht die Taranta im Mittelpunkt des Klanggeschehens, der 59-jährige beschränkt sich jedoch nicht darauf. Es geht ihm ja nicht allein um die Bewahrung des reichen Erbes sondern auch um eine zeitgemäße Weiterentwicklung. Er will das Alte mit neuen Ideen fortführen, es lebendig halten und so auch für ein junges Publikum interessant machen. Deshalb gruppiert er hier um die Taranta herum Ausdrucksformen aus diversen anderen Musikgattungen. Unter anderem treffen wir auf afrikanische Koraklänge, arabischen Gesang und Rockiges von heute („Nazzu Nazzu“), auf Popmelodien („Nuvole Bianche“) und cineastische Streicher („Choros“).

Eingespielt hat der Spross einer angesehenen italienischen Familie all das mit Solisten aus der Heimat, dem Filmorchester Rom und internationalen Gästen. Die beteiligten Landsleute Einaudis (Antonio Castrignanò, Enza Pagliara, Alessia Tondo, Mauro Durante u.a.) stammen zumeist von der Halbinsel Salento, die man aufgrund ihrer Lage im Südosten Italiens auch gern als „Absatz des italienischen Stiefels“ bezeichnet. Dort spricht man nicht nur eine ganz eigene Mundart mit auffallend offenen Vokalen, auch die Taranta bzw. Tarantella hat in der Region ihren Ursprung. Zu den salentinischen Sängern und Instrumentalisten gesellen sich dann noch Gäste aus dem Ausland, darunter Perkussionist/Flötist Mercan Dede aus der Türkei, der englische Gitarrist Justin Adams (Robert Plant, Brian Eno, Sinead O’Connor), der Griot-Musiker Juldeh Camara aus Gambia und der albanische Cellist Redi Hasa. Koraspieler Ballaké Sissoko aus Mali, mit dem Einaudi 2003 anlässlich einer Albumproduktion erstmals zusammenarbeitete, ist ebenfalls mit von der Partie.

Der Grundstein fürs „Taranta Project“ wurde übrigens bereits 2010 gelegt. Damals bat man Ludovico Maria Enrico Einaudi, so der vollständige Name, das Festivalorchester von „La Notte della Taranta“ zu dirigieren (vor ihm hatten schon Police-Drummer Stewart Copeland (2003) und Fusionjazzer Joe Zawinul (2000) das Amt des „Maestro Concertare“ bekleidet). Nachdem er als musikalischer Leiter des vierzehntägigen Open-Air-Sommerfestes in der Provinz Apulien fungiert hatte, ging Einaudi mit den Mitwirkenden auf Tournee, und an deren Ende stand für alle fest, dass die gemeinsam erschaffene Musik unbedingt auf einem Album festgehalten werden musste. Dieses Album liegt inzwischen vor und begeistert in epischen Kompositionen und visionären Arrangements mit einer modernen, grenzüberschreitenden Taranta-Variante. So muss Regionalfolklore im Zeitalter der Globalisierung klingen!

ludovicoeinaudi.com