Charles Aznavour – Encores

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Charles Aznavour – Encores

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CharlesAznavour_Encores (Barclay, VÖ: 08.05.2015)

Eine Zugabe – Für immer andauernd. Diese Zugaben, immer und immer wieder. Charles Aznavour schafft es mit anscheinender Leichtigkeit die Worte seines Songs „Avec un brin de nostalgie“ (Mit einem Hauch von Nostalgie) zu vermitteln und somit sein neues, mittlerweile 51. Album anzukündigen. Mit fast 91 Jahren, ist Charles Aznavour noch lange nicht fertig. Lernen, Zugaben, Ruhestand? „Mein Ruhestand?“, lacht er, „Mit einem Stock laufen? Und meinen Bart lang wachsen zu lassen, weil ich mich nicht jeden Morgen rasieren kann? Das ist nicht mein Ding. Ein guter Ruhestand bedeutet, nicht im Ruhestand zu sein.”

Eine 83 Jahre andauernde Karriere. Schon im zarten Alter von neun Jahren kletterte der frühreife Künstler auf Bühnen, während seine Künstler-Eltern als armenische Immigranten Probleme hatten, in Paris über die Runden zu kommen. Seither arbeitete er non-stop. Aufzuhören ist sicherlich keine Option, so fügt er immer noch neue Songs zu seinem ohnehin schon umfangreichen Repertoire hinzu: ”Ich schreibe viel, und jeden Tag. Wo ich auch hingehe, habe ich meinen Schreibtisch. Eigentlich soll man es ja nicht sagen, während man ein Album veröffentlicht, aber ich habe das nächste bereits geschrieben… Ich bin kein großer Träumer. Ich bin eher ein Macher als ein Träumer.“

Charles Aznavour hat diesen tiefen und ehrlichen Blick, dazu ein verschmitztes Lächeln. Er rühmt sich damit denselben ambivalenten Charakter zu haben, den alle bedeutenden und großartigen Männer haben – Den Pragmatismus eines Maestros und die Sorgenfreiheit eines Schuljungen. Diese Symbiose spiegelt sich natürlich in der Musik wieder. Seine Songs schreibt er mit einer gewissen Unbekümmertheit, wie auch die 12 neuen Tracks. Mit Texten immer auf den Punkt, die Geschichten voll außerordentlicher Emotionen erzählen. Die Songs wurden sorgsam geschliffen “ohne ein Wort zu beinhalten, dessen einziger Sinn der eines Lückenfüllers oder der Vervollständigung eines Reims wäre.“ Etwas zu entdecken, sich selbst zu überraschen: Encores ist das erste Album, für das Aznavour nicht nur die Texte geschrieben und die Musik komponiert, sondern diese auch arrangiert hat. “Ich habe sie arrangiert, obwohl ich eigentlich keine Musik schreibe. Schließlich schrieb ich schon Texte, bevor ich Französisch konnte, und schauspielerte, obwohl ich auch hiervon nichts wusste. Wenn ich etwas machen muss, dann mache ich es. Wenn ich nicht weiß wie, dann lerne ich es. Es hält einen wach und man lebt besser; und deswegen lebt man auch länger.“

Also lernt und erschafft Aznavour schonungslos Neues, auf dem Weg zu seinen Erinnerungen. Das verwendete “Ich“ ist dabei nicht immer unbedingt dieselbe Person seiner Autobiographie. Obwohl er in “Des petits pains au chocolat“ seiner Kindheit gedenkt und in in „La Maison rose“ die feuchtfröhlichen Nächte in Montmartre, befasst er sich auch mit dem Leben einer blinden Person in „Des ténèbres à la lumière“, reflektiert das Leben eines Bauern, in Verbindung zu dem Land seiner Vorfahren in „Et moi je reste là“, und zollt Tribut an einen wichtigen Charakter des Widerstandes gegen die Besatzung in „Chez Fanny“.

Die verschiedenen Farben der Melancholie, werden in der Single-Auskopplung „Avec un brin de nostalgie“ behandelt. Der Song zeigt die Richtung von Encores: Verfolgt von Einsamkeit, Reue, verletzten Leben und überwältigenden Emotionen.

Aber selbstverständlich gibt es auch Liebeslieder. „T’aimer“, „Ma vie sans toi“, „Mon amour je te porte en moi“… Diese Liebe, die der Sänger so häufig in Frage gestellt und gleichzeitig hinein investiert hat. Die Liebe, über die er gut schreiben kann, und die Liebe, die wir alle gerne leben würden. Seine neuen Songs bestätigen erneut, dass er ein wahrer Meister darin ist, diese Leidenschaft in Worte zu fassen, und beweisen sein enormes Talent. Als Songschreiber war Charles Aznavour schon immer dazu in der Lage, uns die andere Seite der normalen, romantischen Mechanismen aufzuzeigen, wie mit „Tu t’laisses aller“ oder „Désormais“, und uns einen Spiegel unseres Lebens vorzuhalten. Hier ist seine Feder bewegter denn je.

Und da ist natürlich auch diese Stimme. Seine Stimme, die lange von Kritikern und Künstlern gleichermaßen beschimpft wurde. Seine Stimme, die keinen Zuspruch fand. So musste er sich anhören “Du wirst doch wohl nicht singen wollen, mit einer Stimme wie der deinen?“. “Nun fragen sie mich, wie wirst du weitermachen, mit dieser Stimme? Tja, ich mache einfach weiter!“. Ja, Charles Aznavour, das Gespött überwindend, sang immer weiter. Die Produktion von Marc Di Domenico stellt seine Stimme somit ganz zu Recht in den Vordergrund, in aller Ehrlichkeit und Offenheit, ohne Schall und Rauch, der versuchen könnte, sein wahres Alter zu verbergen. Und ja, Aznavour hat immer noch viel Freude daran zu singen. Sein Treffen mit Benjamin Clementine (Gewinner für die beste Live Performance als Newcomer des französischen Musikpreises) für „You’ve Got To Learn“, der englischen Version von „Il faut savoir“, ist ein großes Symbol für die akzeptierte Zerbrechlichkeit, die bei einer Zusammenarbeit von zwei Künstlern einhergeht. Der Jüngere bewundernd und der Ältere fürsorglich, erlauben es sich beide in aller Offenheit zu singen. Ganz ohne Schnörkel.

Da liegt das Herz des Albums, dieser “Zugaben”: Der Sänger öffnet sich. In den tiefen Tönen, in dem zitternden Gesang fast nicht versteckt, Charles Aznavour packt seine Lieder kompromisslos aus, mit außerordentlicher Authentizität. Er schwelgt schon jetzt in Vorfreude der kommenden Konzerte, bei denen er fast alle der 12 Songs singen wird, “sowie ältere Lieder, die niemand zu dem damaligen Zeitpunkt gehört haben wird. Früher nahm ich meist nur vier oder maximal fünf Songs meines neuen Albums. Hier wird es definitiv mehr sein”. Und Platz für Zugaben wird es sicherlich geben.

charlesaznavour.com