Jesse Harris – Feel

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Jesse Harris – Feel

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(Ponderosa, VÖ: 30.01.09)
Sein Name ist vielleicht noch nicht jedem Musikfan hierzulande vertraut, seine Musik hat a-ber wohl jeder schon mal gehört. Zumindest dann, wenn man die phänomenale Karriere von Norah Jones ein wenig verfolgt hat. Der US-Sängerin verhalf Jesse Harris 2002 mit der Smash-Single „Don’t Know Why“ zum internationalen Durchbruch, für das Multiplatin-Debüt „Come Away With Me“ schneiderte er der Landsmännin vier weitere Ausnahmestücke auf den zierlichen Leib. Doch nicht nur Miss Jones profitierte von seiner Begabung als Liedautor, Kollegen wie Pat Metheny, Lizz Wright und Madeleine Peyroux nahmen die Schützenhilfe des Grammy-Gewinners ebenfalls gern in Anspruch. Einen besonderen Coup landete Jes-se Harris zudem im Jahr 2007, als Schauspieler Ethan Hawke ihn bat, ein wenig Filmmusik für seine Regiearbeit „The Hottest State“ zu schreiben. Am Ende verfasste der gebürtige New Yorker sämtliche achtzehn Titel, und Größen wie Willie Nelson, Emmylou Harris, Cat Power, Feist, die Bright Eyes und Norah Jones rissen sich darum, diese für den Soundtrack einzusingen. Wahrlich ein gefragter Songwriter!
Bei so vielen Auftragsarbeiten und Fremdfassungen seiner Songs wird etwas Wesentliches manchmal vergessen: Jesse Harris ist ein hervorragender Sänger/Gitarrist in his own right. Die Weltöffentlichkeit nahm erst mit Norah Jones‘ Megaerfolg Notiz von ihm, die Anfänge seiner Musikerlaufbahn reichen jedoch viel weiter zurück. Seit 1995 veröffentlicht der Mann mit der auffälligen Brille schon im Alleingang, gemeinsam mit Rebecca Martin (unter dem Gruppennamen Once Blue) und mit seiner Begleitcombo ‚The Ferdinandos’ am laufenden Band exzellente Alben.

„Feel“ setzt die lange Reihe nun ebenbürtig fort. Album Nummer sieben hält mühelos das gewohnte Qualitätsniveau, dabei stand die Produktion weiß Gott nicht gerade unter einem günstigen Stern. Aufgrund seiner zahlreichen Verpflichtungen blieb Harris nur wenig Zeit für Studiotermine in eigener Sache, wie er sich schmunzelnd erinnert: „Wir haben das komplette Album in nur drei Tagen aufgenommen. Und zwar ganz ohne Proben. Ich war gerade von einer Reise zurückgekehrt, trommelte alle im Studio zusammen, hab den Jungs jeden Song einmal vorgespielt, nahm alles mit ihnen auf und verließ die Stadt wieder.“ Bei diesen Pro-duktionsbedingungen verwundert es nicht, dass „Feel“ schließlich zum spontansten Projekt in Harris‘ künstlerischer Vita wurde. „Zum Teil liegt das einfach daran, dass ich zur selben Zeit so viele andere Sachen zu tun hatte. Insbesondere meine Arbeit an ‚The Hottest State‘ nahm mich total in Beschlag. Es war solch ein riesiges Unterfangen, dass mir lange schleier-haft blieb, wie ich zusätzlich auch noch das neue Album in Angriff nehmen sollte. Ganz ehr-lich, kurz vor der Produktion war ‚Feel‘ noch in jeder Hinsicht offen. Ich wusste nicht, welche Musiker ich dafür heranziehen sollte, ebenso hatte ich mir keine Gedanken über die Ton-techniker und den Aufnahmeort gemacht.“

