JazzXChange – Walk Tall

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JazzXChange – Walk Tall

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Im Verlauf seiner fünfzigjährigen Karriere stand Joe Zawinul mehrfach an der Spitze der Jazzentwicklung. Er gab dem Jazz gemeinsam mit Cannonball Adderley einen Soul-Anstrich, erfand mit Miles Davis den Electric Jazz („In A Silent Way“, „Bitches Brew“) und erschuf mit Weather Report und seinem Zawinul Syndicate unter Einbeziehung ethnischer Elemente eine panglobale Jazzmusik, die keine geographischen Grenzen kennt. Jetzt würdigt die Band JazzXChange den 2007 verstorbenen Tasten-Tausendsassa, der stets auf der Suche nach neuen Herausforderungen war und bis heute als bedeutendster Europäer in der Geschichte des Jazz gilt, mit einem Tribute-Album.

Für „Walk Tall“, eingespielt für Blue Note Germany, hat man lauter Titel des österreichischen Musikbotschafters ausgewählt, die er in den 1960er Jahren im Ensemble von Cannonball Adderley komponierte. „Mercy Mercy Mercy“ (mit über einer Million Singles bis dato die meistverkaufte Jazzaufnahme überhaupt), „Scotch And Water“, „Walk Tall“ (1969 zu Ehren von Martin Luther King verfasst), „Country Preacher“ und andere Frühwerke des Josef Erich Zawinul werden hier mit Respekt, aber auch musikalischem Witz interpretiert. JazzXChange zerlegen die Klassiker sozusagen in ihre Bestandteile, streichen alles Unnötige und fügen die Essenz dann wieder zu einem kompakten, ungemein knackigen Jazzsound zusammen.

Diese Methode hat ja 2006 auch schon beim Albumvorgänger „Well, You Needn’t“ bestens funktioniert. Seinerzeit hatten JazzXChange Stücke von Sonny Rollins, Milt Jackson, Benny Golson, Thelonious Monk, Joe Henderson etc. zeitgemäß aufbereitet. In Printpublikationen, Fernsehen und Rundfunk wurde die erste Veröffentlichung der in Deutschland beheimateten Gruppe ausführlich besprochen, was zugegebenermaßen nicht nur am tadellosen Produkt lag. Nein, die Medien waren auch wegen der ungewöhnlichen Besetzung auf JazzXChange aufmerksam geworden. Neben ausgebufften Profis der hiesigen Jazzszene befanden sich in den Reihen der Band damals nämlich zwei Wirtschaftsführer unseres Landes: August-Wilhelm Scheer gehörte früher zum Aufsichtsrat der SAP AG und ließ nun plötzlich mit einem feinen Ton am Baritonsax aufhorchen; Werner Seifert war zwischen 1993 und 2005 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börse AG und überraschte auf „Well, You Needn’t“ mit gewieften Keyboard-Kenntnissen. Für die Vertreter der Medien war die Umschulung vom Manager zum Musiker ein gefundenes Fressen, sie ließen sich die Story nicht entgehen und schwangen sich zu Schlagzeilen wie „Von der Stock Exchange zur JazzXChange“ auf.

Bei soviel Publicity für die beiden unkonventionellen Wirtschaftsführer kam die Musik in der Berichterstattung mitunter etwas kurz. Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hat, bleibt zu hoffen, dass der Nachfolger „Walk Tall“ nun etwas sachlicher behandelt wird und dann mehr im Feuilleton statt im Wirtschaftteil zu finden ist. Verdient hätte er es allemal, und auch die erstklassigen Mitglieder der inzwischen umbesetzten Band hätten dies verdient. August-Wilhelm Scheer ist diesmal nicht mehr dabei, er widmet sich wieder anderen Aufgaben, sein Finanzkollege Werner Seifert zeigt jedoch weiterhin, dass er nicht nur die großen Schalthebel der Wirtschaft bedienen kann, sondern auch die Tasten vom Fender Rhodes, Wurlitzer Piano und der Hammond B3 souverän beherrscht. Nach dem Motto „Notenpapier statt Wertpapier“ frönt er einmal mehr seiner Jazzleidenschaft und macht dabei eine richtig gute Figur.

