Joe Lovano/ UsFive – Folk Art

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Joe Lovano/ UsFive – Folk Art

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(Blue Note; VÖ: 08.05.09) Joe Lovano ist zwar noch keine 60, aber längst ein Urgestein unter den Blue-Note-Künstlern. Natürlich genießt der mit Grammy, Ehrendoktortitel und kontinuierlichen DownBeat-Poll-Gewinnen dekorierte Tenorsaxophonist alle denkbaren Freiheiten. Und auf „Folk Art“, seinem mittlerweile 21. Album für Blue Note, nutzt er diese Freiheiten so ausgiebig, dass sie letztlich genau jene Philosophie vertreten, die Bruce Lundvall von den beiden Gründervätern Alfred Lion und Francis Wolff, die das berühmte Label 1939, also vor 70 Jahren, gründeten, übernommen hat. „Folk Art“, aufgenommen mit einem frisch zusammengestellten Quintett namens Us Five, markiert nicht nur die Begegnung von Lovano mit jungen Talenten, sondern es ist auch sein erstes Blue-Note-Album, auf dem sich ausschließlich eigene Kompositionen befinden.

„Lion und Wolff wollten immer junge Talente, die zu sich selbst finden und denen bewusst ist, was für originelle, schöne Musik in ihnen steckt“, erklärt Joe Lovano, der damit natürlich auch Bruce Lundvall anspricht, der seit 25 Jahren das Ruder bei Blue Note in der Hand hält und denselben Kurs eingeschlagen hat. „Sie gaben diesen unglaublichen Musikern grünes Licht, eine Plattform und Aufnahmemöglichkeiten. Das hat ihnen ermöglicht, sich als Musiker zu entwickeln. Das ist mir ganz genau so gegangen. Ich hatte die Möglichkeit, viele meiner Stücke festzuhalten, und vieles von dem, was ich geschrieben habe, nutzte ich für die jeweiligen Treffen mit anderen. Die Tradition eines Musiker-Komponisten fortzusetzen, ist das Vermächtnis von Blue Note an jene von uns, die heute für das Label aufnehmen.“

Für „Folk Art“, das nach einer einwöchigen Probe im New Yorker Jazzclub Village Vanguard im Dezember letzten Jahres im Studio aufgenommen wurde, stellte Joe Lovano neun seiner Kompositionen zusammen, auf denen er nicht nur am Tenor- und Altsaxophon zu hören ist, sondern auch an der Altklarinette, dem Taragot, dem Aulochrom und an Percussion. Begleitet wird er von James Weidman am Piano, Esperanza Spalding am Bass sowie von den beiden Schlagzeugern Otis Brown III und Francesco Mala. Mit dieser Truppe reizt Lovano nicht nur ein weites Spektrum an „Farben, Klängen und Gefühlen“ aus, er experimentiert auch in dem Verlauf der Stücke mit den Möglichkeiten des Quintetts, des Quartetts, des Trios und des Duos, besonders mit der perkussiven Kraft der beiden Schlagzeuger, sowie mit diversen Soli.

Seinen bedeutend jüngeren Begleitmusikern offeriert Lovano, dessen verschlungene melodische Pfade und dessen Timing immer im Kontext zum kreativen Dialog unter den Musikern stehen, größtmöglichen Spielraum, das Material zu interpretieren, „sich die Freiheit zu nehmen, sein eigenes Spiel zu formen und herauszukristallisieren“. Gleichwohl führt Lovano das Quintett mit der gebotenen Autorität, auch wenn er nach außen immer offen bleibt. Mit der Ausnahme von Weidman sind die Musiker für Lovano Neuland. „Die Musik spiegelt unsere unterschiedlichen Wurzeln wider. Francesco stammt aus Kuba; Otis ist ein echter New-York-Schlagzeuger; Esperanza hat einen sehr lyrischen Ansatz; und James umfasst Jazz, Blues, Gospel und freie Formen. Es ist ein kontinuierliches Studium dessen, wie man mit gegenseitigem Respekt und selbstlosem Ansatz zusammenspielt.“
„Es ist das erste Mal, dass ich eine Gruppe mit Musikern zusammengestellt habe, die nicht zu meiner Generation gehören, die noch nicht einen vollkommenen Ansatz entwickelt haben und hier bestimmte Dinge zum ersten Mal ausprobieren. Alle haben ganz wache Augen und Ohren und das hat auch mich auf neue Ideen gebracht, als ich diese Kompositionen zusammenstellte, die ich zuvor mit noch niemandem gespielt hatte. Das erinnerte mich an Tony Williams und Herbie, als sie in jungen Jahren mit Miles spielten – oder als McCoy Tyner erstmals auf Coltrane traf.“

