Canzioniere Grecanico Salentino – Quaranta

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Canzioniere Grecanico Salentino – Quaranta

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CGS_Quaranta (Ponderosa, VÖ: 01.05.2015)

Weinkenner werden bei Nennung eines „Grecanico“ mit der Zunge schnalzen und an die alte Weißweinsorte denken, doch der Begriff steht in Italien für wesentlich mehr als köstlichen Rebensaft. Er erinnert in den unterschiedlichsten Bereichen an die Spuren griechischer Eroberer und Migranten, die insbesondere auf der Halbinsel Salento, im äußersten Südosten Italiens gelegen, bis heute zu finden sind. Deren Kultureinflüsse reichen bis in die Antike zurück, als Griechen im 8. Jahrhundert v.Chr. dort Kolonien gründeten. Im Mittelalter kam es abermals zu Wanderungsbewegungen, seinerzeit schlugen die Griechen im salentinischen Städtedreieck Gallipoli/Narde/Otranto ihre Zelte auf. Die 24 Griechengemeinschaften, die es um 1500 gab, sind mittlerweile auf acht geschrumpft, nur noch Reste ihrer Kultur blieben erhalten. So hört man etwa in der Gemeinde „Graecia Salentina“ bisweilen noch Gespräche in „Griko“, einem Dialekt aus altgriechischen, byzantinischen und italienischen Elementen. Allerdings verstehen nur noch rund 40.000 meist ältere Menschen den Dialekt, an die junge Generation wird er kaum mehr weitergereicht.

Canzoniere Grecanico Salentino stammen von dieser kleinen Sprachinsel und haben es sich zur Aufgabe gemacht, neben Griko auch die ganz spezielle Folklore und die Volkstänze, das Kulturerbe und die Themen, die ihre Heimat bewegen, zu konservieren bzw. für Menschen von heute aufzubereiten. 2015 gelingt das der ältesten traditionellen Musikgruppe Italiens mit einem wunderbaren Jubiläumsalbum. Im 40. Jahr ihres Bestehens spielt sie die regionale Tarantella-Variante „Pizzica“ (von „pizzicare“ = zwicken, beißen, stechen) mit so viel Biss, dass der Hörer schon nach wenigen Takten hellwach ist. Auf dem passend betitelten Album „Quaranta“ (= vierzig) hält das Septett die uralte Musikform aus der Region Apulien mit so viel Feuer am Leben, dass einem um deren Fortbestand nicht bange sein muss. Aus betont eng gesetzten Harmoniegesängen und tranceartigen Tanzrhythmen wird da ein urwüchsiger Sound mit Sogwirkung erschaffen. Wenn die führenden Vertreter des Pizzica-Genres an der Ciaramella-Schalmei, der Zampogna-Sackpfeife, an Blockflöte, diatonischem Akkordeon, Geige, Bouzouki und Trommeln mit so klangvollen Namen wie Tamburello (dem Tamburin verwandt), Tapan und Tammorra loslegen, gibt es kein Halten!

Eingespielt wurde „Quaranta“ zum größten Teil auf dem nur einen Kilometer von der Adria entfernten Landgut Tenuta Monacelli. Inmitten von Olivenhainen hielt das Ensemble dort mitreißende Songs in Griko, salentinischer Mundart und auf Italienisch fest. „I Love Italia“ ist der einzige Song in englischer Sprache, den Text dazu verfasste Singer/Songwriter Piers Faccini aus London. Die Songlyrik zu „Solo Andata“, der ersten Singleauskopplung, stammt aus der Feder von Schriftsteller Erri De Luca. Der Römer thematisiert darin das auch in den Medien immer wieder auftauchende Drama nordafrikanischer Flüchtlinge, die nach einer beschwerlichen und gefährlichen Reise übers Meer im Süden Italiens ankommen, ohne dort willkommen zu sein. Amnesty International war von „Solo Andata“ (= einfache Fahrkarte) so beeindruckt, dass es bereits im letzten Jahr einen Art and Human Rights Award dafür gab.

Damit nicht genug der Gastteilnehmer: Ludovico Einaudi schrieb mit Bandleader Mauro Durante gemeinsam die Musik von „Taranta“ und ist daneben am Klavier zu hören, Fanfara Tirana setzen an ihren Blechblasinstrumenten Akzente, und Valerio „Combass“ Bruno von der Band Après La Classe zupft in mehreren Tracks den Viersaiter. Den Produzentenjob übernahm Ian Brennan, er hatte zuvor bereits mit Größen wie Bill Frisell, Jovanotti, Flea und Lucinda Williams zusammengearbeitet, für die Albumproduktion „Tassili“ der malischen Band Tinariwen erhielt er 2012 einen Grammy.

Canzoniere Grecanico Salentino wurde im Jahr 1975 von Daniele Durante gegründet, er reichte 2007 den Staffelstab an seinen Sohn Mauro Durante weiter. Dem jungen Bandleader ist es zu verdanken, dass die Gruppe aus der 93.000-Einwohner-Stadt Lecce auch im 40. Bandjahr noch nichts von ihrer Energie verloren hat. Nach sage und schreibe 17 Alben und unzähligen Liveauftritten in der italienischen Heimat und vielen europäischen Ländern, im Nahen Osten, den USA und Kanada klingt alles so frisch wie am ersten Tag. Die britische Tageszeitung The Independent resümierte in einer Albumrezension denn auch treffend: „Traditionelle Musik hat selten intensiver, geheimnisvoller und dringlicher geklungen.“

www.canzonieregrecanicosalentino.net