Ambrose Akinmusire – When The Heart Emerges Glistening

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Ambrose Akinmusire – When The Heart Emerges Glistening

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Ambrose_Akinmusire (EMI Blue Note, VÖ: 29.04.2011)
EMI Blue Note – When The Heart Emerges Glistening Wenn gegen Ende des Albums „When The Heart Emerges Glistening“ der Jazzklassiker „What’s New?“ aus dem Jahr 1939 in einer erfinderischen Neufassung erklingt, dann ist die Frage im Songtitel nur noch rhetorischer Natur. Die Antwort darauf lautet nach dem Anhören des Blue-Note-Debüts von Ambrose Akinmusire ohne jeden Zweifel: Alles ist neu! Der 28-jährige Trompeter und Komponist, geboren und aufgewachsen im kalifornischen Oakland, liefert ein starkes Manifest ab, ein persönliches Statement voller Selbstsicherheit, Weitsicht und Klarheit, weshalb sich wohl schon bald die Köpfe nach ihm umdrehen werden.

Akinmusire hat sein Album gemeinsam mit Jason Moran produziert, mit dem er nicht nur das Label teilt, sondern der auch zu seinem Mentor avanciert ist. Zehn der zwölf Tracks hat Akinmusire selbst komponiert und sie mit seinem ebenfalls noch jungen Quintett eingespielt. Neben ihm selbst gehören der Tenorsaxophonist Walter Smith III, der Pianist Gerald Clayton, der Bassist Harish Raghaven und der Schlagzeuger Justin Brown dazu, eine eingeschworene Gruppe, deren langjährige Freundschaft zu einer starken Gruppenidentität geführt hat. So ist sich die New York Times sicher, dass dieses Quintett bald noch sehr viel von sich reden machen wird und schwärmte von ihrem einzigartigen Sound, „einem geschmeidigen, unmittelbaren Jazz mit dem notwendigen Geheimnis und einem Popinstinkt jenseits des Mainstreams, was sich an dem Trompetenspiel ebenso zeigt wie an der ausgezeichneten Bandführung.“
Die Los Angeles Times nahm Akinmusire in die Liste der Musikerpersönlichkeiten auf, die man in diesem Jahr unbedingt auf der Agenda haben sollte. In höchsten Tönen lobte die Zeitung kürzlich eine Performance des Quintetts: „Akinmusire und seine Band bestechen durch ihr ebenso fließendes wie abenteuerliches Zusammenspiel und durch ein fantasievolles Gespür für Melodien, die tief in der Musikgeschichte verwurzelt sind, doch zugleich zu etwas ganz Neuem wachsen. Mit seinem chamäleonartigen Spiel, das seufzen, flattern und hoch hinaufsteigen kann, klingt Akinmusire nicht wie ein aufgehender Stern, sondern wie einer, der bereits hoch am Himmel steht und nur noch darauf wartet, entdeckt zu werden.“
Entdeckt worden ist Ambrose Akinmusire in gewisser Weise von dem Saxophonisten Steve Coleman, der als spiritueller Godfather der zeitgenössischen Jazzszene gilt. Akinmusire gehörte als Teenager dem Berkeley High School Jazz Ensemble an. Coleman hatte einen Workshop an der Schule gegeben und das ungemeine Talent des jungen Trompeters schnell erkannt. Kurze Zeit später verpflichtete er den gerade mal 19-jährigen für sein Five Elements Ensemble und nahm ihn mit auf Europatournee. Coleman nahm den Jungen ganz unter seine Fittiche und gab ihm später ein Credo mit auf den Weg: „Everything you don’t love, make sure that’s not in your playing.“
Akinmusire hat diesen Ratschlag immer beherzigt. Die Suche des Trompeters nach seiner ganz eigenen Stimme als kreativer Musiker führte ihn von der Manhattan School of Music zurück an die Westküste, wo er an der University of Southern California seinen Master machte. Anschließend wechselte er an das Thelonious Monk Institute of Jazz in Los Angeles, wo neben Herbie Hancock und Wayne Shorter auch Terence Blanchard zu seinen Lehrern gehörte. Terence hat ihn weiter bestärkt, seiner inneren Stimme zu vertrauen. Und die zeigte sich im Jahr 2007 reif, auf besondere Art und Weise erhört zu werden. In diesem Jahr gewann er nicht nur den prestigeträchtigen Thelonious Monk Jazzwettbewerb – immerhin saßen in der Jury Koryphäen wie Quincy Jones, Herb Alpert, Hugh Masekela, Clark Terry und Roy Hargrove – sondern auch den Carmine Caruso Wettbewerb für Solotrompete. Ebenfalls 2007 erschien auf dem Fresh Sound New Talent Label seine Debütaufnahme „Prelude…To Cora“. Außerdem zog er nach New York und spielte dort live unter anderem mit Vijay Iyer, Aaron Parks, Esperanza Spalding und Jason Moran, an dessen innovativem Multimedia-Konzertevent „In My Mind: Monk At Town Hall, 1957“ er teilnahm.
Zu jener Zeit wurde auch Blue-Note-Chef Bruce Lundvall auf Ambrose Akinmusire aufmerksam und sieht in dem Musiker eine starke Option für die Zukunft des Jazz. Lundvall konnte den Musiker für Blue Note gewinnen und im September 2010 ging Akinmusire mit seinem Quintett in die Brooklyn Studios, um mit den Aufnahmen seines Label-Debüts zu beginnen – und das mit Jason Moran als Co-Produzenten. „In all den Jahren war er für mich nicht nur einer der Musiker und Künstler, zu denen ich stets aufgeschaut habe“, so Akinmusire über Moran, „er ist auch einer der offenherzigsten und ehrlichsten Menschen, die mir jemals in meinem Leben begegnet sind. Ich wollte einfach seine Energie im Studio spüren können.“