Im vorliegenden Fall war keine Zeit für große Planungen, dennoch nahm „Feel“ im Vorfeld in Jesse Harris bereits unbewusst Gestalt an. In den Wochen vor der Albumeinspielung be-schäftigte sich der Amerikaner verstärkt mit brasilianischer Musik, und nachdem er bei der Produktion von Sasha Dobsons „Modern Romance“ (für sein eigenes Plattenlabel Secret Sun Recordings) den herausragenden Perkussionisten Mauro Refosco kennen lernte, spürte er deutlich, dass ihn sein Weg diesmal zu mehr ethnischen Elementen führen würde. „Mauro und ich sprachen darüber, das Ganze mit brasilianischen Musikern in Rio einzuspielen, aber je mehr wir daran arbeiteten, umso klarer wurde, dass das nur ginge, wenn ich New York verließe und für ein paar Monate ‚dort unten‘ bliebe.“

Das hätte weiterer Vorbereitungen und zeitraubender Reisen bedurft, weshalb man letztlich beschloss, die Studiosessions doch besser in der Nähe von Harris‘ Wohnort, nämlich in den LoHo Studios an der Lower East Side, anzuberaumen. Im Nachhinein betrachtet eine weise Entscheidung, denn entgegen der ursprünglichen Absicht, sich vornehmlich an brasiliani-schen Sounds und Rhythmen zu orientieren, entwickelte sich das Album schließlich in alle möglichen Richtungen, frei von vorgefassten Meinungen und Konzepten.

Als die Rohfassung stand und Jenny Scheinman, eine langjährige Freundin und die heißeste Geigerin in New Yorks aktueller Jazzszene, vorbeischaute, um einige Parts hinzuzufügen, dämmerte Jesse Harris allmählich, dass etwas Unerwartetes im Entstehen begriffen war. „Es ist anders als alles, was ich bisher gemacht habe, insofern als es den rockorientierten Ferdi-nandos-Geist mit den kreativen und nachdenklichen Momenten von ‚Mineral‘ [gemeint ist das Vorgängeralbum von 2006] kombiniert. Mauro trägt ein perkussives Element bei, das völlig neu für mich ist. Ursprünglich schwebte uns ja was Brasilianisches vor, am Ende ging’s aber fast Richtung Afrika. Und sobald er den jazzigen Vibraphon-Break in ‚It Washed Away‘ spielt, klingt es beinahe nach Bobby Hutcherson.“

Auf die Vielseitigkeit von „Feel“ ist Jesse Harris zu Recht stolz. Die Klangpalette war noch nie so bunt wie hier, sie reicht von Akustikfolk über Rockanklänge und Jazziges bis zur Weltmusik aus Südamerika und Afrika. „You And Me“ ist ein countryfizierter Walzer, „Fire On The Ocean“ begeistert mit einem federnden Reggae-Rhythmus, das entwaffnend weise „Walk On“ greift auf Groove-Muster vom ‚Schwarzen Kontinent‘ zurück, und „How Could It Take So Long?“ schließlich klingt mit seiner Mundharmonika und dem urtümlichen Banjo nach Delta-Blues.

Aufgrund der lockeren Arbeitsweise ohne lange Vorbereitungszeit wurde all das geradezu livehaftig und laidback eingespielt. Das war freilich nur möglich, weil sich die meisten der be-teiligten Instrumentalisten schon seit langem kennen und sozusagen blind verstehen. Mit Drummer Andrew Borger, bekannt aus Norah Jones‘ Handsome Band, war Jesse Harris vie-le Monate auf Tournee, Bassist Tim Luntzel gehört seit den Ferdinandos-Tagen zu seinen treuen Weggefährten, und Organist/Pianist Jon Dryden ist ihm seit gemeinsam bestrittenen Live-Terminen an der Seite von Songwriter-Kollege Richard Julian eng ans Herz gewachsen. Dieses Team aus Gleichgesinnten ging „Feel“ nicht so sehr als Studioproduktion, sondern eher als Konzert oder Jamsession an. Oder genauer gesagt: wie einen Abend unter Kum-pels, die einfach nur zum Spaß miteinander musizieren. Das geteilte Vergnügen der Mitwir-kenden zeichnet „Feel“ denn auch in ganz besonderer Weise aus und ist in jedem Moment spürbar. Vor allem deswegen ist das jüngste Opus von Jesse Harris nicht nur ein Dokument der überbordenden Kreativität, sondern gleichermaßen eines der Freundschaft und Zusam-mengehörigkeit. That’s what friends are for!