Tatsächlich hat Joe Lovano in den letzten Jahren immer wieder auf das Werk von John Coltrane verwiesen. Während Lovano in den letzten zwei Jahren quasi mit „Folk Art“ schwanger ging – und wenn er nicht gerade mit einem seiner eigenen Projekte beschäftigt war (darunter sein Nonett sowie das mit Hank Jones geführte Quartett und Duo) – spielte er in Tyners Quartett und bildete gemeinsam mit Dave Liebman und Ravi Coltrane das Saxophone Summit. „Ich habe Coltranes Musik aufgesogen und bin gerade beim Saxophone Summit dessen frei fließenden, harmonisch-melodischen Balladen der späten Jahre auf den Grund gegangen. Diese Erfahrung und das spirituelle Gefühl, das ich beim Spiel mit McCoy und Hank empfinde, haben für die vorliegenden Kompositionen den Grundstein gelegt.“

So schimmert der späte Coltrane auf „Folk Art“ besonders bei Balladen wie „Wild Beauty“ und dem seiner Frau, der Sängerin Judi Silvano gewidmeten „Song For Judi“ durch, beides Kompositionen, bei denen der melodische Liebreiz in jeder Nuance ausgeschöpft wird. Bei dem Opening Track „Power House“ wiederum gibt Lovano nicht nur der Neigung nach, wie eine Naturgewalt aufzuspielen, er ist hier auf der steten Suche „mir die Wendungen und Vorsätze von Bird und Coltrane auf meine eigene Art anzueignen und hierbei mit Ornette Colemans harmolodischen Ideen zu spielen – das ändern der Bedeutung von Noten durch den Wechsel von Färbungen und Tonarten.“

Auf dem Titelsong spielt Lovano das Thema zunächst auf einem Altsaxophon über eine mehrstimmige Improvisation. Während das Quintett zum Drum-Duo wechselt und dann wieder Fahrt aufnimmt, hat Lovano zum geradlinig intonierten Tenorsaxophon gewechselt, bevor das Stück dann in eine freie Improvisation mündet. „Dieser Ansatz ist Jazz für mich“, so Lovano. „Das ist meine Form der Folk-Music. Man kann eine Vielzahl von Einflüssen aus der Welt der Musik in seinen eigenen Kompositionen und Improvisationen einbringen.“

Selten hat sich Lovano in der Wahl der Instrumente so experimentierfreudig gezeigt. In „Drum Song“, eigentlich ein prächtiger Dialog für die beiden Schlagzeuger, glänzt Lovano an Gongs und dem Taragot, ein ungarisches Folkinstrument, das wie eine Mischung aus Klarinette und Sopransaxophon „mit vielen Farben und einer menschenähnlichen Stimme“ klingt. Nicht minder sensationell brilliert Lovano auf dem Aulochrome, eine Art doppeltes Sopran, das sich polyphon spielen lässt. „Ich spiele das Instrument nun seit drei Jahren“, erzählt Lovano, „und ich habe einen gitarrenähnlichen Ansatz entwickelt, bei dem ich mit der linken Hand einzelne Töne oder Bünde greife.“ „Dibango“, natürlich der afrikanischen Musikerlegende Manu Dibango gewidmet und entsprechend funky, klingt jedenfalls furios. Auf „Page 4“, das auf einem Folkmotiv beruht, wechselt Lovano an die Altklarinette, bevor er zum Finale „Ettenro“ (Ornette rückwärts buchstabiert) noch einmal sein ganzes Können am Altsaxophon aufblitzen lässt. Tief in den Traditionen der Jazzgeschichte verwurzelt, führt Joe Lovano auf „Folk Art“ aufstrebende Youngster mit Finesse und Furor in die Zukunft des Jazz. Da dürfte nicht nur Bruce Lundvall restlos begeistert sein.