Bereits der Opener „Confessions To My Unborn Daughter“ beinhaltet einige der für das Quintett typischen Facetten, darunter der ungewöhnliche Kontrast zwischen Bombast und Schönheit, etwa wenn himmelhochjauchzende Soli sich schlagartig in Momente anrührender Zartheit umkehren, und das tiefe Verständnis zwischen Akinmusire und Smith. Wie die beiden sich instinktiv austauschen, die Seiten wechseln, jeweils die musikalischen Sätze des anderen vollenden, ist zweifellos ein Ergebnis einer nunmehr zwölf Jahre währenden Musikerfreundschaft. „Wir reden eigentlich nie über Musik“, erläutert Akinmusire. „Es ist erstaunlich, aber es fühlt sich so an, als sei er Teil meines Gehirns und ich ein Teil von seinem. Ich weiß genau, was er denkt, auf welcher Note er enden wird, wann er etwas spielen wird, wann er aufhören wird.“
„Confessions“ zeigt auch, dass Akinmusire eine Schwäche für faszinierende Songtitel hat, wie sich zum Beispiel am vorletzten Stück des Albums zeigt: „Tear Stained Suicide Manifesto“ (mit Moran am Klavier). Die Namen sind versteckte Hinweise auf die Geschichten, die er während des Entstehungsprozesses eines Songs entwickelt, wobei er deren Erzählstränge nicht selten zum Ausgangspunkt für eloquente Tonfolgen nimmt. „Bevor ich auch nur eine Note komponiere, lege ich erst den Titel fest“, erklärt er. „Ich brauche eine ganze Geschichte, um das Format für eine Komposition entwickeln zu können.“
Einige seiner Kompositionen haben aber doch ganz direkte Bezüge. „The Walls of Lechuguilla“ etwa handelt vom Mysterium eines verschlungenen Höhlensystems in New Mexico, auf das der Nachwuchstrompeter durch eine BBC-Dokumentation stieß. Das kraftvolle „My Name Is Oscar“, auf dem Akinmusires Spoken-voice-Darbietung lediglich von Browns sanfter Rhythmusarbeit unterstützt wird, basiert auf der wahren Begebenheit des 22-jährigen Afroamerikaners Oscar Grant, der am Neujahrsabend 2009 von einem Grenzschutzbeamten erschossen wurde, und zwar in Akinmusires Heimatstadt Oakland. „Ich möchte, dass die Leute davon erfahren. Ich will nicht, dass daraus eine Anti-Polizei-Hymne wird. Aber jedes Mal, wenn ich in meiner Stadt bin, werde ich daran erinnert. Die Menschen dort reden über die Sache, denn der Täter hat lediglich eine zweijährige Strafe bekommen und er wurde auch nicht des Mordes bezichtigt. In mir wirkt das immer noch nach, denn ich denke immer, es hätte auch mir passieren können, oder jemandem aus meinem Umkreis. Das Stück beginnt damit, das ich erst beschreibe, was passiert, und dann aus der Sicht von Oscar Grant weiterrede.“
„Ayneh (Cora)“ und „Ayneh (Campbell)“ sind zwei zarte Zwischenspiele, die der Künstler seiner Mutter gewidmet hat. „In Farsi bedeutet ‚Ayneh‘ Spiegel, oder eher Reflektion, und ich wollte einfach ein Stück spielen, das wie ein Ausatmen ist – etwas sehr Entspannendes. Danach habe ich das Stück auf den Kopf gestellt – nun ist der erste Takt der letzte, und dementsprechend stellte ich auch den Titel um, so dass es jetzt ‚Henya‘ heißt, und das ist zufälligerweise hebräisch und heißt ‚Gnade Gottes‘.“
„What’s New“ dagegen sollte man nicht ausschließlich ironisch verstehen. „Clifford Brown ist einer meiner liebsten Trompeter, und seine Version des Stücks ist einfach beeindruckend. Der Song ist also eine Art Tribut an ihn; aber gleichzeitig ist er auch meine Art, musikalische Traditionen zu würdigen.“
„‘When The Heart Emerges Glistening‘ bezieht sich darauf, dass man präsent ist, sich emotional einbringt, ehrlich ist – das bezieht sich nicht bloß auf unsere Kunstform, sondern auf jegliche Art des Ausdrucks“, erklärt Akinmusire den Albumtitel. „Es geht darum, unsere Brust zu öffnen, sich einander und sich selbst zu offenbaren, all das, was in uns steckt, ganz ehrlich zu reflektieren, auch wenn es hässlich ist, oder veränderlich, verwundbar, zornig, solide oder sicher. Das Herz ‚schimmert‘ weil es nass und frisch ist. Jeder Akt des Ausdrucks ist, als würde man das Herz frisch ausgraben, sodass wir, wenn wir genau hinhören, jeden gelebten Moment aufzeichnen, und das, was sich in uns verändert, andauernd zu hinterfragen. Wenn wir uns so verhalten, können wir auch besser eine tiefe Verbindung zu anderen aufbauen. Die vielen Facetten des Albums selbst sind Zeugnis unserer individuellen Komplexität und Einzigartigkeit; es ist ein Aufruf an jeden, die vielen Seiten, die jeden Menschen ausmachen, zu offenbaren und ehrlich auszuloten.“