Aus seiner Wahlheimat Irland, wo er sich nach dem Ausscheiden aus der Deutschen Börse AG niederließ, hat Werner Seifert mit Stephen Housden einen echten Topcrack zu JXC (kurz für JazzXChange) gebracht. Bevor Housden 1999 mit seiner Familie nach Cork zog, lebte er lange Jahre in Australien. 1981 erhielt er dort das Angebot, sich der Little River Band anzuschließen, seither hat der Gitarrist mit der Rockband mehrfach den Globus umrundet und weltweit mehr als 25 Millionen Platten verkauft. Nebenher wirkte er an Werbe-Jingles und Film-Soundtracks („Crocodile Dundee“) mit.

Die anderen Mitglieder von JazzXChange genießen ebenfalls einen ausgezeichneten Ruf. So stand etwa Thomas Siffling schon mit den Söhnen Mannheims, DePhazz und Joachim Kühn im Studio. Er veröffentlichte mehrere CDs unter eigenem Namen, ging mit Mardi Gras BB auf Tournee und war am Film „Mein perfektes Leben“ beteiligt. Inzwischen ist der Trompeter aus der deutschen Jazzszene nicht mehr wegzudenken. Das Gleiche gilt für Oliver Strauch. Der studierte Drummer absolvierte in den letzten Jahren Konzertauftritte mit Größen wie Roy Hargrove, Kenny Wheeler, Randy Brecker und Lee Konitz, er trat 2000 mit eigenem Ensemble bei der EXPO in Hannover auf und schrieb Musik fürs Theater und Kino.

Olaf Schönborn gründete 1994 das Jazzquartett Modern Walkin‘ (sic!) und veröffentlichte mit ihm drei Alben. Des Weiteren arbeitete der Altsaxophonist mit Herb Geller, Ack van Royen, Maria Schneider, der Bigband Kicks’n Sticks, Reggaekünstler Cashma Hoody und dem Rockprojekt Schwefel und Schokoladendämpfe. In Workshops von Dave Liebman, James Moody, Ernie Watts und Greg Osby holte sich der Bläser den Feinschliff, bevor er dann selbst an diversen Instituten sein Wissen als Dozent weiterreichte. Bassist Thomas Heidepriem war schon Sideman von Manfred Schoof, Carla Bley, Toots Thielemans und Maria Joao, er trat mit Wolfgang Dauner und Michael Sagmeister auf und ging für das Goethe-Institut auf Tournee. Seit 1991 ist der Autodidakt, der Jaco Pastorius zu seinen Vorbildern zählt, Mitglied der hr-Bigband.

Mit Edo Zanki zuguterletzt ist Werner Seifert ein ganz besonderer Coup geglückt. Dessen souligen Gesang schätzt er seit vielen Jahren, und es war schon immer sein Wunsch, einmal mit dem gebürtigen Kroaten gemeinsame Sache zu machen. Auf „Walk Tall“ ist es endlich so weit. Zanki kam als Gast für den Titel „Country Preacher“ ans Mikrofon, und auch „Mercy Mercy Mercy“ verdelte er mit seiner unnachahmlichen Soul-Stimme.

Bei den anderen Stücken, allesamt Instrumentals, pendelt das exzellente Line-up zwischen Hardbop („One For Newk“), funky groovenden Nummern („Money In The Pocket“) und Souljazz („Sticks“). In der Neufassung erfahren Zawinuls Vorlagen dabei stets den Respekt, der ihnen gebührt. Das Erbe von „Joe Vienna“, wie ihn Dinah Washington ihrem Publikum vorstellte, wird auf dem Album „Walk Tall“ behutsam behandelt. Oberste Maxime war, den Spirit des berühmten Österreichers zu erhalten und seine Musik für die Nachwelt zu bewahren. Und das gelingt JazzXChange zweifelsohne in jeder Note. Damit wird die Hoffnung, die Erich Zawinul wenige Tage nach dem Tod seines Vaters zum Ausdruck brachte, schöne Wirklichkeit. Er sagte damals: „Joe Zawinul wurde am 7. Juli 1932 in Erdzeit und am 11. September 2007 in Ewigkeitszeit geboren. Er lebt weiter.“